Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
26. Juni 2020


Aktivitäten auf dem Obstbau Schul- und Versuchsbetrieb Güttingen

Ausgabe Nummer 18 (2018)

Der Obstbaubetrieb Güttingen war in den frühen Jahren ein Versuchsbetrieb für die Forschung. Das Zusammenrücken der Branche und der Forschung und Beratung hat dazu geführt, dass der Betrieb je länger je mehr auch für Schulungszwecke genutzt wird. Wichtige Inhalte waren immer die Prüfung und der Vergleich von Anbausystemen, die Sortenprüfung, die Bodenpflege, Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffversuche, Applikation, Ausdünnungsvarianten, Abdecksysteme usw.

Vorgeschichte
1967 wurden durch den Bund in Güttingen 9,87 ha Landwirtschaftsland erworben, um einen Obstbauversuchsbetrieb zu erstellen. 1969 wurden die ersten Flächen mit Obstbäumen bepflanzt. Die Pflanzungen wurden sukzessive erweitert und umfassten hauptsächlich Apfel- und Birnenkulturen. Im kleinen Rahmen wurden aber auch Zwetschgen, Kirschen, Walnüsse, Haselnüsse und später Kiwi gepflanzt. Die Spezialisierung der letzten Jahre hat zur Prüfung von Minikiwi, PawPaw und Tafeltrauben geführt. Während solche Kulturen teilweise in der Praxis Eingang fanden, wurden sie in Güttingen durch mehr Steinobst inklusive Aprikosen sowie Beerenkulturen ersetzt. Mit der Verpachtung des Betriebes ab 2006 an den Kanton Thurgau (BBZ Arenenberg) und die damit verbundene noch engere Zusammenarbeit der Beratung mit der Forschungsanstalt Agroscope wurde ein wichtiger Meilenstein gesetzt. Im Jahr 2017 konnte das 50-Jahr-Jubiläum des Versuchsbetriebs der Forschungsanstalt Wädenswil gefeiert werden.

Zusammensetzung der Kulturen
Die meisten der auf dem Betrieb geprüften Nebenkulturen blieben im Markt eine Nische. Selbst die mit grossem Elan und Engagement erarbeiteten Grundlagen für den Tafeltraubenanbau wurden vom Markt nicht aufgenommen. Der Betrieb führt deshalb von den Hauptobstarten grössere Flächen und hat den Wunsch der Branche aufgenommen, vermehrt auch im Bereich der Beeren Kulturen zu führen. Nebst Kern- und Steinobst (inklusive Aprikosen) werden heute Versuche im geschützten Erd- und Himbeeranbau sowie im Heidelbeeranbau durchgeführt.

Sortenprüfung
Die Sortenprüfung beim Kernobst erfolgt durch Agroscope Wädenswil. Verschiedene eigene Züchtungen und weitere interessante Sorten aus dem Ausland stehen in der Sortenprüfung.
In dieser Prüfphase geht es um die Qualitäts- und Ertragsbeurteilung der Früchte und des Wuchscharakters der Sorten. Vermehrt werden Sorten geprüft, welche hinsichtlich der wichtigsten Obstkrankheiten Resistenzen aufweisen. Im Steinobstanbau prüft das BBZ Arenenberg interessante Neuheiten bei Kirschen und Zwetschgen. Das Sortenkarussell dreht sich bei diesen Obstarten etwas weniger schnell. Gerade in der Ostschweiz ist die Beratung aber gut damit gefahren, nur wenige, qualitativ gute Sorten zu empfehlen. Dazu braucht es vielleicht etwas länger, bis eine Sorte auch wirklich empfohlen werden kann. Der Pflanzer hat dann aber die Gewähr, dass die Empfehlung auch passt.

