Ausgabe Nummer 11 (2006)

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Agrotourismus – Chance für die Landwirtschaft?

Agrotourismus – Chance für die Landwirtschaft?

Kräuterwanderungen, Fischen auf dem Hof, Heublumenbad – dahinter stecken Bauernfamilien, welche jedes Jahr eines von vielen verlockenden Angeboten im Bereich Agrotourismus anbieten. Viele Bauernfamilien versuchen ihr Einkommen mit einem Nebenverdienst etwas aufzustocken. «Ursprünglich war dieser Betriebszweig als kleiner Nebenerwerb gedacht. Heute ist die Gästebewirtung und ‹schlaf im Stroh!› ein wichtiges Standbein», freut sich eine Bäuerin.

Agrotourismus – eine neue Entwicklung der letzten Jahre?

Die touristische Nutzung von Bauernhöfen ist keine Neuerscheinung der letzten Jahre, sondern steht in engem Zusammenhang mit der Mechanisierung und Intensivierung der Landwirtschaft, welche tausende von Bauernfamilien zwang, ihre Höfe aufzugeben. Auch auf den verbleibenden Höfen wurden viele Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt, und die ehemaligen Zimmer der Knechte, Mägde und Melker standen leer. Durch die Vermietung dieser leer stehenden Zimmer konnten sich Bauernfamilien ein willkommenes Zusatzeinkommen generieren. Die ersten Zimmer auf Bauernhöfen, welche touristisch genutzt wurden, entstanden in der Innerschweiz, in der Waadt und im Emmental. Bereits zu Beginn der 70er- Jahre wurde vorerst auf privater Basis die Idee von «Urlaub auf dem Bauernhof» ausgeführt, 1988 wurde der Schweizerische Verein «Ferien auf dem Bauernhof» gegründet. Unter Agrotourismus wird heute jedoch mehr als «nur» Urlaub auf dem Bauernhof verstanden. Agrotourismus umfasst auch jene touristischen Angebote der Bauern, welche nicht an eine Übernachtung gekoppelt sind. Denkbar sind Zvieri oder Brunch auf dem Betrieb, Betreuung von Schulklassen, Feste feiern auf dem Bauernhof, das Führen einer Gelegenheitswirtschaft mit offiziellen Öffnungszeiten und/oder auf Voranmeldung usw.

Neue und kreative Ideen sind gefragt

Heute werden in der Schweiz rund 5 Prozent des landwirtschaftlichen Einkommens im Bereich Agrotourismus erwirtschaftet. Beliebt sind vor allem «Ferien auf dem Bauernhof» und «schlaf im Stroh!». Die Gäste, meist Familien mit Kindern, Kindergruppen oder Schulklassen, kommen aus dem In- und Ausland. Senioren wählen lieber klar geregelte Angebote wie beispielsweise geführte Wanderferien. Die tatsächlichen Einnahmen pro Betrieb variieren sehr stark und belaufen sich von 1000 bis 50 000 Fr. pro Jahr. «Wenn man es richtig anpackt, dann läuft es auch», ist eine langjährige Anbieterin von Ferien auf dem Bauernhof überzeugt. Viele Voraussetzungen müssen aber erfüllt sein, denn die Arbeit im Bereich Agrotourismus verlangt sehr viel Engagement von der ganzen Familie und immer wieder neue und kreative Ideen. Wer z.B. neu auf dem Hof Ferien anbieten möchte, muss sich überlegen, was er anzubieten hat und ob er in dieser Zeit mehr verdienen kann, als mit einer Festvermietung zu einem fixen Monatszins.
Immer bekannter wird das Angebot «schlaf im Stroh!». Die Zahl der Anbieterfamilien etabliert sich, und die Anzahl Übernachtungen nimmt stetig zu. Tatsache ist, dass viele Leute, welche das Angebot «schlaf im Stroh!» buchen, mit dem Velo unterwegs sind, bei vergleichbaren Angeboten eine Übernachtung direkt am Radweg bevorzugen und bei schlechtem Wetter ihre Veloferien kurzfristig umorganisieren.

Nachbarländer sind uns voraus

Im Vergleich zu den Nachbarländern muss die Schweiz im Bereich Agrotourismus noch stark aufholen. In Österreich bieten beispielsweise rund 8 Prozent aller Bauernhöfe Übernachtungsgelegenheiten an, in der Schweiz sind es weniger als 1 Prozent der Betriebe, welche «Ferien auf dem Bauernhof» oder «schlaf im Stroh!» anbieten.
Dies nicht zuletzt, weil unsere Nachbarländer eine breitere staatliche Unterstützung erhalten und die Rahmenbedingungen für diese Angebote weit weniger streng sind. In der Schweiz regelt das Raumplanungsrecht die nichtlandwirtschaftlichen Nebenbetriebe, wie beispielsweise «Ferien auf dem Bauernhof». Der Teilrevision des Raumplanungsgesetzes hat der Nationalrat als erste Kammer zugestimmt (siehe Kasten).

