Ausgabe Nummer 33 (2007)
«Acherbou Buumä, Grüezi»
Ein Drittel Jahrhundert im Dienste des Thurgauer Ackerbaus
Nach 35 Jahren Tätigkeit als Berater und Lehrer verliess Kurt Baumann den Arenenberg und trat am 1.August in den wohlverdienten Ruhestand. Seine grossen Leistungen für die Thurgauer Landwirtschaft, aber auch seine fast schon legendäre Begrüssung am Telefon, wird man in Erinnerung behalten. Ob es nach seiner Pensionierung auch tatsächlich ruhig zu und her gehen soll, verriet er dem «Thurgauer Bauer» kürzlich im Gespräch auf der traubenbehangenen Terrasse seines Hauses in Salenstein. Auch eine Gelegenheit, um Rückschau zu nehmen.Nach der Grundausbildung als Landwirt und der späteren Matura folgte das Studium an der ETH als Ing. Agr. Danach trat der junge Agronom Baumann im Herbst 1972 die Stelle als Pflanzenbaulehrer und Berater an der landwirtschaftlichen Schule Arenenberg an. Als Mitarbeiter der Ackerbaustelle führte er damals auch Vollzugsaufgaben aus, in erster Linie Flächenerhebungen. «Wir hatten gerade in meinem ersten Jahr enorme Frühfrostschäden beim Mais», erinnert sich Kurt Baumann. Neben seiner Lehr- und Beratertätigkeit war seine Arbeit geprägt durch immer neue Schwerpunkte, auf die wir im Folgenden zurückblicken.
Klärschlamm und Ackerbohnen
Im Jahre 1973 wurde der Einsatz von Klärschlamm in der Landwirtschaft propagiert. An Vorträgen im ganzen Kanton informierte Baumann die Bauern über die Verwendung des neuen Düngers. Noch im gleichen Jahr hat Baumann auch mit dem Versuchswesen am Arenenberg gestartet, eine wichtige Grundlage für die Beratung, die auch in Zukunft Bestand haben sollte. Baumann erinnert sich mit einem Lächeln: «Ackerbohnenversuche waren damals im Trend.» Fünf Jahre später wurde Baumann zum Leiter der Ackerbaustelle und damit Nachfolger von Hans Stähli gewählt.
Ackerbau am Hang
Anfang der 80er-Jahre hatte ein gross angelegtes Projekt des Bundes zum Ziel, den nationalen Bestand an Fruchtfolgeflächen und die verschiedenen Bewirtschaftungszonen festzulegen. Wohl unter dem Zeichen der Kriegsvorsorge rückte Baumann im Beisein von Bundesgesandten aus und legte die Fruchtfolgeflächen in jeder Gemeinde fest. Entgegen heutiger bodenschützerischer Denkweise zahlte der Bund damals den Landwirten Zusatzbeiträge, wenn Sie Ackerbau an Hängen mit einer Steigung von mehr als 18 Prozent Neigung betrieben. Viele Thurgauer Landwirte dürften sich noch daran erinnern, als Ackerbaustellenleiter Baumann jeweils ? ausgerüstet mit futuristisch wirkendem Messgerät ? an den Hängen stand, um beitragswürdige Flächen zu bestimmen.
Integrierte Produktion (IP)
Integrierte Produktion war das Schlagwort der 90er-Jahre. 1992 wurde die IP schweizweit eingeführt, ab 1995 wurde die IP dann zum obligatorischen Kriterium für den Erhalt von Bundesbeiträgen erklärt. Doch die Entwicklung der Richtlinien hatte schon lange vorher ihren Anfang genommen. Auch Baumann war noch während den 80er-Jahren als Mitglied der Pflanzenbaukommission des SVIAL an der Entwicklung der ersten Richtlinien beteiligt. «Auf zehn Betrieben im Thurgau haben wir damals das neue Produktionssystem getestet», so Baumann. Von 1992 bis 1998 war Baumann komplett vom Schulunterricht dispensiert, um sich vollends auf die IP-Umstellung der rund 3000 Thurgauer Betriebe konzentrieren zu können.
Mit der Zeit veränderten sich allmählich die Aufgaben der Ackerbaustelle ebenso wie deren Name, der auf «Fachstelle Pflanzenbau und Düngung» umgetauft wurde. Inzwischen beschäftigte die Fachstelle sechs Mitarbeiter. Mit der Umstellung von der Winter- auf die Jahresschule trat der Betrieb eine Parzelle als künftiger Sortengarten an die Schule ab, welche Baumann von da an mit Hilfe der Schüler in Kleingruppen pflegte und Erhebungen in Ackerkulturen machen liess. Dieser Sortengarten ermöglichte einen praxisnaheren Unterricht.
Der Nitratskandal beim Salat war Auslöser für die Einführung eines sinnvollen Bodenanalyseverfahrens bezüglich Stickstoff. Dies führte schliesslich zur Schaffung des ersten behelfsmässigen Bodenlabors, damals noch im Keller des Schulhauses.
