Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


Agrarzyklus II - Fleischskandale

Ausgabe Nummer 3 (2016)

Am vergangenen Montagabend diskutierten im Traubensaal in Weinfelden Ruedi Hadorn, Direktor des Schweizer Fleisch-Fachverbandes, und Klemenz Somm, Landwirt und Direktvermarkter, die Thematik der Fleischskandale, welche in der Vergangenheit Konsumenten wie auch Produzenten aufgeschreckt haben.

Regionalität und Vertrauen
Konsumenten setzen auf regional produziertes Fleisch und vergessen, dass jedes Rind nur zwei Filets besitzt. Deshalb muss importiert werden, was mögliche Risiken in sich birgt.
Fleischskandale haben in der Vergangenheit Konsumenten wie auch Produzenten aufgeschreckt. Gammelfleisch, billiges Schaffleisch statt Wild, ungarisches statt Schweizer Poulet, Pferde- statt Rindfleisch – die Schlagzeilen nahmen kein Ende. Die Frage, weshalb die Fleischbranche es nötig hat, Konsumentinnen und Konsumenten zu betrügen, nahmen die Verantwortlichen der Volkshochschule Mittelthurgau auf und luden zum diesjährigen Agrarzyklus verschiedene Fleischexponenten ein, das Thema aus ihrer Sicht zu diskutieren. So kamen vor einer Woche bereits der Ethiker Thomas Gröbly und der Unternehmensleiter der Micarna-Gruppe Albert Baumann zu Wort. Am vergangenen Montagabend diskutierten im Traubensaal in Weinfelden Ruedi Hadorn, Direktor des Schweizer Fleisch-Fachverbandes, und Klemenz Somm, Landwirt und Direktvermarkter das Thema mit gut 30 Interessierten.

Ombudsstelle solls richten
«Agieren statt reagieren», heisse die Zauberformel, sagte Ruedi Hadorn gleich zu Beginn seiner Ausführungen. Schummeleien in der Fleischverarbeitung seien seiner Meinung nach absolut verwerflich. «Fleischskandale bedeuten einen Imageschaden für die ganze Branche. Auch wenn sein Verband alles daran setze, gebe es keine 100-prozentige Sicherheit. «Schwarze Schafe lassen sich nicht gänzlich ausschliessen.» Mit einer Charta, die von allen 1100 Mitgliedern einstimmig angenommen wurde, will der Verband die Verantwortung gegenüber Mensch, Tier und Umwelt wahrnehmen und fordert harte Bestrafungen bei Vergehen. Zudem hat er im vergangenen Jahr eine Ombudsstelle geschaffen, welche beim Konsumentenforum angesiedelt ist. Damit habe man heute ein Instrument zur Mediation, welches es Mitarbeitenden oder Konsumenten ermöglicht, anonym und ohne an ein Gericht zu gelangen zu klagen. Bereits habe man 40 Anfragen zur Deklaration und zum Arbeitsrecht behandeln und möglicherweise einen weiteren Skandal mit einer Mediation verhindern können. Fast immer seien es Mitarbeitende im Arbeitsstreit, die Skandale ans Licht bringen. Wichtig findet Hadorn, dass eine Solidarhaftung vermieden werde, denn eine Verschärfung der Rahmenbedingungen im Lebensmittelrecht würde alle treffen. Hadorn warnt auch vor Vorverurteilungen. So sei der Toggenburger Fall «Wild statt Schaf» noch nicht geklärt, und es gelte die Unschuldsvermutung bis die Urteilsverkündung vollzogen sei. Der Meinung eines Besuchers, man sollte die Metzger verpflichten, vor allem einheimisches Fleisch anzubieten, kann Hadorn nicht beipflichten. «Wir sind angewiesen auf Importfleisch, da der Konsument heute vor allem edle Fleischstücke kaufen will und jedes Tier leider nur zwei Filets besitzt.»

Viele wollen Edelstücke
Klemenz Somm nennt sein Unternehmen mit Direktvermarktung und Hofladen eine Lebensmittelwerkstatt. Zusammen mit 14 Mitarbeitenden steht er ein für ökologisch, ökonomisch, sozial und ethisch produzierte Lebensmittel. Er beliefert zur Hälfte die Gastronomie, zu einem Drittel verkauft er seine Waren im Hofladen und den Rest an Metzgereien und Comestible-Geschäfte. Die heutige Deklaration der Herkunft des Fleisches auf Speisekarten ist für ihn gute Werbung. «Der Kunde will heute nicht mehr nur saftiges, schmackhaftes und zartes Fleisch, er will wissen, woher das Tier stammt und wie es gehalten wurde», sagt Somm. Er stelle fest, dass Regionalität heute wichtiger sei als ein Label. Auch er bestätigt, dass die Nachfrage nach Edelstücken stark steige und auch er darauf angewiesen sei, edle Fleischstücke im Ausland einzukaufen. Auch wenn er feststelle, dass in seinem Hofladen von der Zunge bis zum Schwanz alles verkauft werde, müsse er sich der Marktrealität stellen. Somm kennt hingegen seine ausländischen Lieferanten, was sein Vertrauen und das seiner Kundschaft stärkt. Er warnt hingegen vor einer Überregulierung, beispielsweise beim Haltbarkeitsdatum. Ein Anwesender sagt, dass nicht der Gesetzgeber der «Bölimann» sei, sondern der Produzent, der die Verantwortung trägt. Hadorn wie Somm möchten, dass sich der Konsument heute wieder auf den gesunden Menschenverstand verlässt und nicht nur auf das Ablaufdatum. Hadorn wünscht sich gleich lange Spiesse für Fleischverarbeiter und Direktvermarkter.


Text und Bilder: Ruth Bossert










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