Ausgabe Nummer 25 (2007)
Appell zur Zusammenarbeit innerhalb der Obstbranche
Obstbauern fanden keinen Konsens
Starke Meinungsunterschiede zum Thema Feuerbrand zwischen Hochstammobstbauern und Niederstammobstproduzenten führten an einer Veranstaltung der Thurgauer Hochstammbauern und der Vereinigung Hochstammobstbau Schweiz fast zu einem Eklat.Guido Schildknecht, Präsident Hochstammobstbau Schweiz, Mörschwil SG, konnte über 100 Personen zur öffentlichen Veranstaltung «Feuerbrandbekämpfung, auf dem richtigen Weg?» im Restaurant Titanic in Amriswil begrüssen. Nach Schildknechts Meinung gibt es wohl keinen sinnigeren Ort als die «Titanic» für eine derartige Versammlung, sei doch dieser Luxusdampfer untergegangen.Auch dem Schweizerischen Obstbau drohe der Untergang. Deshalb gelte es zu retten, was zu retten sei. «Mit der Feuerbrandkatastrophe 2007 hat die Strategie des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) einen totalen Schiffbruch erlitten. In der Privatwirtschaft hätte schon längst das ?Köpferollen? begonnen», so Schildknecht. Er gab sich zuversichtlich, dass eine Lösungen gefunden werde, wenn einzelne Interessenvertreter über ihren Schatten springen können.
Nun auch Kontrolle bei Hochstämmen
Neben den unterschiedlichen Meinungen gebe es in Sachen Feuerbrand auch unterschiedliches Wissen über die Bakterienkrankheit, erklärte Urs Müller, Feuerbrandbeauftragter, BBZ Arnenberg. In seinem Referat erinnerte Müller an die extrem guten klimatischen Bedingungen für die Ausbreitung des Feuerbrandes in diesem Jahr. Nach seinen Ausführungen findet im Thurgau seit 1989 eine Feuerbrandbekämpfung statt. In den Jahren 2000 bis 2006 entstanden für die Feuerbrandbekämpfung für den Kanton Thurgau Kosten von rund 13 Millionen Franken. Müller glaubt, dass bei den Niederstammbäumen die Spitze der Ausbreitung wohl erreicht sei. Bei den Hochstammbäumen habe die Kontrolle begonnen. Stark befallene Hochstämmer, die nicht mehr gerettet werden können, würden durch die Kontrolleure mit einem roten Kreuz bezeichnet. Diese müssten sofort gerodet werden. Bäume, die mit einem oder zwei roten Punkten markiert sind, können gerettet werden, sofern die Produzenten bereit seien, die Äste herauszuschneiden und eine saubere Arbeit zu leisten.
Perspektiven für die Zukunft gefordert
Wenn auch in Zukunft jeder dritte Apfel und jeder zweite Liter Süssmost aus dem Thurgau stammen soll, brauche es entsprechende Massnahmen, stellte Edwin Huber, Präsident Thurgauer Obstbauverband, Neuchkirch-Egnach, fest. Er forderte vor allem Perspektiven für die Zukunft. Dabei stellte er vier Szenerien vor. Der Thurgauer Obstbauverband favorisiere eine Feuerbrandbekämpfung mit Antibiotikapräparaten und Alternativpräparaten. Nach seiner Meinung könne mit einem gezielten Antibiotikaeinsatz eine Epidemie, wie sie in diesem Jahr auftritt, vermindert oder gar verhindert werden.Auch könne die Ausbreitung reduziert werden. Gleichwohl müsse aber ein Rückschnitt und eine Rodung bei starkem Befall sowohl bei den Niederstammkulturen als auch bei den Hochstamm-Feldobstbäumen erfolgen.Vor dem Einsatz von Streptomycin sei eine saubere Sanierung unbedingt erforderlich. Behandlungen auf befallene Bäume führe zu gefährlichen Resistenzen des Feuerbrandes.
Hochstammbäume erholen sich
Ernst Krüsi-Widmer, Landwirt, Speicherschwendi AR, gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass man mit dem Feuerbrand leben müsse. Er schilderte die Rodung von 30 Hochstammbäumen auf seinem Betrieb, welche er vor Jahren zuliess. Gleichzeitig erzählte er von seinem erfolgreichen Rückschnitt und dem Herausreissen befallener Äste. Nach seiner Erfahrung können sich Hochstammbäume bei entsprechender Pflege und Geduld vielfach erholen. So habe er Bäume, welche vor sechs Jahren zur Rodung freigegeben wurden, retten können. Schildknecht wehrte sich vehement gegen die Rodung von Hochstammbäumen. Er forderte aber den gezielten Einsatz von Streptomycin.
Aufruf zur Zusammenarbeit
Obwohl verschiedene Votanten immer wieder darauf hinwiesen, dass alle in der Obstproduktion im gleichen Boot sitzen und alle am gleichen Strick in die gleiche Richtung ziehen sollen, drohte die Diskussion zeitweise zu eskalieren. Heftig kritisiert wurde die Forschung, die nach Ansicht von Diskussionsteilnehmern richtig geschlafen habe. Trotz einer allfälligen Bewilligung von Antibiotikapräparaten müsse die Forschung nach Alternativen weiter gehen.Auch die Politik bekam ihr «Fett weg». Gegen eine allzustarke Rodung von Hochstammbäumen bildete sich enormer Widerstand. Dabei wurde die Kompetenz der Kontrollorgane angezweifelt. Auf die Frage, wer das Gesuch für den Einsatz von Streptomycin einreichen müsse, antwortet Müller: «Dies wird demnächst von einem Hersteller von Antibiotikapräparaten erfolgen. Dabei bieten der Schweizerische Obstbauverband und wohl auch verschiedene Kantonsregierungen Unterstützung.» Ein Niederstammproduzent glaubt, dass der Markt für die Chemieindustrie zu klein sei, und deshalb das Interesse von dieser Seite fehle. Huber zeigte sich enttäuscht, dass sich zwischen den Tafelobstproduzenten und den Mostobstproduzenten an dieser Veranstaltung ein derartiger «Graben» öffnete. Er forderte alle Beteiligten auf, sich zu besinnen: «Nur gemeinsam können wir die Feuerbrandproblematik meistern und ?Mostindien? für die Zukunft sichern.»
Mario Tosato

Haben über den Feuerbrand eine unterschiedliche Meinung (von links nach rechts): Edwin Huber, Urs Müller, Ernst Krüsi und Guido Schildknecht. (tos)