Im Jahre 1996 wurde die Kontrollstelle für Ökomassnahmen und Labelproduktion (KOL) ins Leben gerufen und bald darauf auch akkreditiert. Dazu Baumann: «Für viele Aussenstehende wirkte es befremdend, dass ich einerseits den Bauern als Berater zur Seite stand und andererseits als Leiter der KOL den Betriebskontrollen vorstand. In manchen Fällen gab es auch Kürzungen der Direktzahlungen. Durch die klare Trennung von KOL und Fachstelle Pflanzenbau, wie wir sie neuerdings haben, besteht dieses Problem nicht mehr.» Als Leiter der Fachstelle war Baumann auch die erste Rekursinstanz in ÖLN-Fragen. «Die Bearbeitung der Rekursfälle war eine der wenigen Aufgaben, die mich auch innerlich belastet haben, besonders wenn es sich um Betriebe handelte, die das Geld dringend brauchten» gab Baumann offen zu.
Rege Mitarbeit in Gremien
Von Anfang an übernahm Baumann auch wichtige Funktionen in verschiedenen Gremien. Zahlreiche Mandate übte er aus und leistete so einen grossen Beitrag auf politischer Ebene. Bereits seit 1973 war er Mitglied der Pflanzenbaukommission des Thurgauer Bauernverbandes. Besonders der Zuckerrübenanbau zog sich wie ein roter Faden durch seine Laufbahn. 32 Jahre lang arbeitete er im Vorstand der Ostschweizer Vereinigung für Zuckerrübenbau mit, viele Jahre auch als deren Geschäftsführer. Ebenso war er Vorstandsmitglied des Schweizerischen Verbandes der Rübenpflanzer sowie Vizepräsident der Fachstelle für Rübenbau. Trotz Grossdemonstration der Bauernschaft im Klotemer Eishockeystadion «Schluefweg», die Baumann mitorganisierte, gelang es Mitte der 80er-Jahre nicht, das Volk für ein «Ja» an der Urne zur Förderung des Zuckerrübenanbaus zu überzeugen. Baumann resümiert: «Das war auch eine wahnsinnige Belastung für die Familie.»
Lange Jahre war Baumann Präsident der Saatzuchtgenossenschaft Thurgau und leitete in jüngster Zeit die Arbeitsgruppe, welche die Zusammenführung der Ostschweizer Saatzuchtgenossenschaften vorbereitet hat. Damit nach der Reorganisation der Eidgenössischen Forschungsanstalten das Versuchswesen in der Deutschschweiz nicht zum Erliegen kam, tat sich Baumann mit Pflanzenbaulehrern anderer Kantone zusammen.Das «Forum Ackerbau» war geboren. Durch die gemeinsame Auswertung von koordinierten Kleinversuchen konnten weiterhin wichtige Erkenntnisse für den deutschschweizerischen Ackerbau gewonnen werden. Notwendige Analysegeräte wurden durch die aufgelösten Saatzuchtgenossenschaften mitfinanziert.
Umstellung für Ehepaar Baumann
Auf die Frage, ob er denn schon Pläne für die neu gewonnene Freizeit habe, meinte Baumann: «Meine Frau und ich lassen die neue Situation auf uns zukommen. Ich ging immer sehr gerne zur Arbeit, es ist nicht so, dass ich auf die Pensionierung gewartet hätte. Konkrete Pläne oder grössere Projekte sind nicht vorhanden, aber an Beschäftigung mangelt es nicht.» Gerne werde er auch weiterhin die Schreinerei am Arenenberg benutzen, sofern ihm dies erlaubt würde, um seiner Lieblingsbeschäftigung, der Möbelherstellung, zu frönen. Seit diesem Jahr hat er einen kleinen Rebberg in Salenstein gepachtet, wo er einen feinen «Müller-Thurgau» produzieren möchte. Fachreisen würden ihn schon reizen, ebenso ausgedehnte Bergwanderungen. Auch dem Turnsport, sowohl als Sportler wie als Funktionär, sei er noch zugetan. Baumann reichte vor sechs Jahren als damaliger Präsident des Thurgauer Turnverbandes die Bewerbung Frauenfelds für das Eidgenössische Turnfest (ETF) ein. Als OK-Mitglied war er am ETF in Frauenfeld praktisch während drei Wochen im Einsatz. Seine Dienste als Präsident der Sponsoringkommission des Thurgauer Turnverbandes werde er weiterhin anbieten. Das Velofahren und Rudern sollen nun aktiviert werden.
Andreas Rohner, Thurgauer Bauernverband
Dank und gute Wünsche
Im Namen der gesamten Thurgauer Landwirtschaft dankt der Thurgauer Bauernverband Kurt Baumann für seine Leistungen und seinen Einsatz während all der Jahre. Wir wünschen ihm und seiner Gattin alles Gute für den Ruhestand.

