Ausgabe Nummer 36 (2010)

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Aroniabeere: Eine unbekannte Frucht ist auf dem Vormarsch

Noch ist die Aroniabeere ein Geheimtipp. Das könnte sich bald ändern. Die erste grosse Ernte ist eingefahren, die Vermarktung läuft an. Ein Augenschein bei Konrad Stäheli im thurgauischen Neukirch-Egnach.

 

Der Weg zu Konrad Stähelis Hof führt an Hunderten voll behangener Apfelbäume vorbei. Doch das Interesse des Thurgauer Obstbauern gilt an diesem windig-kalten Tag nicht Gala, Golden Delicious oder Braeburn, sondern einer kleinen, blauschwarzen Frucht – der Aroniabeere. Gemeinsam mit elf Helfern pflückt Stäheli diese auf den ersten Blick wie Heidelbeeren aussehenden Früchte behände von den rund 50 Zentimeter hohen Sträuchern. Vor zwei Jahren hat er 900 dieser pfl egeleichten und anspruchslosen Pfl anzen angebaut – auf seiner Versuchsfläche, wie er betont. Zuvor hatte Stäheli auf den 50 Aren Kornellkirschen kultiviert, was er aufgrund von Problemen bei der Verarbeitung wieder sein liess. Nun ruhen seine Hoffnungen auf der Aroniabeere. Dabei kann er allerdings auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen, denn in der Schweiz kennt man die Aroniabeere erst als Zierpflanze, nicht aber als Nutzpfl anze wie etwa in Deutschland, Österreich oder Polen. Entsprechend gelte es denn auch Erfahrungen zu sammeln, erklärt Stäheli. So müsse er etwa den optimalen Erntezeitpunkt herauszufi nden. Dies ist umso wichtiger, als die Erträge von Jahr zu Jahr stark wachsen werden und künftig keine Fehler passieren dürfen: Konnte Stäheli 2009 gerade mal 130 Kilo ernten, sind es heuer bereits 1500 Kilo, die zu Aroniabeeren-Saft gepresst werden. Für nächstes Jahr rechnet er mit rund der doppelten Menge. Und im Vollertrag werden die Pfl anzen dann 2014/15 stehen.

 

Aronia: Kleine Beere mit grosser Wirkung

Die kleine, herb-säuerliche Aroniabeere hat es in sich: Nebst einer langen Reihe von Vitaminen und Mineralstoffen enthält sie vor allem reichlich sekundäre Pfl anzenstoffe, sogenannte Anthocyane. Diese sind einerseits für die dunkle Färbung verantwortlich, andererseits entfalten sie eine antioxidative Wirkung, was verhindert, dass freie Radikale Organe und Gelenke schädigen. Ursprünglich stammt die Aroniabeere aus dem östlichen Nordamerika. Von da gelangte sie im 19. Jahrhundert via Deutschland nach Russland. Aufgrund ihrer geringen Ansprüche an den Standort und ihrer Frosthärte war sie für den Anbau im rauen russischen Klima bestens geeignet. In grösserem Umfang wurde sie in der ehemaligen Sowjetunion kultiviert und später in den Ostblockländern Polen, Rumänien, DDR, Bulgarien. Polen gehört heute zusammen mit der Ukraine zu den Hauptangebieten der Aroniabeere. Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges fand die Aroniabeere auch in Westeuropa Verbreitung.

 

Absatzmärkte erschliessen

Auf Peter Schmidli, Präsident der Interessengemeinschaft Aroniabeere, wartet viel Arbeit in den nächsten Wochen. Seine Aufgabe wird es sein, den Markt zu sondieren und Verkaufskanäle zu erschliessen. Dies geschieht im Hinblick auf die kommenden Ernten, die immer grössere Erträge erwarten lassen. «Wir müssen wissen, wie wir die Aroniabeere vermarkten können », erklärt Schmidli. Deshalb wird er in den nächsten Monaten mit Mustern von gedörrten oder zu Saft gepressten Aroniabeeren von Laden zu Laden ziehen und Werbung für seine «Powerbeeren» machen, wie er die kleinen Früchte liebevoll nennt. Schmidli gibt sich zuversichtlich: «Die Zeit war noch nie so ideal wie heute, denn immer mehr Menschen achten auf ihre Gesunheit», erklärt Schmidli. Dieses Kundensegment wolle man denn auch ansprechen, weshalb es künftig gelte, die gesunden Inhaltsstoffe der Aroniabeere besonders zu betonen. Seine Zuversicht gründet auch in der vielseitigen Verwendbarkeit der Aroniabeere. Diese lasse sich gedörrt ideal mit Müesli oder Jogurt kombinieren, gepresst als Saft trinken oder als Konfi türe auf dem Brot geniessen. Nur für eines scheint sie nicht geeignet zu sein: «Die Aroniabeere ist aufgrund ihres herbsäuerlichen Geschmacks keine Frucht, die man roh direkt vom Strauch ist», erklärt Schmidli.

