Ausgabe Nummer 45 (2006)
Agrotouristisches Angebot unter der Lupe
«Schlaf im Stroh»: Eigene Erhebungen sind nötig
In den vergangen Jahren haben viele Bauernfamilien in die Direktvermarktung oder den Agrotourismus investiert. Ob sich die Investition finanziell gelohnt hat oder nicht, ist oftmals schwierig abzuschätzen. Das folgende Beispiel soll helfen, sein eigenes Angebot zu überprüfen.
Die Bauernfamilie Muster bietet auf ihrem Bauernhof am Bodensee ?schlaf im Stroh!?. Dank der Nähe zur Veloroute und Bahnhof wird das Angebot von Schulklassen und Familien rege benutzt. Neben dem Platz im Stroh ist ein Matratzenlager vorhanden und ein Bauern-Picknick zum Mitnehmen wird angeboten. Im letzten Jahr übernachteten 150 Erwachsenen (Preis pro Nacht Fr. 25.- inklusive ein einfaches Frühstück) und 450 Kinder (Durchschnittspreis Fr. 18.-). Insgesamt konnte Familie Muster 50 Picknicks für Fr. 8.-- verkaufen. Familie Muster möchte nun überprüfen, wie hoch der Arbeitsverdienst pro Arbeitsstunde in diesem Betriebszweig ist.
Unterschiedliche Kostenelemente
Bei der Kalkulation sind immer die verschiedenen Kostenelemente auseinander zuhalten. In unserem Beispiel fallen Kosten an, die spezifisch einem Produkt zugeordnet werden können (z.B. Zutaten für Frühstück und Picknick). Weitere Kostenelemente sind fest mit dem Projekt verbunden, dies betrifft insbesondere die projektspezifischen Investitionen für die Einrichtung der Schlafräume und der sanitären Einrichtungen. Als letztes Element sind die Anteile an den Strukturkosten des Betriebes (z.B. Anteil Strom/Wasser, Kosten der Gebäudehülle) zu berücksichtigen, die mit einem prozentualen Ansatz dem Projekt zugeordnet werden müssen.
Investitionen
Anfänglich investierte Familie Muster zirka 24"000 Franken in den Aufbau des Angebots. Grösster Kostenfaktor war dabei der Einbau der sanitären Einrichtungen. Die Investionen werden in der Kalkulation auf acht bis zwölf Jahre abgeschrieben und ein kalkulatorischere Zinsfuss von drei Prozent unterstellt.
Schwierigkeit Arbeitsstunden
Um ein verlässliches Resultat des Arbeitsverdienstes pro Stunde zu erreichen, müssen die geleisteten Arbeitsstunden möglichst exakt erhoben werden. Im Gegensatz zu den «traditionellen» Betriebszweigen der Landwirtschaft fehlen aber Normzahlen zum Arbeitszeitbedarf weitgehend. Zudem ist der Arbeitsaufwand auf Grund der sehr unterschiedlichen Angebote von Betrieb zu Betrieb wohl auch sehr unterschiedlich. Für ein möglichst genaues Resultat ist deshalb die exakte Erfassung der Arbeitszeit unumgänglich. In unserem Beispiel wird mit 288 Arbeitsstunden pro Jahr gerechnet.
Resultate
Total Einnahmen Fr. 12250.-
- Produktspezifische Kosten Fr. 2900.-
(Zutaten Frühstück/Picknick)
- Kosten von projektspezifischen Investitionen Fr. 3188.-
- Übrige projektspezifische Kosten Fr. 860.-
= Deckungsbeitrag Projekt Fr. 5302.-
- Projektanteil an Strukturkosten des Betriebs Fr. 725.-
= Arbeitsverdienst familieneigene AK total Fr. 4577.-
= Arbeitsverdienst pro Stunde Fr. 15.90
Die Kalkulation zeigt auf, dass unter den getroffenen Annahmen der Arbeitsverdienst unter Fr. 16.- pro Arbeitsstunde liegt. Mit den Resultaten der vorgenommenen Analyse kann nun überlegt werden, wie der Arbeitsverdienst für die Zukunft verbessert werden kann. Dabei könnte beispielsweise das Angebot mit Nachtessen und Getränkeverkauf erweitert werden, mit gezielter Werbung mehr Schulklassen gewonnen werden oder die Preise pro Übernachtung erhöht werden. Auf jeden Fall muss überprüft werden, ob die zusätzliche Arbeit im Endeffekt auch einen höheren Arbeitsverdienst pro Stunde bewirkt und nicht nur mit Mehrarbeit verbunden ist. Zudem muss ein Ausbau des Betriebszweiges ins bestehende Betriebskonzept passen und die zusätzliche Arbeit bewältigt werden können.
Hilfsmittel Paracalc
Die obenstehende Kalkulation wurde mit dem Programm «Paracalc» der agridea in Lindau erstellt. Das Programm bietet eine strukturierte, aber flexible Vollkostenrechnung für die Planung und Kontrolle von Projekten. Als Resultate werden neben dem Deckungsbeitrag automatisch der Arbeitsverdienst, der kalkulierte Gewinn, der Mindestverkaufspreis, die Gewinnschwelle (Menge je Produkt) und die Amortisationsdauer der Projektinvestition geliefert. Die Ergebnisse verschiedener Projektvarianten können miteinander verglichen werden. Ebenfalls integriert ist ein Finanzplan, mit dem die Liquiditätsentwicklung eines Projektes über fünf Jahre aufgezeigt werden kann. Das Programm basiert auf Excel und kann bei der agridea (Tel. 052 354 97 00, www.agridea) für 100 Franken bestellt werden.
LBBZ Arenenberg , Fachstelle Betriebsberatung und Landtechnik, Mathias Roth

