Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
6. Juli 2018


Aktivitäten auf dem Obst Schul- und Versuchsbetrieb Güttingen

Ausgabe Nummer 19 (2017)

Vor 50 Jahren wurde für den zukünftigen Obstbaubetrieb der damaligen Forschungsanstalt Wädenswil für Obst-, Wein- und Gartenbau in Güttingen Land gekauft. 2 Jahre später erfolgten die ersten Obstpflanzungen. Seither hat sich der Versuchsbetrieb laufend verändert und sich den aktuellsten Fragen angenommen. Forschung und Prüfung neuer Anbauverfahren standen im Vordergrund, es wurden aber auch immer wieder neue Strategien zur Schädlingsbekämpfung, zur Bodenpflege und insbesondere Behangsregulierung ausprobiert.

Die Sortenprüfung beim Kernobst bildete seit jeher einen besonderen Schwerpunkt auf dem Betrieb. Zwar wurde er jeweils an der traditionellen Güttingertagung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, einen tieferen Einblick in die Aktivitäten haben aber die Wenigsten erhalten. Der Kanton betrieb in Uttwil einen eigenen Obstbaubetrieb. Mit der neuen Zusammenarbeit Forschung – Beratung BBZ Arenenberg und der Betriebsübernahme im Jahr 2006 durch den Kanton Thurgau wurde eine neue Ära eingeleitet. Bestehende Kulturen, auch spezielle wie Kiwi, Paw Paw, Baumnüsse oder Holunder wurden vorerst weitergeführt, andere liess man auslaufen (Haselnüsse). Neue Versuche erfolgten mit den Tafeltrauben und ersten Aprikosenkulturen im Freiland. Gegenwärtig läuft ein weiterer grosser Erneuerungsschritt. Vorerst aber einige Hinweise zu Kulturen, bei welchen für den Moment die Versuche abgeschlossen sind.

Tafeltrauben
Bei den Spezialkulturen sind die Importmengen eine wichtige Grösse, um die Bedeutung im Markt abzuschätzen. Bei Tafeltrauben ist die Importmenge und der Konsum riesig. Es war daher logisch zu prüfen, ob hier, mit hoher Qualität produzierte Tafeltrauben, im Markt eine Chance für die hiesige Produktion wäre. Die Kostenberechnungen zeigten, dass dies bei optimalen Bedingungen und Pflege, trotz hoher Investitionskosten, durchaus der Fall wäre. Die erste Serie der gepflanzten Sorten hatte noch Kernen. Der Handel machte hier eine Kehrtwende und verlangte kernenlose Trauben. Die Produzenten reagierten umgehend, es wurde eine breite Sortensichtung vorgenommen und geeignete ausgewählt und geprüft. Teilweise war die Beerengrösse etwas knapp, insgesamt aber überzeugten die schönen und auch aromatischen Trauben. Am Markt konnten sich diese dann leider nicht durchsetzen. Trotz ansprechender Werbung, ADR und guter Qualität, waren die Ladenpreise für die Käufer im Vergleich mit den Importtrauben wohl zu hoch. Mit dem Rückzug eines Grossverteilers wurde der Absatz zunehmen schwieriger. Im Jahr 2016 wurden die Versuchsflächen deshalb gerodet.

Kiwi, Minikiwi
Die Forschungsanstalt Wädenswil befasste sich früh mit dem Kiwianbau. Demonstrationspflanzen zeigten, dass ein Anbau klimatisch bei uns durchaus in Frage käme. Kiwis brauchen viel Wasser, das wäre hier keine Problem. Der Markt der Kiwi hat sich jedoch so rasant entwickelt, dass die ursprünglich hohen Einzelstückpreise von 50 Rappen massiv absackten. In Italien erhalten die Produzenten heute nur noch 20 Eurocents pro kg. Rein klimatisch haben wärmere Gebiete grosse Vorteile, sodass ein Anbau bei uns nicht zustande kam. Anders sieht dies bei den Minikiwis aus. Diese kleine Frucht findet bei uns günstige Anbaubedingungen und konnte sich als Nische auch im Detailhandel einen Platz erkämpfen. Zwar sind es nur wenige Betriebe, welche diese Frucht produzieren. Die Kirschessigfliege ist ein neues Problem für diese Kultur. Trotzdem hat es sich gelohnt, diese Frucht genauer anzuschauen. Auch hier sind die Anforderungen des Marktes gross und eine grössere Mengenausdehnung ist momentan nicht realistisch.

