Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
14. September 2018


Albert Vetterli leistete Entwicklungshilfe

Ausgabe Nummer 18 (2017)

Eindrucksvoller Einsatz in Äthiopien

In einem Referat in Schlatt (TG) gewährte der Hüttwiler Albert Vetterli einen Einblick in seine mehrmaligen Aufenthalte als landwirtschaftlicher Entwicklungshelfer in Äthiopien.

Albert Vetterli hatte sich in Afrika auf ein spezielles Abenteuer eingelassen. Der bereits zweifache Grossvater wagte im Rentenalter eine besondere Aufgabe, indem er sein grosses Wissen und Können in der Landwirtschaft der Mission am Nil, dem landwirtschaftlichen Projekt Nono, zur Verfügung stellte. Bereits 1983 war er als Coach und Kampfrichter an den Pflügerweltmeisterschaften in Simbabwe in Afrika und erlebte erstmals hautnah die herrschende Not und das Elend. Im Mai 2014 war es ein Artikel in einer Fachzeitschrift, welcher über das Nono Entwicklungsprojekt informierte. Zugleich wurde eine Fachkraft gesucht, welche fürs Einbringen der Mähdrescherfrüchte wie Bohnen, Erbsen, Mais und dem äthiopischen Nationalgetreide verantwortlich ist. Vetterli packte diese Gelegenheit beim Schopf, bewarb sich und bekam die Stelle. So reiste er Ende September in eines der ärmsten Länder Afrikas.
In Äthiopien herrscht eine grosse Regenzeit im Juli, August und September und eine kleine im März und April. Das Land ist rund 30 Mal grösser als die Schweiz und zählt rund 90 Millionen Einwohner. «40 Millionen sind Analphabeten, und nur jeder fünfte Einwohner hat Zugriff zu sauberem Trinkwasser. Aktuell hungern rund 10 Millionen Menschen», führte Vetterli aus. Das Land kennt zudem 70 verschiedene Stammessprachen sowie verschiedene Konfessionen.

Kleine Strukturen
«70 Millionen Menschen leben von einer klein strukturierten Landwirtschaft. Oftmals mit nur rund 1 ha Land halten sie als Selbstversorger Ziegen, Esel, Schafe, und bauen Ölsaaten wie Raps, Sonnenblumen und Mohn an. Zudem sind die roten und weissen Bohnen für die menschliche wie tierische Ernährung von grosser Bedeutung», so Vetterli. Das landwirtschaftliche Projekt Nono geht in die Achtziger- und Neunzigerjahre zurück, als eine grosse Hungersnot herrschte. Diese Region liegt auf rund 1750 m. ü. M und 230 km von der Hauptstadt Adis Abeba entfernt. Davon sind gerade einmal 150 km Strasse befestigt, die letzten 80 km führen über 12 Flüsse, welche nur bei wenig Wasser problemlos überquert werden können.
Der Staat fragte dazumal die Mission am Nil an, ob sie bereit wäre, in dieser abgelegenen Region, wo 100 000 Menschen ums nackte Überleben kämpfen, ein landwirtschaftliches Entwicklungsprojekt sowie eine Krankenstation aufzubauen. 2004 wurde das Projekt mit einigen 100 Hektaren sowie verschiedenen ärztlichen Mitarbeitern gestartet, mit den Zielen mehr Lebensmittel zu produzieren und die Gesundheitsversorgung zu verbessern. Seither wurden 19 Brunnen gebohrt und seit 2012 die maschinellen Einsätze gefördert. «Wir haben in diesem Projekt 275 ha Acker- und Grasland bewirtschaftet. Dazu kommen 128 ha Wald und 300 ha Busch», führte Vetterli weiter aus. Gesamthaft wurden 2014 45 ha Teff, 45 ha rote und weisse Bohnen, 38 ha Mais und 14 ha Kichererbsen angebaut. Dazu kommen 5 ha Hirse, 1 ha Leinsamen und 12 ha Plantagen mit Mango, Bananen und Avocados. Der Einsatz von Chemie und Dünger ist nicht bekannt.
«Mein Auftrag war sehr umfassend. So musste ich für das Einbringen der Ernte speziell mit dem Mähdrescher sorgen. Zudem wurden die Mitarbeiter zur Bedienung der Maschinen und Gerätschaften geschult und kleinere Reparaturen ausgeführt. Dazu kamen Schulung und Anleitung in Bodenbearbeitung oder Gemüsebau und der Aufbau von Bewässerungssystemen », so Vetterli.

Tierhaltung und Landtechnik
Auf Vetterli warteten 160 Völker Honigbienen und 110 Mutterkühe. Technisch wurde der Betrieb aufgerüstet, indem 6 Traktoren, 1 Mähdrescher und diverse Gerätschaften vorhanden waren. Für den Strassen- und Wasserbau standen 3 Lastwagen, 1 Bagger und Traktorbagger für den Aushub von Bewässerungsgräben im Einsatz. «Leider waren viele davon in einem schlechten Zustand», stellte Vetterli fest. Gesamthaft fanden 40 Angestellte eine Arbeit und für Erntearbeiten konnten bis zu 150 Tagelöhner, vielfach Bauern aus der Umgebung, beschäftigt werden.
«Ich habe eine grosse Armut angetroffen. Doch die Menschen waren mit ihrem einfachen Leben trotzdem zufrieden und ich wurde als wertvolle Fachkraft sehr geschätzt», bilanzierte Vetterli. Er erlebte in diesen 4 Monaten unheimlich viel, was ihm immer wieder unkonventionelle Lösungen abverlangte. «Ich musste dabei – analog zum Militär – alles, wie Pünktlichkeit und Durchhalten, vorleben oder gar manchmal auch anerziehen». Er konnte nicht alle Aufgaben, aus Zeitgründen und vielfach auch wegen fehlendem Treibstoff, erfüllen. Auch tagelange Stromausfälle trotz Generatoren, keine Telefonverbindungen sowie schwierige Ersatzteilbeschaffung erschwerten den Alltag. «Mit allen Problemen kamen sie zu Mister Albert, denn ich war als Allrounder überall gefragt». Er zeigte sich dabei beeindruckt, wie Angestellte, Tagelöhner und Bevölkerung ihr Schicksal selber in die Hand nahmen, ihre Tagesabläufe und viele Arbeiten mit einfachsten Mitteln erledigten.
Aber nicht alle waren diesem Projekt wohlgesonnen. Sabotagen an Pumpstationen oder Wasserversorgung gehörten auch dazu. Zudem musste das Camp mit Zäunen gut gesichert sein. Auf den Feldern waren 24 Wächter nötig, um diese vor Banditen, wilden Tieren und Feuersbrünsten zu schützen.
Vorgelebte Menschlichkeit, Achtung vor der älteren Generation und Zufriedenheit hat Vetterli in die Heimat mitgenommen. Als Folge der Ernährungsumstellung, aber 15 kg an Körpergewicht dort gelassen – ohne Hungern.
«Für mich war es eine echte Lebensbereicherung und grosse Befriedigung», so Vetterli in seinem positiven Fazit über das Abenteuer Äthiopien.


Roland Müller










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