Ausgabe Nummer 37 (2005)
Arbeitswirtschaft ein Dauerbrenner
Erste regionale Milchwirtschaftstagung in Mauren
Arbeitswirtschaft ein Dauerbrenner
Am vergangenen Mittwoch, 31. August, luden die Agro Beratungsvereine Birwinken, Bissegg, Braunau, Bussnang, Bürglen und am Nollen, zusammen mit Profi Lait und der Landi Mittelthurgau zu einer Milchwirtschaftstagung auf den Hof der Betriebsgemeinschaft Ruch und Gansner in Mauren. In drei verschiedenen Vorträgen wurde das Schwerpunktthema Arbeitswirtschaft behandelt und von den Teilnehmenden lebhaft diskutiert. Die Organisatoren sind mit dem Resultat zufrieden, sodass sie beabsichtigen, den Anlass im Frühjahr zu wiederholen.

In Deutschland muss der Bauer
noch mehr Zeit für Büroarbeiten
aufwenden als in der Schweiz.
(Stefan Braun)
Gegen die fünfzig Personen, darunter viele Bäuerinnen, fanden trotz des sonnigen Wetters den Weg auf den Hof der Betriebsgemeinschaft Ruch und Gansner. Thomas Ruch stellte den Anwesenden die Betriebsgemeinschaft vor. Sie bewirtschaften 44 Hektaren Land mit 65 Milchkühen und 44 Mastschweinen. Daneben dörren sie viele Früchte und verkaufen selbst gebackenes Brot.
Wie steigern wir die Arbeitsproduktivität ohne hohe Kosten?
Dr. Matthias Schick von der FAT Tänikon erklärte in einer schwungvollen Art, wie man die Arbeitsproduktivität in der Milchviehhaltung steigern könnte. Laut Statistik wird etwa ein Viertel der Zeit in Management, sprich Büroarbeiten, und verschiedenen kleinen Sonderarbeiten aufgewendet. Eine gute Organisation und fundierte Kenntnisse der Werkzeuge lassen hier laut Schick beträchtliche Ein-sparungen zu. Interessant war der Vergleich des Arbeitsaufwandes eines durchschnittlichen Schweizer Milchviehbetriebs mit ähnlichen Betrieben in Staaten der EU, detaillierter aufgezeigt an einem existierenden Betrieb aus dem süddeutschen Raum. Der Vergleich zeigt, dass der Schweizer Vergleichsbetrieb «Max» für die meisten anfallenden Arbeiten pro Kuh mehr Arbeitszeit aufwendet als sein deutscher Nachbar «Moriz». Matthias Schick erklärte die Gründe: Max verfüttert zum einen mehr verschiedene Futterkomponenten. Diese werden meist selbst angebaut, geerntet und gelagert. Zusätzlich ist die Parzellierung für ein rationelles Arbeiten für Moriz günstiger. Die höheren Tierschutzauflagen in der Schweiz führen beim Misten für Max zu einem höheren Aufwand. Während er auch alle seine Kälber selber aufzieht, behält Moriz nur diejenigen zur Remontierung, und spart dank eines Tränkeautomaten erheblich Umtriebszeit. Für den Futteranbau spart Moriz dank der grösseren Parzellierung und der kompletten Erledigung des Heuens durch einen Lohnarbeiter erheblich Arbeitszeit. Überraschenderweise muss der deutsche Nachbar einzig für die Büroarbeit noch mehr Zeit aufwenden als sein Schweizer Kollege Max. Die europäische Bürokratie lässt grüssen. Matthias Schick plädierte dafür, bei anstehenden Problemen nicht nur eine Lösung zu suchen, sondern immer möglichst alle in Frage kommenden Möglichkeiten genau zu überprüfen.
Abschliessend präsentierte er das Bild eines Flugzeugpropellers, dessen drei Blätter das Umfeld des Bauernhofs mit den Bereichen Betrieb, Soziales und Familie zeigten. Wenn ein einzelnes Propellerblatt zu gross wird, weil beispielsweise die Arbeitsbelastung auf dem Betrieb zu gross ist, bekommt der Propeller Unwucht, verliert an Schwung, und das Flugzeug droht ausser Kontrolle zu geraten. Es ist deshalb wichtig, regelmässig zu überprüfen, ob alle drei Bereiche in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen.
Lebensqualität: Ein Rezept gibt es nicht
Jenifer van der Maas und Thomas Ruch führten das Thema in ihrem Vortrag noch weiter. Was bedeutet für die Bauersfamilie Lebensqualität? Laut einer Umfrage in der EU beinhaltet es vor allem ein gutes Einkommen und genügend Freizeit, das Vieh steht erst an untergeordneter Stelle. Die Vorstellungen eines Arbeitstages gehen weit auseinander. Wenn der Luxemburger mit seinem Zehnstundentag zufrieden ist, möchte der Spanier bei einem durchschnittlichen Achteinhalbstundentag lieber weniger arbeiten. Lebensqualität bedeutet für jeden etwas anderes, deshalb gibt es auch kein Patentrezept dafür.
