Ausgabe Nummer 30 (2008)

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27 500 Milchproduzenten stimmen ab

Ostschweizer Milchproduzenten trafen sich auf dem Pfannenstiel

An der Informationsveranstaltung waren sich die Exponenten einig, dass die Milchproduzenten bei Mengenregelung und Preisbildung mitbestimmen sollen. SMP-Präsident Peter Gfeller stellte die Abstimmung zu aktuellen Fragen der Milchwirtschaft vor.

«Mit dem Milchstreik haben wir viel erreicht, jetzt gilt es nicht nachzulassen und den Schwung zu nutzen», begrüsste Stephan Keller im Namen der organisierenden Bauern aus der Region Pfannenstiel gegen 500 Bauern aus der Ostschweiz zur Infoveranstaltung zu den Themen CH-Milchpool, Mengensteuerung und Interventionsfonds. Für Hans Staub, Präsident des Zürcher Bauernverbandes, ist für die Zukunft eine standortgerechte und wettbewerbsfähige Milchproduktion wichtig. Von Bedeutung sei aber auch die Erhaltung und Förderung der Qualität. Staub kritisierte die vielen Vorschriften und überbordenden Auflagen, welche dringend reduziert werden müssten. Nach seiner Meinung müssen auch die Milchorganisationen bereinigt werden. Er verlangt weniger Milchorganisationen, dafür aber schlagkräftigere. Mit der Bündelung der Milch, soll ein Chaosmanagement verhindert werden. Um in Zukunft zu bestehen, müssen innovative Produkte entwickelt, Swiss Made und Swissness konsequent durchgezogen werden. Zudem sollte das Marketing weiter professionalisiert werden. Staub glaubt, dass der Schweizer Ackerbau schwierige Zeiten vor sich hat, da wäre die Milchwirtschaft eine gangbare Alternative.

Skurriles Verhalten der Verarbeiter
In seinem Referat gab Martin Haab, Kopräsident BIG-M, der Freude über den gelungenen Milchstreik Ausdruck. Die Preiserhöhung von sechs Rappen je Kilo Milch hätte skurrile Reaktionen und Leserbriefe ausgelöst. Nicht einverstanden ist Haab mit der bisherigen Handhabung der Mehrmengenprojekte, welche trotz Offenlegung der Daten durch das Bundesamt für Landwirtschaft viele Fragen offen lasse. Auch das Verhalten von Damian Henzi, Geschäftsführer der Hochdorf-Gruppe, nennt Haab als höchst skurril. Spreche doch dieser von Erpressung. Wenige Wochen vor dem Streik habe Henzi die Milchproduzenten aufgefordert zu melken, so viel sie können. Nun habe die Hochdorf-Gruppe gar ein Gesuch für den Import von drei Millionen Kilogramm aus dem süddeutschen Raum eingereicht. «Ein derartiges Verhalten lässt Zweifel am Vertrauen gegenüber den Verarbeitern aufkommen», so Haab. Nach seiner Ansicht dürfen die Milchproduzenten die Mengensteuerung und Milchpreisgestaltung nicht aus der Hand geben.

27 500 Milchproduzenten können mitbestimmen
Wie Peter Gfeller, Präsident der Schweizer Milchproduzenten (SMP), feststellt, hat die SMP bei der AP 2011 viel erreicht. Die steigende, weltweite Nachfrage nach Milch, der Klimawandel und die steigenden Ölpreise hätten die Entwicklung des Milchpreises positiv beeinflusst. Ein Blick in die Zukunft mit den Unsicherheiten in der nationalen und internationalen, politischen Entwicklung, die Konkurrenz am Markt, der Wettbewerbsdruck unter den Milchproduzenten und ihren Organisationen wecke Besorgnis. «Mit einer Verbesserung des Arbeitsverdienstes, der Bündelung des Milchangebotes, der Mengenführung und Marktsegmentierung zielt die SMP-Strategie Milchmarkt 2015 in die richtige Richtung», so Gfeller. Durch die unterschiedlichen Wege der POs und PMOs, der Pattsituation bei der Bündelung des Angebotes und den Mehrmengen, welche eine Kompromissfindung belasten, gebe es Defizite bei der Umsetzung. Gfeller bekräftigte, dass die Milchproduzenten Teil des Marktes seien und die Spielregeln mitbestimmen wollen. Deshalb sollen 27 500 Milchproduzenten vom 21. Juli bis 8.August über die Selbsthilfemassnahmen am Milchmarkt abstimmen. Dabei gehe es um die vier Fragen: Nationale Koordination und Angebotsbündelung, die nationale Milchverkauforganisation (Pool), Selbsthilfemassnahmen zur Mengensteuerung sowie die Selbsthilfemassnahmen zur Mengensteuerung mit unterschiedlichen Abgabesätzen. Mit einer nationalen Milchverkaufsorganisation verspricht sich der SMP eine grössere Wirkung, bekräftig Gfeller. In der anschliessenden Diskussion wurde erkennbar, dass ein Grossteil der Milchproduzenten einen Milchpool befürwortet.

