Ausgabe Nummer 22 (2006)

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Angst vor der Begeisterung?

Gedanken zu den Pfingstfeiertagen

Angst vor der Begeisterung?

Begeisterung kann in Menschen einiges auslösen, zum Guten wie zum Schlechten. Das zeigen Ereignisse rund um den Fussball. In kollektiver Freude können sich Menschen um den Hals fallen, die sich sonst nicht kennen oder einander sogar feindlich gesinnt sind. Kollektive Begeisterung (oder Enttäuschung) kann auch zu wüsten Dingen führen, wie kürzlich in Basel geschehen. Zur Begeisterungsfähigkeit des Menschen gehört die Fähigkeit, gewisse Sicherungen im Hirn vorübergehend auszuschalten, mit den genannten möglichen Folgen.


Die echte Freude der Christen –
ob still oder temperamentvoll
ausgedrückt – ist eine Frucht des
Heiligen Geistes. (kb)

Pfingsten ist das Fest der Begeisterung der Christen. Das führt mich zur Frage: Wie ist es mit der religiösen Begeisterung? Was kann sie im Menschen auslösen? Nur Gu-tes? – Leider nein. Auch religiöse Begeisterung kann ins Ungute kippen. Religiös begeisterungsfähige Menschen können das Mass verlieren oder können verführt werden, bis hin zu Gewalttaten an andern oder an sich selber.
Den institutionellen Kirchen sind die Kräfte, die da am Werk sein können, gelegentlich unheimlich. Sie neigen darum dazu, das unkontrollierte Wirken des Geistes einzuschränken. Etwa, indem sie nur bei beamteten Mitarbeitern die Geistbegabung anerkennen. Oder indem sie eine liturgische Ordnung durchsetzen, die das unkontrollierte Wirken des Geistes im Gottesdienst verunmöglichen. Oder indem sie Aufklärungsarbeit betreiben, in der religiöse Begeisterung mit psychologischen Begriffen zu erklären versucht wird.
Allerdings: Der Preis für diese Zähmungsversuche liegt auf der Hand. Religiöses Leben, das allzu sehr in feste Bahnen gelenkt wird, wirkt rasch langweilig. Kein Wunder, sind weltweit die Pfingstkirchen die am schnellsten wachsenden christlichen Kirchen, gerade unter Jungen. Sie möchten selbst etwas erleben und nicht nur davon hören oder darüber nachdenken, was andere erlebt haben.
Die Verantwortlichen für Fussballmeis-terschaftsspiele haben die nicht leichte Aufgabe, die Spiele zu einem Fest werden zu lassen, ohne dass die Kontrolle entgleitet, aber doch so, dass grösste Begeisterung im Stadion möglich ist. Eigentlich haben die Kirchenverantwortlichen eine ähnliche Aufgabe. In bald 2000-jähriger Erfahrung im Umgang mit dem gelegentlich unberechenbaren Wirken des Geistes haben sie gelernt, sich vor unguten Entwicklungen zu schützen. Haben sie dabei, jedenfalls bei uns in Europa, den Geist zu sehr gehemmt?
Unter den vielen Einwanderern in der Schweiz stammen nicht wenige aus Kirchen, die direkt oder indirekt aus Schweizer Missionen etwa in Afrika hervorgegangen sind. Wenn sie in der Schweiz auf Vertreter ihrer Mutterkirche (oder eher wohl: Grossmutterkirche) stossen, kommt es oft zu einem eigenartigen gegenseitigen Unverständnis. Dabei könnte man voneinander lernen: die Einwanderer, die einen enthusiastischen Glauben pflegen, von unsrer Besonnenheit und unserer Fähigkeit zu kritischem Nachdenken, und wir nüchternen Europäer von ihrer Spontaneität und ihrer Fähigkeit zu unmittelbarem Empfinden.
Solche Begegnungen, bei denen wir voneinander lernen, wünsche ich mir. Das wäre auf seine Weise ein modernes Pfingsten. Denn beides, das begeisterte Ausser-Sich-Sein vor Freude und das stille Nachdenken über den Glauben, können Früchte des Heiligen Geistes sein.

Pfarrer Wilfried Bührer