Ausgabe Nummer 34 (2008)
Auch im Thurgau mittelmässige Ernteerwartung
Die Schweizer Obstbaubranche traf sich an der traditionellen Güttinger Tagung (Artikel I)
Die Obstbaubranche erwartet eine mittelmässig Ernte 2008, dennoch ist die Marktversorgung gesichert. Mit zusätzlichen finanziellen Mitteln wurden vier Forschungsprojekte zur Feuerbrandbekämpfung initiiert.«Das Obstjahr 2008 steht unter völlig anderen Vorzeichen als das Grosserntejahr 2007», erklärte Bruno Pezzatti, Direktor des Schweizerischen Obstverbandes (SOV), an der Güttinger Tagung. Im vergangenen Jahr konnte bei den Tafelbirnen eine Rekordernte, bei den Tafeläpfeln die zweitgrösste Ernte aller Zeiten und bei den Beeren und Steinobsternten eine gute bis sehr gute Ernte verzeichnet werden. Nach den Schätzungen werde der Ertrag der Apfelkulturen mit 132 600 Tonnen gegenüber dem Vorjahr um rund 15 Prozent kleiner sein. Dennoch werde die Apfelernte für eine volle Marktversorgung ausreichen. Pezzatti sprach bei den Birnen mit einer zu erwartenden Ernte von 15600 Tonnen, was gegenüber 2007 einem Erntedefizit von 44 Prozent bedeute. Bei den Mostäpfeln betrage die Erntschätzung 97800 Tonnen (2007: 123 660 Tonnen) und bei den Mostbirnen 13 070 Tonnen (2007: 39160 Tonnen). Bedingt durch die teils schwierigen Wetterverhältnisse werde die Ernte bei den Beeren, Kirschen, Aprikosen und Zwetschgen gegenüber dem Vorjahr bedeutend kleiner ausfallen. Auch beim Mostobst werde mit einer Mittelernte gerechnet. «In diesem Jahr dürften die Produzentenpreise mengen-, markt- und kostenbedingt etwas nach oben angepasst werden», sagte Pezzatti.
Edwin Huber, Präsident des Thurgauer Obstverbands, rechnet im Thurgau mit ähnlichen Zahlen. Bei den Tafeläpfeln laute die Prognose auf eine um 17 Prozent kleinere Ernte. Bei den Tafelbirnen dürfte die Ernte im Thurgau praktisch halbiert werden.
Suche nach alternativen Bekämpfungsmethoden
Laut Eduard Holliger und Benno Graf, Forschungsanstalt Agroscope Changins- Wädenswil ACW, haben bis Mitte August rund 500 Gemeinden Feuerbrandbefall gemeldet. Einzig aus den Kantonen Genf, Neuenburg, Tessin und Wallis liegen keine Befallsmeldungen vor. Der Feuerbrand habe nicht nur die Obstbaubranche, sondern auch die Politik beschäftigt. So seien für die kommenden vier Jahre für die Forschung zusätzlich 2,5 Millionen Franken gesprochen worden.Agroscope Changins- Wädenswil ACW werde drei Projekte leiten, das Institut für biologischen Landbau FiBL eines.
Im ersten Projekt erforschen Fachleute Wissenslücken zur Lebensweise von Feuerbrandbakterien. Das Ziel: Verlauf und Ausbreitung von Feuerbrandinfektionen besser verstehen und Gegenmassnahmen weiter optimieren. Im zweiten Projekt werde nach alternativen Bekämpfungsmethoden gesucht, deren Wirkung optimiert und die Streptomycin-Resistenz überwacht werde. Das dritte Projekt habe die Züchtung feuerbrandtoleranter Obstsorten mit traditionellen und molekularbiologischen Methoden zum Ziel. Im vierten Projekt prüfen Experten die Eignung feuerbrandtoleranter Obstsorten und Unterlagen für den Bioanbau. «Das gewonnene Wissen wird ein weiterer Schritt sein auf dem Weg zu einer nachhaltigen Feuerbrand- Bekämpfung», so Holliger. Nach seiner Meinung dürfte es aber noch einige Jahre dauern, bis echte alternative Präparate zu Streptomycin verwendet werden können.
