Im Auge des Sturms

02.07.2019

Die Landwirtschaft stand immer im öffentlichen Fokus. Dafür gibt es drei Hauptgründe: Der erste ist, dass wir unsere Arbeiten vor aller Augen verrichten. Jeder kann sehen, wann wir die Äpfel spritzen oder Gülle ausbringen. Was aber zunehmend verloren geht, ist das Verstehen der Zusammenhänge.

Die Leute sehen nur, dass einer oft in die Apfelanlage fährt, aber nicht, dass er biologische Mittel verwendet und deshalb öfters behandeln muss. Sie riechen die Gülle und sehen in dieser eine Form von «Umweltverschmutzung», statt den wertvollen Dünger, der die Nährstoffkreisläufe auf dem Betrieb schliesst. Der zweite Grund für das grosse Interesse an der Landwirtschaft ist die Betroffenheit. Alle kaufen unsere Produkte und haben eine eigene Vorstellung davon, wie diese produziert sein sollten. Dabei hat man gerne hohe Anforderungen und schaut auf einwandfreies Aussehen. Die Bereitschaft für einen Mehrpreis fehlt aber oft. Der dritte Grund schliesslich sind die Direktzahlungen: Wo ich mitbezahle, will ich mitreden.
Doch was in der letzten Zeit abläuft, ist dennoch speziell. Vielleicht liegt es an den Diskussionen um Klimawandel und Insektensterben, die Umweltund Naturschutzthemen aktuell Hochkonjunktur verleihen. Bei so komplexen Themen ist es natürlich besonders naheliegend, einfache Antworten und klare «Schuldige» zu haben. Die aktuelle Initiativenflut zeigt, wie die Landwirtschaft zu einer Art Projektionsfläche wird: Sie kann und soll es richten. Das ist sehr befreiend für alle anderen. Das soll keine Ausrede sein. Die Landwirtschaft steht in der Mitverantwortung. Wer sie aber als einzige in der Verantwortung Stehende oder «Schuldige» sieht, macht es sich zu einfach.
Gerade in diesen Tagen mit der Behandlung der Trinkwasser-Initiative und der Initiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide im Parlament ist es besonders extrem. Es ist kaum auszuhalten, was an Studien, tendenziösen Artikeln und Sendungen, einseitigen Meinungsbeiträgen, vielen Halbwahrheiten und falschen Behauptungen in den sozialen Medien die Runde macht. Pflanzenschutzmittel sind nicht mehr Pestizide, sondern «Gift». Auch das Trinkwasser ist plötzlich «verseucht und vergiftet». Letzteres, obwohl die Fakten eine andere Sprache sprechen: Den vorgegebenen Wert von 0,0000001 g/l Rückstände an Pflanzenschutzmitteln halten 98 % der Trinkwasserfassstellen ein. Dass es für viele andere Stoffe wie Arzneimittel oder Schwermetalle gar keine solchen Werte gibt, scheint niemanden zu kümmern. Wir brauchen mehr Sachlichkeit und Fairness und weniger Profilierung auf Kosten der Bäuerinnen und Bauern.
Der aktuelle Sturms zeigt, dass Information und Aufklärung eine wichtige Aufgabe der Landwirtschaft ist. Wir müssen den Leuten Zusammenhänge und Hintergründe – aber auch die eigene Verantwortung beispielsweise beim Einkauf – zeigen und erklären. Der Schweizer Bauernverband hat seine diesbezüglichen Massnahmen verstärkt und zusammen mit seinen Mitgliedorganisationen die Kampagne «Wir schützen, was wir lieben» lanciert. Verschiedene Informationstafeln, Flyer, die Webseite verantwortungsvolle- landwirtschaft.ch mit Erklärvideos sowie die gleichnamige Facebookseite gehören dazu. Doch alles nützt nichts, wenn die Bauernfamilien diese nicht möglichst breit einsetzen. Auch wenn es im Auge des Sturm ruhig ist – rundherum gibts heftige Schäden! Deshalb sind alle gefordert, mitzuhelfen: Tafeln aufstellen, Flyer auflegen, Gespräche führen. Und nicht zu vergessen: sich auch verantwortungsvoll verhalten!


Urs Schneider
Stv. Direktor Schweizer Bauernverband

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