Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
20. April 2018


Arbeiten wie anno dazumal

Ausgabe Nummer 32 (2015)

Biobauer mit Pferdestärke

Die zwei Pferde der Bauernfamilie Meister kommen auf ihrem Biohof noch wie in früheren Zeiten zum Einsatz. Wenn immer möglich werden sie zum Pflügen, Säen, Gülle ausbringen, Heu einführen und Holz schleppen eingespannt. Der Landwirt will damit der schnelllebigen Zeit entgegenwirken und seinen Tieren eine sinnvolle Beschäftigung geben.

Die Vögel zwitschern von den Bäumen und die Sonne scheint unaufhörlich. Die Wiese ist gemäht, bereit für eine Portion Dünger. Doch bei Familie Meister auf dem Biohof Steigacker wird, wenn immer es die Zeit zulässt, nicht mit Traktor und Fass Gülle ausgetragen. Das erledigt David Meister mit seinen Pferden Merlin und Max mit dem kleinen Güllenfass. Geduldig still stehen die zwei Wallache beim Einfüllen der Brühe mit dem Schlauch. Auch als David Meister das Rührwerk laufen lässt, scheint das Geräusch sie nicht aus der Ruhe zu bringen. «Sie sind sich das gewohnt», sagt der Biobauer und streift sich den Schweiss von der Stirn.

Entscheidung aus dem Bauchgefühl
Der 13-jährige Max ist noch nicht lange im Team der Familie Meister. «Die Arbeit auf dem Feld ist ihm aber bekannt», so der Landwirt. Max kam vor rund einem halben Jahr als Ersatz für den Freiberger- Wallach Boris, der im vergangenen Winter aus gesundheitlichen Gründen mit 25 Jahren eingeschläfert werden musste. «Boris war das absolut treuste Pferd, um auf dem Feld zu arbeiten», sagt Meister, der Verlust lässt ihn immer noch nicht ganz kalt. Er erzählt, wie der Wallach beim Blacken stechen genau wusste, bei welcher dieser unliebsamen Pflanzen er stehen bleiben musste. «Für diesen Kumpan in kurzer Zeit einen Ersatz zu suchen, war für uns eine grosse Herausforderung», ergänzt Meister, der seine landwirtschaftliche Ausbildung in Solothurn absolvierte. Nach intensiver Suche wurden sie im süddeutschen Klettgau fündig. Kurzentschlossen entschieden sie sich für ihren ersten eigenhändigen Pferdekauf aus dem Bauchgefühl heraus für den Kaltblutmischling mit Abstammung aus Polen. Meister erzählt, wie der Wallach sich beim ersten Mal beim Einspannen zum Gülle führen etwas nervös verhielt. «Es braucht Geduld, als wir ihn am selben Tag nochmals einspannten, war er wie ein umgekehrter Handschuh und zog den Karren willig und brav mit», sagt Meister und hängt den Schlauch beiseite. Das kleine Güllenfass ist voll. Bevor er mit der nächsten Ladung aufs Feld fährt, streicht er seinen beiden Tieren eine Essigmischung gegen die lästigen Brämen aufs Fell. «Das hilft eine gewisse Zeit», erkärt er, steigt auf den Bock und los gehts.
Der Hof umfasst 21 Hektaren Nutzfläche. Davon sind rund 8 Hektaren Acker mit Fruchtfolgeflächen, der Rest sind Naturwiesen.

Freude mit den Tieren so zu arbeiten
Auf dem Steigacker kommen die Pferde nicht nur beim Gülle ausbringen zum Einsatz. Im Frühling sät David Meister mit einer hölzernen Sämaschine, pflügt die Äcker, bekämpft Unkraut auf Feld und Wiese, bringt das Heu mit Pferd und Wagen in die Scheune und führt im Winter Holz vom Wald auf den Hof. «Auf dem Steigacker kamen die Pferde schon immer zum Einsatz», sagt Meister. Diese Tradition wollen sie beibehalten.
Den zehnjährigen Basisfreiberger Merlin übernahm die Familie Meister zusammen mit dem Hof. Debora mag sich noch gut erinnern, dass bereits auf dem Hof ihrer Grosseltern Pferde zum Einsatz kamen. «Wir haben Freude, mit den Tieren zu arbeiten», sagt David Meister. Das Ehepaar pachtete den grossväterlichen Hof vor drei Jahren. Zuvor führte der Onkel von Debora Meister den Biobetrieb. Ihren Lebensunterhalt verdient die fünfköpfige Familie mit ihren 25 Milchkühen und dem Getreide-, Frucht und Gemüseanbau sowie dem kleinen Hofladen, der stetig wächst und sich mit neuen Ideen entwickelt. Dort steckt die Bäuerin sichtlich viel Liebe und Elan hinein.

In der Ruhe liegt die Kraft
David Meister lernte den Umgang mit den Pferden zum grössten Teil von seinem Vorgänger. «Tiere sind keine Traktoren, die Harmonie muss stimmen und sie müssen gehorchen», sagt er. Für ihn ist ein wichtiger Aspekt, den Arbeitswillen des Tiers zu spüren. An den ersten Kontakt mit Pferden mag er sich noch gut erinnern. Dies war, als er zwei Sommer als Hirt auf einer Alp mit Mutterkühen und Fohlen arbeitete. «Das war alles», meint er, zuckt mit den Schultern und erklärt, er habe den Umgang trotzdem schnell gelernt. Geritten sei er noch nie. «Das würde mich schon reizen, aber dafür fehlt nun doch auch mir bis jetzt die Zeit», sagt er und ergänzt mit einem breiten Lächeln: «Die Arbeit mit den Pferden auf Feld, Wiese und im Wald ist einfach cool.» Er liebe das Kettengeklimper des Pferdegeschirrs, die Natur unter dem Hufgeklapper zu spüren, dies alles ohne Motorengedröhn. Dem Aspekt «Zeit ist Geld» wollen sie mit ihrer Arbeitsweise ein wenig entgegenwirken und viel mehr auf die Weisheit «in der Ruhe liegt die Kraft» legen. Wirtschaftlich dürfe er diese Arbeitsweise in der heutigen Zeit nicht berechnen. «Doch wenn ich den Kostenvergleich zu Arbeitskraftstunden nicht berechne, kommen mich die Pferde günstiger», sagt er optimistisch. Es brauche einen gewissen Idealismus. Man müsse es aus Leidenschaft betreiben und sich die Zeit dafür nehmen – sonst sei es besser, es bleiben zu lassen.


Daniela Ebinger










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