Mario Tosato
Wirkungsvolle Strategien gegen Spinnmilben
Heinrich Höhn und Katrin Annaheim, ACW, informierten über wirkungsvolle Strategien gegen Spinnmilben. Vor rund dreissig Jahren habe die Rote Spinne grosse Schäden in Apfelanlagen verursacht. Nun sei diese Spinnmilbe wieder auf dem Vormarsch. In einzelnen Betrieben und bei gewissen Apfelsorten sei sie heute sogar der Hauptschädling. Eine Bekämpfung mit Akariziden sei oft wirkungslos, zudem seien die natürlichen Gegenspieler, die Raubmilben, häufig in zu geringer Zahl vorhanden. Die Insektenspezialisten der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW kommen daher zum Schluss: «Ohne Raubmilben geht gar nichts.» (tos)
Güttinger Tagung auch 2008 sehr informativ (Artikel II)
Die traditionelle Güttinger Tagung auf dem Versuchsbetrieb Obstbau Güttingen war auch dieses Jahr wieder gut vorbereitet und lieferte Informationen zu verschiedenen Themenbereichen und Aktuellem. Wie J.P. Major, Direktor der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil (ACW), erläuterte, basiert die Forschung heute vermehrt auf der Zusammenarbeit von Forschung, Beratung und Wirtschaft (Proficrops). Damit können die vielfältigen Erfahrungen besser genutzt und schneller in die Praxis umgesetzt werden. In der Feuerbrandforschung hat der Bund mehr Geld für die Forschung zur Verfügung gestellt. Schnelle Resultate sind ob der Komplexität dieser Krankheit jedoch nicht unbedingt zu erwarten.Obstmarkt,Vermarktungskonzept und Freihandelsabkommen
Zur bevorstehenden Ernte präsentierte B. Pezzatti, Direktor des Schweizerischen Obstverbandes, die neuesten Zahlen der Ernteschätzungen. Wie bei bisher fast allen Obstarten wird auch bei den Zwetschgen und beim Kernobst im 2008 eine deutliche geringere Ernte erwartet als im Vorjahr. Beim Kernobst beträgt die Schätzung 132600 Tonnen, 15 Prozent weniger als im Vorjahr. Bei den Birnen beträgt die geschätzte Reduktion sogar 44 Prozent, was noch eine Menge von 15 600 Tonnen ergibt. Besonders auffallend war nach der eigentlich guten Blühperiode bei allen Fruchtarten ein relativ starker Fruchtfall beim Kernobst in den Monaten Juni und Juli. Beim Mostobst ist auffallend, dass die kleinste, je geschätzte Birnenernte erwartet wird. In der EU war bereits die Ernte 2007 eher klein, trotzdem werden auch dieses Jahr nochmals 7 Prozent weniger Ertrag geschätzt. Eine vom Schweizerischen Obstverband und der Swisscofel eingesetzte Arbeitsgruppe hat das diesjährige Vermarktungskonzept vorberaten.Aufgrund der erwarteten Erntemenge ist eine Anhebung der Ziellagermenge von 55000 Tonnen auf 57 000 Tonnen und bei den Birnen eine Erhöhung von 10 000 Tonnen auf 11 000 Tonnen vorgeschlagen. Diverse weitere Anpassungen sind ebenfalls vorgeschlagen. Ob und wie die Umsetzung erfolgt, ist gegenwärtig noch nicht definitiv bekannt. Pezzatti äusserte sich auch zu den gescheiterten WTO-Verhandlungen. Dabei wurde ja kein Ergebnis erzielt. Eine Umsetzung hätte den Obstbereich mit einem massiven Zollabbau von 60 Prozent sehr hart getroffen. Noch schlimmer wäre ein Agrarfreihandelsabkommen mit der EU gewesen. Da besonders die bei deutlich höheren Lohnkosten nicht verändert werden kann, wäre ein geschätzter Verlust von 30 bis 40 Prozent Marktanteil am Inlandmarkt zu erwarten gewesen. Anstelle eines Freihandelsabkommens fordert der Schweizerische Obstverband deshalb die Weiterentwicklung der bilateralen Verträge mit der EU.
Feuerbrand,was tut die Forschungsanstalt Agroscope?
Der Befall scheint insgesamt leicht geringer als im Jahr 2007, trotzdem wurde Feuerbrand bisher in 21 Kantonen nachgewiesen. Insgesamt wurden bisher an der ACW zirka 3500 Proben bearbeitet.
Dank zusätzlicher 2,5 Millionen Franken des Bundes für die nächsten vier Jahre ist es möglich, gleich vier neue Projekte anzugehen. Drei davon werden von ACW geleitet, das vierte vom Forschungsinstitut für Biologischen Landbau in Frick. An allen vier Projekten ist auch die ETH Zürich beteiligt. Die vier Projekte haben folgende Inhalte:
- Wissenslücken zur Lebensweise des Feuerbranderregers und dessen Verbreitungsweise schliessen und Gegenmassnahmen optimieren
- Alternative Bekämpfungsmethoden werden gesucht und die Streptomycinresistenz überwacht
- Züchtung feuerbrandtoleranter Sorten mit traditionellen und molekularbiologischen Methoden
- Testung feuerbrandtoleranter Sorten und Unterlagen für den Bioanbau.
Nebst dieser Forschung ist nun auch ein Interreg-Projekt mit Deutschland, Österreich und der Schweiz bewilligt worden, welches verschiedene Themenbereiche wie Kulturmassnahmen, Eignung bestehender Feldobstsorten usw. beinhaltet. Auch bei diesem Projekt sind Vertreter der Forschungsanstalt und der Beratung aktiv beteiligt.