Holunder
Noch vor 25 Jahren begegnete man im Thurgau überall einzelnen Holunderkulturen. Diese wurden für die Produktion von Beeren gepflanzt. Mittlerweile hat sich die Absatzrichtung verändert, Holunder wird zum grössten Teil zur Blütenproduktion genutzt. Auch für diese Kultur hat der Betrieb in Güttingen wertvolle Anbauerkenntnisse geliefert.

Veränderungen des Umfeldes haben auch den Betrieb Güttingen verändert
Die Gelder im Forschungsbereich fliessen heute, nicht zuletzt für Spezialkulturen, spärlicher als früher. Die Praxis verlangt auf aktuelle Fragen wesentlich schneller Antworten, und oft sind auch Firmen in der Lage, mit Kooperationen oder durch Projektmitarbeit rasch zielführende Resultate zu generieren. Auf dem Betrieb spielt deshalb die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Beratung und Dritten eine sehr grosse Rolle, und auch die Teilnahme an Projekten wie dem Interreg sind sehr zielführend, und erweitern die Möglichkeiten für alle Partner.

Erneuerung im Steinobstbereich
Im Bereich des Steinobstes setzte die Forschungsanstalt in Güttingen nur kleine Akzente. Die Schwerpunktforschung wurde auf dem Breitenhof in Wintersingen BL durchgeführt. Kleinere Parzellen an Kirschen und Zwetschgen mit verschiedenen Anbauformen waren aber stets interessant. Diese Kulturen sind nun aber zu alt und neue Möglichkeiten und Fragen im Anbau stehen im Vordergrund. Die alten Parzellen wurden deshalb im Herbst 2016 gerodet und im Frühjahr mit neuen Kirschen und Zwetschgenkulturen ersetzt. Eine fokussierte Sortenprüfung/ Sichtung ist in die Pflanzung integriert. Ebenfalls interessiert uns die Frage des Nachbaus. Die ersten Kirschenkulturen mit fixer Abdeckung sind nun 20 Jahre alt und die Remontierung naht. Bisher galt es in Beraterkreisen als verpönt, wenn Steinobst auf Steinobst nachgepflanzt wird. Tastversuche zeigen aber, dass dies bei entsprechend guter Vorbereitung möglich ist. Langzeiterfahrungen bestehen aber noch nicht. Die Neupflanzung ist deshalb so angelegt, dass ein Teil auf frischem Boden, der andere auf Nachbauboden steht. Die Entwicklung der Abdeckungssysteme hin zu Volleinnetzungen wird ebenfalls berücksichtigt. Bei den Zwetschgen wurden neue Sorten / Unterlagenkombinationen gepflanzt, welche bisher nicht zur Verfügung stehen. Eine Sortensichtung ist ebenfalls vorhanden, wobei hier auf interessante erfolgsversprechende Neuheiten fokussiert wurde. Aprikosen stehen im Thurgau gegenwärtig rund 15 ha.
Die ersten Anbauversuche zeigen, dass diese Kultur gefragte Früchte liefert, dass im Anbau jedoch grössere Probleme mit der Baumgesundheit vorliegen. Junganlagen bis ins 4./5. Standjahr präsentieren sich meistens schön. Dann beginnen Frost- und krankheitsbedingte Baumausfälle, welche sich nicht auf Einzelbäume beschränken. Bei dieser Obstart ist die richtige Parzellenwahl, eine verminderte Düngung (die Bäume wachsen hier eher zu stark und werden dann zu forsch geschnitten) sowie eine angepasste Fruchtausdünnung wichtig. Da die Produktion so zu unregelmässig ist, wird in Güttingen in einem Vergleichsversuch getestet, ob sich eine Abdeckung der Kultur lohnt. Dazu wurden die gleichen Sorten im Freiland und im Tunnel gepflanzt.