Ländlicher Tourismus als Chance

Regionale Produkte, ländliche Dienstleis-tungen. inkl. Landschaft können durch den Tourismus gut verkauft werden. Das Angebot ist vor allem auch für ausländische Gäste interessant, weil auf Bauernhöfen eine intakte Natur und vielseitige Kultur geboten werden kann – eines der Hauptmotive für die meisten Touristen, warum sie die Schweiz besuchen. Wie aus einer Befragung hervorgeht, stellt der ökotouristisch motivierte Tourist hohe Ansprüche an die Hygiene- und Sicherheitsstandards. Zudem haben sie die Erwartung, eigenständig Wanderungen und Touren mit guter Information durchführen zu können. Gastfreundlichkeit, ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis sowie eine einheimische Küche mit saisonalen Produkten, wenn möglich mit Nahrungsmitteln vom eigenen Hof sind weitere Faktoren, welche erwartet werden. Ökotouristische Angebote haben die besten Marktchancen, wenn dabei regionale Besonderheiten für die richtige Zielgruppe angeboten werden. Damit das geschehen kann, ist eine optimale Angebotsplanung sowie eine geeignete Marketingstrategie von grosser Bedeutung. Diese ist am erfolg-reichsten, wenn sie in, von und mit der Region als klare Entwicklungsstrategie vereinbart worden ist.
Wer im Tourismus mithalten will, kennt die Schwankungen und vor allem den harten Konkurrenzkampf, gab eine Bäuerin kürzlich unmissverständlich zu Protokoll. Als sie aber von ihrer neuen Idee, den Kräuterwanderungen, zu erzählen begann, funkelten ihre Augen wieder. Mit ihrer Aussage, dass sich das eigene Angebot stets von der Konkurrenz abheben müsse, trifft sie mitten ins Schwarze. Wer überleben möchte, muss sich etwas einfallen lassen. Auch als Bauernfamilie muss man heute die 4 A’s kennen: nämlich anders als alle andern sein.

Brigitte Frick

Revision Raumplanungsgesetz

Nationalrat will mehr Flexibilität
Bauern sollen es künftig einfacher haben, ihre Einkünfte mit Nebenerwerben aufzubessern, etwa mit Agrotourismus oder der Gewinnung von Energie aus Biomasse. Der Nationalrat hat der Teilrevision des Raumplanungsgesetzes am Dienstag, 14. März, mit 139 zu 18 Stimmen zugestimmt und sich im Wesentlichen der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK) angeschlossen, die einen Kompromiss zwischen den Interessen der Landwirtschaft und raumplanerischen Anliegen vorschlug. Die Vorlage geht nun an den Ständerat.
Die SVP hätte den Bauern mehr Freiheiten gewähren wollen als der Bundesrat und die Kommissionsmehrheit. Lockerere Bestimmungen hätte sie etwa für die Verwertung von Biomasse und nicht landwirtschaftliche Tätigkeiten und Bauten gewünscht. Ihre Anträge wurden aber verworfen, ebenso wie jene der Grünen, die nicht auf die Vorlage hatten eintreten wollen. Anne-Catherine Menétrey (Grüne VD) warnte vor «Alpträumen»: Lastwagen mit Abfällen auf Hofzufahrten, Karaoke-Lokale, Offroader vor umgebauten Häusern, Treibhäuser für Hors-Sol-Kulturen. Auch wenn es nicht so weit kommen müsse, sei die Teilrevision ein falsches Signal. Die Grünen und die EVP/EDU-Fraktion hätten das Raumplanungsgesetz lieber sofort total revidiert anstatt die Anliegen der Landwirtschaft vorzuziehen. Für die Energiegewinnung aus Biomasse forderten die Grünen eine separate Vorlage. Ausbauten für Tätigkeiten ohne engen sachlichen Bezug zur Landwirtschaft dürfen auch künftig nur erstellt werden, wenn der Betrieb ohne Zusatzeinkommen nicht überleben könnte. Die Nebenbetriebe, etwa Schreinereien, müssen die gleichen Auflagen einhalten wie das Gewerbe in den Bauzonen.

LID