Ausgabe Nummer 2 (2004)

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… die niemand nicht kann

Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst …

 

… die niemand nicht kann

 
Eine grosse Sehnsucht steckt in uns: Wir möchten es immer allen Mitmenschen recht machen. Denn wer brav und folgsam ist, wird geliebt. Wir wollen geliebt werden. Und scheitern auf diesem Weg kläglich. Dauernd. Denn ich kann nie so leben, dass alle immer mit mir zufrieden sind!

Der seltsame Spazierritt
Johann Peter Hebel erzählt: Der Vater reitet auf dem Esel nach Hause. Sein Sohn geht daneben zu Fuss. Schon reklamiert ein erster Wanderer, der Vater habe doch stärkere Beine. Also reitet der Sohn. Prompt meldet sich ein zweiter Wanderer und vertritt das Gegenteil: der Vater habe doch alte, abgenutzte Muskeln. Also setzen sich beide auf den Esel. Da rügt der dritte Passant die Tierquälerei. Jetzt marschieren beide zu Fuss, links und rechts neben dem Esel. Natürlich belächelt der nächste Spaziergänger die komischen Leute; wenigstens einer könnte doch reiten. Entschlossen binden Vater und Sohn dem Esel Vorder- und Hinterbeine zusammen, stecken einen Pfahl dazwischen und tragen das baumelnde Tier heim in den Stall.
Wer es allen Menschen recht machen will, kommt zu abstrusen, lächerlichen Lösungen. Denn der eine behauptet dies, der nächste das Gegenteil. Auf welche Stimme soll ich hören?

Die kontrollierenden Eulen
Eine leidende Frau schreibt mir: «Bei uns auf dem Land passt jede auf die andere auf. Wehe, wenn ich nicht der Norm entspreche! Ich kann nie so leben, wie ich gerne möchte! Auf allen Bäumen hocken menschliche Eulen, die mit scharfen Augen meine Handlungen und meine Kleider prüfen. Der Grossteil der Verwandten meines Mannes wohnt hier. Die geben mir, der Zugezogenen und Fremden, dauernd die richtigen Ratschläge, wie ich mich zu verhalten habe. Diese Tipps widersprechen sich sogar. Die eine sagt so, die andere anders...»
Wer dauernd vor menschlichen Eulen zittert, verpasst sein Leben. Wer seine innere Stimme immer abblockt, wer sich ängstlich immer anpasst, verliert alle Spontaneität und Originalität. Wir werden als Originale geboren. Zu viele sterben als Kopien. Schade!

Anpassung und Widerstand
Eine Pfarrerin erzählt, wie sie vor Jahren in die Kleidersitten dieses Dorfes eingeführt wurde. «Also, wissen sie, hier ist es nicht üblich, dass die Frau Pfarrer Hosen trägt», hiess es. Die gehorsame Seelsorgerin hielt sich brav an diese scheinbar wichtige Vorschrift. Bis zum letzten Winter. Frierend und schlotternd machte sie Hausbesuche. Ihr Gejammer über die eisige Kälte quittierte eine muntere 85-Jährige mit der neuen Meinung: «Sie sollten halt auch Hosen anziehen, wie ich. Dann haben sie weniger kalt!»
Alle Menschen müssen sich ihrer Umgebung ein bisschen anpassen. Sicher. Dauernd eine entgegengesetzte Meinung verbreiten, immer das Gegenteil tun, zermürbt. Umgekehrt: Die unterwürfige Anpassung, das Leben «contre cœur» ist entwürdigend. Es geht um eine gesunde Mitte: Da Anpassung, dort Widerstand. Manchmal Zustimmung, manchmal Ablehnung.

Der gute Ruf
Vor hundert Jahren bestimmte schon die Anordnung der Häuser, die Enge des Zusammenwohnens eine Kontrolle durch die Gesellschaft. Wer die (oft ungeschriebenen) Regeln des Systems missachtete, wurde nachts von vermummten Personen besucht. Es gab Warnzeichen, Strafpredigten, Mahnrufe, Prügel. Der radikalste Eingriff ins Privatleben der Menschen war damals die Macht der Verwandten, unerwünschte Ehen zu verhindern. Im Mittelalter wurden «Sünder» tagelang am Pranger, zänkische Frauen in einer «Halsgeige» und betrügerische Gewerbetreibende in Schauprozessen öffentlich blossgestellt.
Der «gute Ruf» ist nie nebensächlich. Noch immer ist er moralischer Appell, sich an die Regeln einer Menschengruppe zu halten. Aber er darf kein Tyrann sein. Die Angst vor diesem «guten Ruf» soll spontanes, persönliches Leben nie abmurksen. Ein Schlaumeier witzelte: «Ist der Ruf mal ruiniert, lebt der Mensch recht ungeniert.» Geht beides wirklich nicht zusammen: Guter Ruf und ungeniertes Leben? Akzeptanz durch die Umgebung und befriedigende Eigenständigkeit?