Anbausysteme
Die Entwicklung der letzten Jahre bei den Anbausystemen hat sich von gut 1500 Bäumen pro ha auf 3000 bis 4000 Bäume erhöht, dabei hat sich die schlanke Spindel als ideales Erziehungssystem ergeben. Der Aufwand für Schnittmassnahmen hat dadurch stark abgenommen und eine Mechanisierung mit maschinellem Schnitt ist möglich. Trotzdem gibt es immer wieder Anstrengungen und Ideen, die Systeme zu optimieren. Wuchsbremsen durch Bibäume mit zwei Hauptachsen in V-förmiger Stellung anstatt einer ist der neuste Trend. Bei den Birnen wurde die freie Spindel infolge der starken apikalen Dominanz durch Heckenformen ersetzt. Dies hat sich bewährt, es zeigt sich aber, dass nicht jede Sorte mit diesem System optimal fruchtet. Beim Steinobst hat sich die Spindel auch bei den Kirschen durchgesetzt. Vermehrt wird aber auch das Drapeau Marchant-System gepflanzt. Dieses heckenartige System ist aufwendiger in der Aufbauphase, die Höhenbegrenzung des Baumes ist aber einfach und die Pflanzungen unter Folie können enger gepflanzt werden. Bei den Zwetschgen werden immer noch relativ stark-wüchsige Unterlagen verwendet. Engpflanzungen mit maschinellem Schnitt sind erst im Ausland in Prüfung. In diesem Bereich muss aber auch bei uns eine Intensivierung stattfinden, um den Anbau einfacher zu machen. Der Weg scheint hier vorgezeichnet, entweder sehr grosse Bäume mit hohen Erträgen oder kleine Bäume eng gepflanzt mit weniger Pflegeaufwand.

Ausdünnvarianten, ein Dauerthema
In der Schweiz stehen zur Fruchtausdünnung so viele Möglichkeiten zur Verfügung wie sonst kaum irgendwo. Trotzdem ist der Optimierungsbedarf in dieser Frage immer wieder ein Thema.
Wann welche Wirkstoffe einsetzen, Wirkstoffkombinationen und die Prüfung neuer Varianten stehen im Vordergrund. Dabei steht der Produzent jedes Jahr wieder vor der Frage, ob, wann und wie bei welchem Blütenansatz und Witterung ausgedünnt werden soll. Mit einer optimalen Fruchtausdünnung lassen sich die Arbeitsstunden massiv senken und die Kosten können optimiert werden. Versuche für die Obstarten Apfel und Birne haben bisher noch keine optimalen Möglichkeiten ergeben.

Wirkstoff- und Strategieprüfung im Pflanzenschutz
Der Einsatz von Pflanzenbehandlungsmitteln steht momentan stark in der Kritik und hat mit dem Aktionsplan PS Mittel zusätzlich Auftrieb erhalten. Die Presse dazu prangert die Landwirtschaft und insbesondere auch die Spezialkulturen stark an. Auf dem Betrieb werden insbesondere Strategien zum Einsatz der vorhandenen Wirkstoffe geprüft. Auch dabei sind Verfahren mit reduziertem Einsatz bei den Fungiziden, um die Auswirkungen zum Beispiel auf Lagerkrankheiten zu erforschen. Ebenfalls getestet werden neue Varianten der Wirkstoffausbringung. So zum Beispiel die Ausbringung von Pheromonen mit Grossdispensern. Fragen zur Applikation und der Verhinderung von Drift oder die Prüfung von Systemen zur Gerätereinigung stehen ebenfalls im Fokus.

Bodenpflege
Verschiedene Fragen drehen sich um Nachbauprobleme und den Einsatz von alternativen Methoden zur Baumstreifenbehandlung mit Herbiziden. Im Fokus steht auch der Test von neuen Geräten in diesem Bereich.

Und Smartfarming?
Neue Möglichkeiten Schädlinge gezielt mit Drohnen zu überwachen respektive Arbeitsgänge mit unbemannten Geräten durchzuführen werden schon bald auch in den Spezialkulturen in der Praxis Einzug halten. Die Entwicklung der Geräte und der dazu nötigen Software ist rasend schnell und Prototypen sind in Prüfung, trotzdem sind auf dem Betrieb momentan keine solchen Versuche am laufen. Das BBZ Arenenberg nutzt hier die Zusammenarbeit mit Agroscope am Standort in Tänikon.

