Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Alte Kirschensorten punkten mit Geschmack und besonderem Aussehen

Ausgabe Nummer 31 (2014)

Alte Kirschensorten sind für die bäuerliche Direktvermarktung eine Bereicherung. Allerdings halten sich deren Ausbau und marktwirtschaftliche Möglichkeiten, wie zum Beispiel bei der Hedelfinger Streifenkirsche, meist eher in Grenzen.

Die Hedelfinger Streifenkirsche ist ein Blickfang inmitten jener Tafelkirschen, welche René und Anita Gremlich direkt ab Hof vermarkten. Der Ursprung dieser Kirsche bildet ein Hedelfinger Baum, der unmittelbar vor dem Haus der Familie Gremlich steht: Das Alter dieses ursprünglichen Baumes wird zwischen 80 und 100 Jahre geschätzt. René Gremlich übernahm 1988 von seinem Vater den Obstbaubetrieb, der bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend von Hochstammbäumen geprägt war. Irgendwann sei ihm aufgefallen, dass die Baumkrone des Hedelfinger Baumes stets einen Ast farbloser Kirschen mit einer auffälligen Streifung trug. Als er den Baum zurückschnitt, behielt er einige Reiser zurück, pfropfte und vermehrte diese erfolgreich, sodass er nun sowohl in seiner Tafelkirschenanlage wie auch auf der Streuobstwiese einige Bäume besitzt, deren ganze Ernte die Streifenkirsche hervorbringt. Je nach Witterung liegt sein Ernteertrag für die Streifenkirsche zwischen 300 und 500 kg. René Gremlich schildert, dass dies nicht die einzige alte Kirschensorte in seinem Bestand ist, sondern dass er unter anderem auch die «Napoleonskirsche» hatte. Im Zuge einer Güterzusammenlegung wurde dieser Baum jedoch ausgemerzt. «Die Napoleonskirsche ist ausschliesslich für Konfitüre geeignet. Hier entfaltet sie erst ihren einzigartigen Geschmack.»

Hedelfinger Streifenkirsche – ideal für Direktvermarktung
Durch Veredelung wurden aber auch von dieser Sorte junge Bäume gezogen, die in einigen Jahren Früchte tragen sollten. «Die hervorragenden geschmacklichen Vorzüge alter Sorten kann ich nur bestätigen», so René Gremlich. Alte Sorten hätten aber auch Nachteile, welche dem Ausbau der Mengen und marktwirtschaftlichen Chancen klare Grenzen setzen. Bezogen auf die Hedelfinger Streifenkirsche sei dies die hohe Anfälligkeit der Früchte auf Regeneinflüsse: Die Früchte jener Bäume, die nicht in seiner gedeckten Anlage stehen, seien in dieser Saison allesamt aufgeplatzt. Die Chancen alter Sorten, zum Beispiel für die Hedelfinger Streifenkirsche, erkenne er klar in der Direktvermarktung. Hier generieren sie ihm auch einen interessanten Erlös. René Gremlich verfügt über eine Angebotspalette von frühen wie auch später reifenden Tafelkirschensorten und er kann den Markt von Anfang Juni bis Ende Juli beliefern. Während der Erntespitze beschäftigt er zusätzlich sechs bis acht Personen. Er vermarktet einen Drittel seiner Kirschenernte im Verkauf ab Hof, die restliche Menge setzt er über die Tobi Seeobst AG ab. René Gremlich schildert, dass die Hedelfinger Streifenkirsche, wenn sie einen bestimmten Reifegrad erreicht hat, dazu neigt, tintenfleckähnliche Verfärbungen zu bilden.

Alte Sorten haben Besonderheiten
Nur in der bäuerlichen Direktvermarktung kann auf solche Besonderheiten Rücksicht genommen und im Verkaufsgespräch darauf hingewiesen werden. «Ich erkläre den Kunden, dass auch die gefleckte Kirsche geniessbar und sie in diesem Stadium sogar besonders schmackhaft ist.» Vor vier Jahren benannte René Gremlich seinen Hof, passend zur Region, in der mehrere Betriebe Tafelkirschen produzieren, als «Chriesiland». Seine hauptsächliche Ausrichtung im Obstbau liegt auf Kirschen (2 Hektaren) und Zwetschgen (1 Hektare). Inzwischen setzt er in der Direktvermarktung auf individuelle Kartongebinde. Diese tragen den Aufdruck «Chriesiland» mit genauem Weg- und Ortsbeschrieb zu seinem Hof, so dienen sie als Visitenkarte. Diese individuellen Verkaufsgebinde hätten für ihn längst nachweislich einen spürbaren Multiplikatoreneffekt für den Verkauf ab Hof, sodass er auf sonstige Werbung verzichten könne. Als beste Basiswerbung und zusätzliche Chance, auch für den Verkauf alter Kirschensorten, bezeichnet René Gremlich das Salensteiner Kirschenfest und den Ermatinger Bauernmarkt. Sowohl am Bauernmarkt wie am Fest erwecken Fruchtraritäten wie eine Hedelfinger Streifenkirsche immer die entsprechende Aufmerksamkeit und Kaufinteresse.


Isabelle Schwander







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