Was machen die Thurgauer Milchproduzenten, um ihre Lebensqualität zu steigern? Betriebsleiter Thomas Ruch erzählte von seinen Erfahrungen. Er hat sich für eine Betriebsgemeinschaft entschieden, weil er sich damit mehr Zeit für seine Familie nehmen und ungeliebte Arbeiten aufteilen kann. Wichtig ist dazu aber eine effiziente Planung, und dass man miteinander redet. Dafür nimmt sich die Betriebsgemeinschaft Ruch/Gansner immer am Montagmorgen Zeit. Jeder muss wissen, was er wissen muss. Fehler müssen eingestanden werden, damit man sich wieder in die Augen schauen kann. Ein Teilnehmer erklärte dazu den Unterschied zwischen einem schlauen und einem dummen Bauern. Der schlaue Bauer mache nämlich einen Fehler nur einmal. Thomas Ruch erklärte, dass es wichtig sei, eine genügende Distanz zum Betrieb wahren zu können: Loslassen zu können, sich Freitage einzuplanen und den anderen auch etwas zu gönnen. Ihr gemeinsamer Glaube helfe Ihnen viel dabei, denn «mitnehmen kann man schlussendlich ja nichts».
Jenifer van der Maas präsentierte eine Liste mit möglichen Tipps, die helfen können, den Alltag zu entlasten. Vereinfachen, Arbeitsabläufe ständig hinterfragen, gezielte Planung mit klaren Prioritäten, längerfristige Ziele, auch zu wissen, was man explizit nicht will, und manches mehr. Die Teilnehmer brachten anschliessend eigene Tipps und Erfahrungen ein: Oft habe man halt schon das Gefühl, man könne die Sache nur selber machen; es sei wichtig, dass man auch loslassen könne. Es sei wichtig, einander Vertrauen entgegenbringen zu können, sich selber und seine Arbeit kritisch zu hinterfragen, sich gezielt einen Tag frei einzuplanen.
Chancen der saisonalen Milchwirtschaft
Im dritten Vortrag sprach Hannes Moser über saisonale Milchwirtschaft. Der ehemalige Student der Schweizer Hochschule für Landwirtschaft in Zollikofen hat in seiner Diplomarbeit verschiedene Betriebe, die auf Vollweide umgestellt haben, analysiert. Fachkundig und mit einer unverwechselbar bernerischen Art erklärte er, dass die saisonale Milchwirtschaft für geeignete Betriebe sich durchaus auszahle. Der finanzielle Ertrag ist mit Hoch-
leistungsbetrieben vergleichbar. Mit 81 kg pro Arbeitskraftstunde ist der Milchertrag rund 30 kg höher als bei durchschnittlicher Milchviehhaltung in der Schweiz. Dies vor allem, weil die Arbeit sehr «konzentriert» anfällt. Neben einer Arbeitsspitze im Frühling, wenn die Brunstbeobachtung neben der Heuernte zusätzlich viel Zeit in Anspruch nimmt, ist der Arbeitsaufwand übers Jahr vergleichsweise gering.
Da einige der Teilnehmenden auf ihrem Hof bereits auf Vollweide umgestellt hatten, konnten in der Gruppe Informationen aus erster Hand ausgetauscht werden: Die Voraussetzungen für eine Umstellung müssen stimmen. Man muss über genügend Weideland in Hofnähe verfügen und überzeugt hinter dem System stehen können. Das Einstellen der Brunst im Frühjahr ist eine Schwierigkeit bei der Umstellung, und für die Bodenqualität ist es manchmal besser, man lässt die Kühe auch bei schlechter Witterung auf die Weide, als dass sie den Boden am nächsten Tag durch Springen aufreissen.
Wiederholung geplant Interessenten bitte melden
Für den abschliessenden Umtrunk wurden von der Landi Mittelthurgau Getränke, von der Firma Strähl Käseplatten und von der Gastgeberfamile selbst gebackenes Brot spendiert. Vielen Dank.
Die Besucher stellten dem Anlass ein gutes Zeugnis aus, und auch seitens der Organisatoren war man durchwegs zufrieden. Deshalb erwägt man, im Frühjahr eine weitere Milchwirtschaftstagung anzubieten. Sollten Sie sich für eine Teilnahme oder gar für eine Durchführung auf Ihrem Hof interessieren, melden Sie sich bei Ihrem Obmann oder bei Daniel Ammann, Birwinken (Tel. 071 648 11 92).