 

Erste Gehversuche

Stäheli ist einer von neun Produzenten in der Ostschweiz, die die zu den Rosengewächsen gehörenden Aroniabeeren anbauen. Damit ist der grösste Apfelproduktionsstandort zugleich auch Hauptanbaugebiet der Aroniabeere. Wohl als erster Schweizer kultivierte aber der Emmentaler Landwirt Walter Bracher in den 1990er Jahren die blau-schwarzen Früchte. Die Initiative zur Kultivierung in der Ostschweiz geht auf Veiko Hellwig zurück. Der gelernte Koch aus Gottlieben/TG hat sich mit seinem Unternehmen auf Entwicklung und Produktion von Spezialitäten aus Nüssen und Wildfrüchten spezialisiert. Auf der Suche nach etwas Neuem stiess er 2007 auf die Aroniabeere. Mit aus Bulgarien importierten Früchten begann er zu experimentieren, stellte Gelée und einen Apfel-Aronia-Brotaufstrich her. Etwa zur gleichen Zeit liest Peter Schmidli in einem Fachmagazin einen Artikel über die Aroniabeere, der mit der Feststellung endet, dass diese in der Schweiz gar nicht angebaut werde. Die Neugier des pensionierten Kaufmanns aus Flawil, der bis dahin wenig mit Obstbau zu tun hatte, war geweckt, zumal die Frucht als äusserst gesund beschrieben wurde. Schmidli begann zu recherchieren und ging mit seiner Frau eigens in die Steiermark, wo der Aroniaanbau Tradition hat, um sich vor Ort zu informieren. Wieder zu Hause, pflanzte er 500 Stauden auf seinem Grundstück und nahm Kontakt mit Hellwig auf. 2009 wurde dann die Interessengemeinschaft Aroniabeere gegründet, deren Präsident Schmidli wurde.

 

Neuland betreten

«Die grosse Herausforderung bestand darin, Wissen und Informationen über die Aroniabeere zu sammeln, da wir bei Null anfangen mussten.» Deshalb wurde mit der Gründung des Vereins auch gleich der Kontakt zur Landwirtschaftlichen Schule Arenenberg gesucht, deren Experten Schmidli den Anbau empfahlen. Seit der Gründung des Vereins weilte Schmidli mehrmals im Ausland, um Pflanzen zu importieren oder um mit erfahrenen Produzenten zu reden. Doch noch immer existieren einige Wissenslücken im Umgang mit der Aroniabeere, die es baldmöglichst zu schliessen gilt: «Wir wissen noch immer nicht, bei welcher Hitze und wie lange wir die Beeren dörren müssen, damit wir einen optimalen Trocknungsgrad erreichen», erklärt Schmidli. Herausfi nden will er überdies den idealen Reifegrad. Denn während man in Deutschland die Meinung vertrete, dass die Aroniabeere bei der Ernte glänzen müsse, gehe man in Österreich davon aus, dass die Früchte reif sind, wenn sie einen Gehalt von mindestens 20 Brix aufweisen würden. Die diesbezüglichen Erfahrungen der einzelnen Produzenten will Schmidli auswerten und die Erkenntnisse für die nächste Ernte nützen. Ausserdem wird er einmal mehr nach Österreich reisen, um eine Erntemaschine zu evaluieren. Denn wurden dieses Jahr die Beeren noch von Hand gepfl ückt, sollen diese demnächst maschinell geerntet werden wie im Ausland.

 

Michael Wahl, LID