Beerenversuche
Der Thurgau ist mit 25 % Marktanteil immer noch der grösste Produzent von Beeren. In den letzten Jahren war eine Produktionsausdehnung bei den Heidelbeeren feststellbar. Zudem hat sich die Anbautechnik des Himbeeren- und Erdbeerenanbaus stark verändert. Es ist ein deutlicher Trend in Richtung geschützten Anbaus sowie Substratkulturen vorhanden. Der geschützte Anbau in Tunneln oder Gewächshäusern ermöglicht es, das Klima zu steuern und die Fruchtqualität zu steigern. Insbesondere lassen sich dadurch Pflanzenkrankheiten und Schädlinge besser vermeiden beziehungsweise den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren. Um die Weiterentwicklung dieser Produktionsformen zu unterstützen, werden auf dem Versuchsbetrieb in Güttingen Versuche mit Substraterdbeeren, Substrathimbeeren und Heidelbeeren gemacht. Ziel ist es, Fragestellungen aus der Praxis auszutesten und praxistaugliche Resultate zu liefern. Es werden Versuche in der Anbautechnik sowie Sortenversuche durchgeführt, welche für die Praxis relevante Informationen liefern sollen. Dafür werden diverse Daten erhoben und ausgewertet. Die Versuche werden von einer Begleitgruppe aus der Branche unterstützt.

Aprikosenanbau, eine Alternative?
Obwohl im Wallis der Aprikosenanbau massiv ausgebaut wurde, ist diese Frucht auch bei uns ein Thema. Sicher nicht für den grossflächigen Anbau, dafür sind die klimatischen Begebenheiten zu unsicher (Frost). Die ersten Anbauversuche auf rund 15 ha zeigen, dass Blütenfrost und Befruchtung sowie das Bakterium Pseudomonas syringaea zu Baum- und Ertragsausfällen führen. Grundsatzproblem dabei ist auch der meistens zu starke Wuchs auf guten Obstbauböden. Diese Probleme haben dazu geführt, dass das BBZ Arenenberg den Anbau in einen Folientunnel verlegt hat und dort nun prüfen will, wie sich dies auf die Produktion, die Erträge und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auswirkt. Um einen Vergleich zu haben, wurden die gleichen Sorten daneben im Freiland ebenfalls aufgepflanzt.

