Ausgabe Nummer 7 (2007)

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1. Ostschweizer Biogastagung - Biogas hat Zukunft

In den Güllenlöchern schlummert grosses Potenzial: Aus einer Tonne Biomasse kann Energie für etwa 70 Liter Benzin gewonnen werden. Über Chancen und Stolpersteine beim Einstieg in die Biogasproduktion sowie die wirtschaftlichen und gesetzlichen Rahmenbedingungen wurde am letzten Freitag an der Biogastagung in Flawil gesprochen. Organisiert wurde diese Tagung auf Initiative von Michael Dubach, BBZ Arenenberg, zusammen mit Gallus Steiner, Landwirtschaftliches Zentrum St.Gallen, den landwirtschaftlichen Beratungsstellen der Kantone Appenzell Inner- und Ausserrhoden und Ökostrom Schweiz.

Das Vorbild einer Biogasanlage ist die Kuh: sie verwandelt Biomasse in Energie und Biogas. Biogas kann aus Gülle, Mist und biogenen Abfällen gewonnen werden. Also sind vor allem in der Landwirtschaft grosse Potenziale vorhanden, welche bisher wenig genutzt wurden. Anders als zum Beispiel in Deutschland wurden bis jetzt in der Schweiz Biogasanlagen wenig von politischer Seite her unterstützt. Es war sehr schwierig, eine Baubewilligung für eine Biogasanlage zu erhalten. Durch den hohen Ölpreis kam es nun zu einem Umdenken. Die politische Diskussion ist im Gang, und neue Regelungen, wie die kostendeckende Einspeisevergütung, werden ausgearbeitet. Grosse Konzerne wie Axpo, BKW und Coop steigen in die Biogasproduktion ein oder unterstützen diese. Hans-Christian Angele,Biogasexperte, ist überzeugt, dass sich die Rahmenbedingungen bessern werden: «Die Gewinnung von Biogas ist schon jetzt kontinuierlich steigend. In den nächsten fünf bis zehn Jahren erwarte ich einen weiteren Entwicklungsschub.» «Wenn alle vorhandenen Potenziale von Biogas genutzt würden, könnten zirka 5 Prozent des heutigen Strom- und 5 Prozent des Schweizer Wärmebedarfs gedeckt werden. Mit dieser Energie könnte ein kleines Atomkraftwerk wie Mühleberg ersetzt werden», rechnet Stefan Mutzner vor. Er ist Geschäftsführer von Ökostrom Schweiz, der Vereinigung der Biogasproduzenten.

Planung
«Sehr wichtig beim Bau einer Biogasanlage ist, das Konzept sehr gut durchzudenken und sich durch eine neutrale Person beraten zu lassen. Der Bauer sollte eine technische Begabung und hohes Interesse an Biogasanlagen mitbringen. Er sollte freie Arbeitskapazitäten haben; die Anlage bringt etwa eine bis zwei Stunden Arbeit pro Tag mit sich.Weiter sollte der Bauer genügend finanzielle Mittel haben », erklärt Angele über die Planung einer Biogasanlage. «Damit eine Biogasanlage rentabel ist, muss sie eine gewisse Grösse haben. Mindestens 100 Grossvieheinheiten sollten an die Anlage angeschlossen sein. Am besten ist es, wenn sich mehrere Bauern zusammenschliessen. Zudem sollten Co-Substrate wie Industrie-, Gärtnerei- und Gastroabfälle oder Panseninhalte verfügbar sein. Zu beachten ist, dass nicht alle Co-Substrate bei der Energieproduktion denselben Gasertrag produzieren. Gülle ist wenig ergiebig, während Glycerin sehr ergiebig ist.» Die Biogasanlage wirkt sich bei richtiger Dosierung der Co-Substrate positiv auf die Qualität der Gülle aus. Sie wird zu einem hochwertigeren Rohstoff. Pflanzen können dann die Nährstoffe besser lösen, und die Gülle stinkt weniger.
30 bis 50 Prozent des Ertrags kommen aus den Annahmegebühren von Co-Substraten. «Da immer mehr Bauern in die Biogasproduktion einsteigen, ist anzunehmen, dass Co-Substratspreise sinken. Co- Substrate werden immer stärker umkämpft werden», blickt Mutzner in die Zukunft. Alex Hofstetter, Betreiber einer Biogasanlage, erzählt von der Beschaffung von Co-Substraten: «Die Schweiz ist entsorgt, die Abfälle können nur noch anderen weggenommen werden.» Weiter gab er den Zuhörern mit auf den Weg: «Ich rate allen Interessierten, die Anlage gut zu planen und die Bedingungen für den Betrieb seriös abzuklären. Sonst besteht die Gefahr, in den Hammer zu laufen.»
Mutzner legt den Zuhörern nahe, die Abwärme zu nutzen: «Die Wärme kann, vor allem im Winter, gut verkauft werden. Zudem kann auf dem eigenen Hof Öl gespart werden. Schwieriger ist die Nutzung im Sommer. Möglichkeiten sind hier Heubelüftungen, die Trocknung von Pellets oder die Wärme in Kälte umzuwandeln.»