Mario Tosato



Konsultativabstimmung der Schweizer Milchproduzenten

In weniger als zehn Monaten gehören die Milchkontingentierung und die vom Staat kontrollierte Übergangsregelung zum Ausstieg endgültig der Vergangenheit an. Ab 1. Mai 2009 kann Milch produzieren und verkaufen, wer einen Milchkäufer findet und wer einen Milchkaufvertrag hat. Die Liberalisierung der Märkte bringt nicht nur Vorteile, sondern vor allem kurzfristigere und grössere Schwankungen der Preise. Das Ungleichgewicht der Märkte (viele Anbieter, wenige Nachfrager) wirkt sich immer negativ zulasten der Milchproduzenten aus. Tausende von Milchproduzenten und drei Dutzend Organisationen, die die Milch verwalten und verkaufen, konkurrenzieren sich im gleichen Markt. Dies ist sicher nicht optimal.
Aufgrund des Milchstreiks war klar zu erkennen, dass ein grosser Teil der Milchproduzenten einen besseren Organisationsgrad und eine stärkere Zusammenarbeit der Organisationen fordert.
Um diesem Anliegen Nachdruck zu verleihen, wollen die Schweizer Milchproduzenten SMP mit einer Konsultativabstimmung ein klares Zeichen aus der Basis. Dies soll auch gegenüber den Bundesbehörden Verwendung finden, um die Allgemeinverbindlichkeit für eine minimale Einflussnahme im Falle von Marktkrisen zu ermöglichen. Minimale Regelungen bei der Mengensteuerung und für die Einflussnahme im Krisenfall sind zum Wohle aller Milchproduzenten nötig!

Um über die gestellten Fragen offen und transparent zu informieren und zu diskutieren, haben wir eine Informationsveranstaltung organisiert. Diese findet am Dienstag, 29. Juli 2008, 20.00 Uhr, im Thurgauerhof, Weinfelden, statt. Alle Thurgauer Milchproduzenten wurden mit persönlicher Einladung bedient.

Alfred Ernst, Geschäftsführer, Thurgauer Milchproduzenten, Weinfelden

Die vier Fragen

In der Konsultativabstimmung werden den Milchproduzentinnen und Milchproduzenten folgende vier Fragen zur Abstimmung vorgelegt:
  1. Nationale Koordination und Angebotsbündelung:
    Sind Sie der Auffassung, dass eine nationale Koordination und Angebotsbündelung die Marktposition der Milchproduzenten stärkt?
  2. Nationale Milchverkaufsorganisation:
    Wollen Sie, dass die SMP zusammen mit den regionalen Milchverkaufsorganisationen eine nationale Verkaufsorganisation gründet, die Menge und Preis für die Molkereimilchproduzenten auf nationaler Ebene aushandelt?
  3. Selbsthilfemassnahme zur Mengensteuerung:
    Wollen Sie, dass die SMP zusammen mit den Verarbeitern die Menge national steuert, indem jeder Milchproduzent auf seiner in Verkehr gebrachten Milchmenge eine Abgabe (anstelle des bisherigen Milchstützungsfonds) zur Marktintervention leistet?
  4. Selbsthilfemassnahme zur Mengensteuerung mit unterschiedlichen Abgabeansätzen:
    Sollen ab 2009 zwei unterschiedliche Abgabeansätze angewendet werden: Ein tieferer Beitrag auf der gesamten in Verkehr gebrachten Milchmenge anstelle des bisherigen Milchstützungsfonds sowie ein zusätzlich höherer Beitrag.

SMP


Hans Staub, Martin Haab und Peter Gfeller
(von links) standen im Zentrum
der Informationsveranstaltung auf dem Pfannenstiel. (tos)
Hans Staub, Martin Haab und Peter Gfeller (von links) standen im Zentrum der Informationsveranstaltung auf dem Pfannenstiel. (tos)