Interreg Projekt «Nachhaltige Produktionssysteme»
Viele Fragen rund um Nachhaltigkeit werden heute an die Landwirtschaft gestellt. Ist zum Beispiel ein Hagelnetzpfahl aus Holz oder aus Beton nachhaltiger? Lässt sich der Einsatz von Pflanzenbehandlungsmitteln reduzieren, wenn Kulturen mit einer Totaleinnetzung versehen werden und unter dem Netz robuste Sorten stehen und Nützlinge aktiv gefördert werden? Kann ganz oder teilweise auf Herbizid verzichtet werden. Alle diese Fragen stellen sich heute.
In den Interreg-Projekten Feuerbrand, Kirschessigfliege haben Partner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammengespannt und sind so rasch grenzüberschreitend zu Lösungsansätzen gekommen. Die Projekte sind immer auch ein Partnermix aus Forschung, Beratung und weiteren Partnern. Auch zum Thema Nachhaltigkeit von Obstanlagen wurde dieser Weg gesucht. Die komplexen Zusammenhänge in einer Obstanlage spiegeln sich nur schon aus den wenigen Punkten Bodenpflege, Wuchs und Ertragsverhalten, Sortenrobustheit, Einfluss des Witterungsschutzes usw. wider. Wie verändern sich zum Beispiel Schädlingspopulationen in einem geschlossenen Netzkäfig. Welchen Einfluss hat dies auf das Baumwachstum und den Ertrag. In Sommeri wurde eine solche Obstanlage gepflanzt. Die Idee dahinter begann mit der Pflanzung von robusten Sorten (Feuerbrand, Schorf, Mehltau), teilweise stehen diese auch auf feuerbrandrobusten Unterlagen. Um die Kulturen vor der Witterung und der Einwanderung von Schädlingen und Krankheiten zu schützen, ist diese mit einem Hagelnetz und seitlichen Netzen eingenetzt. Dies hat auch positive Auswirkungen auf den Feuerbrand, welcher weniger weit in eine Obstanlage eindringt. Unter dem Netz wurden in der Abankerung gezielt Büsche gepflanzt, welche oft Nützlinge, insbesondere Raubmilben, beherbergen. Weiter werden in der Parzelle möglichst viele andere Nützlinge durch das Anbringen von geeigneten Verstecken gefördert.
Wo möglich werden Pflanzenbehandlungsmittel eingespart respektive nur behandelt, wenn die Schadschwellen überschritten werden. Ebenfalls sind Biotechnische Verfahren im Einsatz. Das heisst, Falter werden mit Pheromonen so verwirrt, dass keine Kopulation mehr stattfindet. Anstelle von Herbiziden wird der Baumstreifen alternativ behandelt, entweder mit einem Fadenmulcher oder Hackgängen. Auch die Fahrgassen sollen blühende Pflanzen aufweisen, ebenfalls zur Nützlingsförderung. Dies kann auch durch wechselndes Mähen oder nur teilweises Mähen der Fahrgassen erfolgen. Dies ist aber nicht ganz einfach, einerseits steigt sofort der Mäusedruck, andererseits sind die bei uns vorhandenen Böden meistens zu fett, sodass Blütenpflanzern selbst nach einer gezielten Einsaat oft wieder verschwinden. Mit all diesen Massnahmen kombiniert ist eine nachhaltigere Produktion möglich. Die Kosten für die Pflege nehmen aber zu und die Reduktion von Pflegemassnahmen zur Verhinderung von Pilzbefall können auch dazu führen, dass die Früchte wegen Lagerpilzen nicht verkäuflich sind. Die Anlage soll genau solche Fragen klären.

Steuerung der Aktivitäten
Eine Steuerungsgruppe der Partner Agroscope und BBZ Arenenberg ist für die Ausrichtung des Betriebes und die Versuchstätigkeit sowie die Zusammenarbeit besorgt. Flächen für die Forschung und Flächen vom BBZ Arenenberg werden ausgeschieden. Die Versuche auf den Flächen des BBZ Arenenberg werden durch die Berater in Zusammenarbeit mit der Branche oder Drittpartnern geplant und umgesetzt. Sie entsprechen nicht hochwissenschaftlichen, sondern praxisnahen Versuchen, welche Trends aufnehmen oder Einzelfragen klären sollen. Um die Branche einzubinden bestehen zu speziellen Fragen Kooperationen, zum Beispiel mit «Varicom», welche die Sorten von Agroscope vermarktet. Bei den Beeren gibt es ebenfalls eine separate Begleitgruppe, welche die Versuche koordiniert und plant. Involviert ist dabei ebenfalls die Forschung, die Praxis und die Beratung.

Information zu den Versuchen
Die alljährlich stattfindende Güttingertagung findet dieses Jahr am 18. August statt. Diese ist öffentlich und es werden jeweils verschiedene Themen beleuchtet. Auf der Homepage www.arenenberg.ch kann unter dem Thema Beratung / Obstbau / Versuchsbetrieb der Betriebsführer mit den Beschreibungen der Versuche eingesehen werden. Besucher und insbesondere Besuchergruppen haben die Möglichkeit, die Kulturen mit den Mitarbeitern des Betriebes oder den Beratern anzuschauen. Dazu bitten wir um frühzeitige Information, insbesondere des Betriebsleiters Patrick Stadler.


BBZ Arenenberg
Urs Müller






















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