Zunehmendes Interesse an Beerenkulturen
Die Spezialisierung macht auch vor der Beerenproduktion nicht halt. Freilandkulturen werden durch Produktion unter Folie und Gewächshauskulturen ergänzt, um Kulturen zu verfrühen und den Markt über eine längere Zeitspanne mit Früchten zu versorgen. In Güttingen wurde zuerst das bestehende Gewächshaus für die Erdbeerproduktion genutzt. Die Erdbeerpflanzen werden in Kanälen mit Fertigation in einem Doppelfoliengewächshaus mit automatischer Lüftung angebaut. Dieses Verfahren wird von den Profis im Anbau bereits zur Verfrühung der Kulturen genutzt und hat sich bewährt. Von besonderem Interesse ist die Düngung der Kulturen und die Sortenfrage, denn die Erträge müssen in einem solchen System rund 1⁄2 kg / m2 höher sein als im Freiland. Gleichzeitig treten neue Probleme bei den Krankheiten und Schädlingen auf. Eine optimale Klimaregulierung ist deshalb sehr wichtig. Nebst dem Erdbeerenversuch wird für Himbeeren das Gleiche getestet. Die Himbeeren sind aber nicht in Rinnen, sondern in Töpfen gepflanzt, mit Bewässerung versehen und unter Folientunneln geschützt. Die Kulturen werden genau überwacht, die Lateraltriebe wenn nötig reguliert und es werden verschiedene neue Sorten geprüft. Fruchtgrösse und äussere und innere Qualität werden genauso beurteilt wie die Ernteleistung und die Transport-, respektive Lagerfähigkeit. Nicht zuletzt wird durch die Totaleinnetzung auch die Tauglichkeit des Systems in Bezug auf die Kirschessigfliege getestet. Diese neue Anbaumethode wird mit einer neuen Pflanzung von Sommerhimbeeren ergänzt. Ganz neu ist auch eine Parzelle mit Heidelbeeren. Eine Kultur, welche weltweit einen grossen Boom erlebt und die auch für unsere Produzenten interessant ist. Auch hier werden folgende Ziele verfolgt: Fragestellungen der Praxis bearbeiten, praxisrelevante Daten sammeln, Vergleich diverser Kulturführungen, Verfrühung der Saison, Beschreibung der Sorten und deren Sortenprüfung, Vergleich von Pflanzmaterial, Schulungen.

Interregprojekt «Nachhaltige Produktionssysteme»
Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in den Gewässern haben in den letzten 2 bis 3 Jahren regelmässig Schlagzeilen gemacht. Die Spezialkulturen stehen dabei mit der hohen Intensität des Pflanzenschutzes im Fokus, obwohl die ganze Landwirtschaft, aber auch Rückstände aus dem Siedlungsgebiet, zur aktuellen Situation beitragen. Diesem Umstand soll proaktiv entgegengetreten werden. Es gilt zu klären, wie nachhaltiger produziert werden kann und welche Massnahmen man ergreifen muss, um Punkteinträge, Abdrift und Dauereinträge durch Drainagen zu verringern. Dazu wurde in Sommeri eine Neuanlage mit robusten Apfelsorten aufgebaut. Technische, alternative Bodenpflegemassnahmen werden ebenso eingesetzt wie biotechnische Schädlingsbekämpfung. Nützlingsschonung und Förderung werden aktiv auch unter der Totaleinnetzung betrieben, zum Beispiel durch die Einsaat von Blütenstreifen oder Pflanzung von nützlingsfördernden Heckenpflanzen. Die Berücksichtigung der bereits bekannten Schadschwellen wird für den Entscheid eines Wirkstoffeinsatzes konsequent berücksichtig. Auch werden wenn möglich alternative Produkte eingesetzt. Ziel der Parzelle ist es, mit der Gesamtheit der Massnahmen den Pflanzenschutzmitteleinsatz zu reduzieren, ohne dass dabei Erträge oder Fruchtqualität negativ beeinflusst werden. Die Optimierung der Abdrift, die Verhinderung von Punkteinträgen über die Drainage sowie des Waschplatzes der Spritze, gehören parallel ebenfalls zur Zielerreichung dazu.


BBZ Arenenberg
Urs Müller
















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