Stolpersteine
Daniel Ruch, Geschäftsführer Genesys Biogas AG in Frauenfeld, blickt über die Landesgrenzen hinaus: «In Deutschland herrschte vor einigen Jahren ein richtiger Biogasboom. Sehr viele Anlagen wurden gebaut. Heute sind viele Biogasbetreiber ernüchtert. Viele Betriebe sind nicht rentabel, einige mussten sogar schliessen.» Er beschreibt Probleme, welche das Betreiben einer Anlage erschweren: «Der Materialverschleiss ist relativ hoch. Nicht zu unterschätzen ist, dass die Rührwerke auch Energie benötigen. Und jede Stunde, die die Anlage stillsteht, kostet den Betreiber. Damit die Anlage rentabel ist, sollte sie 24 Stunden im Tag laufen. Die Wirtschaftlichkeit und ein ungenügender Businessplan können weitere Stolpersteine sein. Zudem sollte bei Störungen mit dem Anlagehersteller klar geregelt werden, wer was zahlt. Weiter darf der Kontakt mit Behörden nicht vernachlässigt werden.»

Faszination Biogas
Am Nachmittag wurde die Biogasanlage von Jürg Sprenger in Wängi besichtigt. Auf seinem Hof leben 50 Kühen und 200 Schweine. Der Hof umfasst 36 Hektaren Land, davon sind 4 Hektaren Acker. Sein Vater war bereits ein Biogaspionier, er baute 1983 eine solche Anlage. Seine Faszination hat der Vater an seinen Sohn weitergegeben: Jürg Sprenger ersetzte die Anlage im letzen Jahr durch eine neue.
«Der Papieraufwand war gross, allein der Umweltverträglichkeitsbericht umfasste 50 Seiten. Die Vorschriften sind sehr streng, aber teilweise sind sie auch nötig, da die Unfallgefahr bei unsachgemässer Planung und Nutzung hoch ist. Das Baugesuch wurde rasch von der Gemeinde angenommen», blickt Sprenger auf die Planungsphase zurück.
Die Anlage läuft seit zwei Monaten, nach vier Monaten sollte sie rentabel sein. Sprenger vergärt in seiner Anlage 2000 Kubikmeter Gülle und 2000 Tonnen Co- Substrate im Jahr. Die Beschaffung der Co-Substrate übernimmt für ihn Ökostrom Schweiz. Mit der Biogasanlage kann er sein Haus und das Haus seines Vaters heizen sowie den Schweinestall und den Melkstand. Im Winter ist 80 Prozent der Wärme sichergestellt. An ganz kalten Tagen muss mit einer Ölheizung zugeheizt werden.Ab nächstem Sommer besteht ein Projekt, im Rahmen eines Nahwärmeverbandes fünf Nachbarhäuser mit Wärme zu versorgen.
Sprenger führt weiter aus: «Täglich muss die Anlage kontrolliert und Material in die Vorgrube eingeführt werden. Je nachdem muss dieses Material noch verkleinert werden. Gerne in der «Gülle grüblä» ist Voraussetzung für einen Biogasbetreiber. Die Anlage läuft durch eine computerisierte Steuerung. Bei Störungen erhalte ich ein SMS. Störungen muss ich möglichst schnell beheben.»

Ursina Hulmann


Mehr Informationen
Interessante Links zu Biogasanlagen sind: www.oekostromschweiz.ch und www.biomasseenergie.ch. Auf dieser Seite finden Sie auch einen Finanzierungsleitfaden. Michael Dubach,Telefon 071 626 10 50, BBZ Arenenberg, berät Sie gerne bei weiteren Fragen.


2000 Kubikmeter Gülle und 2000 Tonnen Co-Substrate verarbeitet die Biogasanlage von
Jürg Sprenger im Jahr. (uhu)
2000 Kubikmeter Gülle und 2000 Tonnen Co-Substrate verarbeitet die Biogasanlage von Jürg Sprenger im Jahr. (uhu)