Das macht man nicht
In einem zweiten Brief steht: «Zwei liebe Ehepartner hat mir der Tod genommen. Ich bin jetzt über 60 und heiratete noch ein drittes Mal. Auch mein jetziger Mann ist Witwer und hat schwere Zeiten gehabt. Wir sind nun fünf Jahre verheiratet und sehr glücklich. Die früheren Partnerschaften haben uns reifer gemacht. Trotzdem: Etliche Bekannte auf meiner Seite, sogar meine beiden Söhne, kritisieren direkt, noch mehr aber indirekt diese, meine dritte Ehe. Das Wort &Mac220;Erbschleicher&Mac221; ist sogar einmal gefallen. Meinem jetzigen Mann gegenüber sind meine Leute sehr distanziert. Ich finde das traurig!»
Bertold Brecht nennt eine seiner Kurzgeschichten «Die unwürdige Greisin». Er schildert, wie die kleine, magere Grossmutter mit 72 Jahren einfach nicht so lebt, wie eine 72-jährige Witwe zu leben hat. Alles, was man(!) eben nicht tut, tut sie: Sie besucht das Kino, macht an einem gewöhnlichen Donnerstag eine Kutschenfahrt, empfängt sonderbare Gäste, isst im Gasthof, nimmt ohne Wissen ihrer Kinder eine Hypothek auf usw. Ironisch schliesst Brecht: «Sie hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen.»

Regeln und Bedürfnisse
Menschen brauchen Kontakte, Gespräche. Wir können nicht überall «out» sein. Wir möchten auch dazugehören. Doch überall existieren Abmachungen, Sitten: Anstands-, Kleider-, Ess-, Spiel-, Schutzregeln. Gewisse Bräuche schützen, helfen. Mir mein originales Leben nehmen dürfen sie nie! «Menschen sind wichtiger als Gesetze», erklärte beeindruckend souverän Jesus den Gesetzeshaltern. Seine hungrigen Jünger und Jüngerinnen assen am Sabbat Getreidekörner und er heilte Kranke, obwohl man(!) das damals am Sabbat nicht tun sollte.
Christian Morgenstern schrieb: «Sieh nicht, was andere tun; der andern sind so viel! Du kommst nur in ein Spiel, das nimmermehr wird ruhn! Geh einfach Gottes Pfad, lass nichts sonst Führer sein; so gehst du recht und grad, und gingst du ganz allein!»

Leben, wie ich möchte
«Wehe, wenn ich nicht der Norm entspreche», steht im ersten Brief. Und: «Ich kann nie so leben, wie ich gern leben möchte!» Ist das so? Ists Einbildung? Ist mein überängstliches Anpassen traurige Selbstblockierung? Klar, alle persönlichen Wünsche werde ich nie realisieren können. Aber vielleicht doch etwas mehr, als ich mir selbst erlaube?!
Die scharfen Augen der kontrollierenden Eulen sollen mich nicht lähmen. Auch Erbschleicher-Vorwürfe nicht. Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die auch ich nicht kann. Sogar den engsten Verwandten mit den immer so gut gemeinten Rat-Schlägen(!) darf ich widersprechen. Vorwurfsvolle Blicke müssen mich nicht einschüchtern. Ich darf immer wieder so leben, wie ich es gerne möchte. Die Angst vor dem «guten Ruf» soll mir nie alle Freude und Lust an besondern Lebenschönheiten nehmen. Ich will nicht ein griesgrämiger, immer angepasster Sauertopf werden!
Walter Ritter, Eheberater

Es ist ein bisschen beschwerlich, immer
so zu leben, wie es die Leute von einem verlangen. (zvg)

Kursabend: Ich habe (keine) Zeit!
Der Autor, Walter Ritter, und Pia Lenz von der Fachstelle für ländliche Hauswirtschaft und Familie, offerieren am 17. Februar 2004, 19.30 bis 22 Uhr, im LBBZ Arenenberg, einen offenen Kursabend.
Thema: Zeit haben!
Speziell: Mut zur Langsamkeit, Mut zu Eile mit Weile!
Anmeldung: Telefon 071 663 33 33.

Ich wollte ...
Ich wollte
dich nie verlieren -
und bemühte mich
immer nett,
immer verständnisvoll
immer attraktiv für dich
immer an dir interessiert zu sein!
Dabei verlor ich mich!
Kristiane Allert-Wybranietz

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