Probleme bei der Spinnmilbenbekämpfung
Wie aus den Resultaten der Astprobenkontrollen hervorgehen, konnten die Spinnmilben seit der Einführung der IP und dem Einsatz raubmilbenschonender Mittel ziemlich gut bekämpft werden.
In den letzten zwei bis drei Jahren häufen sich aber Meldungen über ungenügende Bekämpfungserfolge und teilweise massiven Spinnmilbendruck. Dabei wurde sowohl in der Beratung als auch von der Entomologie der ACW festgestellt, dass teilweise innerhalb der Betriebe recht grosse Unterschiede in den verschiedenen Parzellen, teilweise sogar innerhalb der einzelnen Sortenblöcke, vorhanden sind. Neue Sorten wie Fuji oder Braeburn scheinen dabei für Spinnmilben wesenlich attraktiver als andere Sorten. Bei einer Vermehrungsrate von 30 Eiern pro Weibchen und vier bis sechs Generationen kann sehr schnell ein enormer Besatz entstehen. Die Folge ist eine wieder intensivere Behandlung der Milben, wobei in einigen Betrieben auch bei mehreren Behandlungen und vor allem im Sommer nicht alle eingesetzten Akarizide eine genügende Bekämpfungsrate erreichten. Die Versuche der ACW zeigten wie bereits früher, dass das Vorhandensein von Raubmilben ganz entscheidend ist, ob sich Spinnmilben kontrollieren lassen. Resistenzen werden in den einzelnen Betrieben meistens selber verursacht. Das Weitertragen der Resistenz in die benachbarten Parzellen ist eher nicht die Regel. Insgesamt scheinen folgende Punkte sehr wichtig, um Raubmilbenpopulationen zu fördern:
? Nur raubmilbenschonende Pflanzenschutzmittel einsetzen, besonders negativ sind hohe, regelmässige Schwefelmengen, harte Phosphorsäureester, einige Akarizide, Abamectin, Carbendazime, Mancozeb, Maneb und Zineb. Als Mittel gelten Mineralöl, Spinosad sowie einige Akarizide, mittlere Schwefelmengen und schwächere Phosphorsäureester.
? Akarizide unterstützend, aber zurückhaltend einsetzen, Schadschwellen beachten, Sommerbehandlungen wenn möglich durch ein bis zwei Seifenpräparate ersetzen. Besonders aber auch die Resistenzsituation beachten und die Mittelwahl entsprechend sorgfältig einsetzen. Dabei auch die optimalen Termine nicht verpassen
? Raubmilben besonders in Junganlagen freisetzen
? Baumschulware sollte frei von Spinnmilben sein
? Sortenblöcke eventuell trennen, Fuji nicht neben Braeburn.
Der Erfolg stellt sich meistens nicht schnell ein, die Ansiedlung benötigt manchmal etwas länger, bis es wirklich funktioniert. Es braucht also auch etwas Geduld und Vertrauen in die Methode.
Bewässerung der Kulturen in der Ostschweiz?
Bisher war eine Bewässerung in vielen Betrieben kein Thema, einerseits fällt besonders in den höheren Lagen sicher genügend Niederschlag, andererseits ist Wasser teuer und verursacht Kosten, welche nicht sicher durch einen höheren Erlös kompensiert werden kann. Besonders im Steinobstanbau haben aber die warmen Sommer 2003 und 2006 die Grenzen und Möglichkeiten aufgezeigt. Mit einer Tröpfchenbewässerung wird das Wasser gezielt und portionenweise in die Wurzelnähe gebracht. Die Wassergaben werden so schnell gebraucht und es muss daher häufiger bewässert werden. Da die Bodenbeschaffenheit die Verteilung des Wassers im Boden beeinflusst, muss die Tröpfchenbewässerung an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden, um Mangel oder Überfluss zu vermeiden. Besonders im Juli und August verdunsten die Kernobstbäume viel Wasser. Das kann 4 bis 5 l/m2 und Tag ausmachen. In Güttingen ist jedes dritte Jahr mit Wassermangel zu rechnen, von Juli bis zur Ernte fehlen dann etwa 70 mm Niederschlag. Noch grössere Auswirkungen haben beim Kernobst aber Trockenperioden im Frühjahr. Die Bäume sind dann besonders empfindlich für Wasserstress. Diese Empfindlichkeit verringert sich im Gegensatz zum Steinobst im Laufe des Jahres. Die Bewässerung ist vor den Trockenperioden bereits zu aktivieren. Trocknet der Boden aus und es wird erst dann bewässert, ist die Verteilung des Wassers im Boden nicht optimal. Die Bodenfeuchte kann mit verschiedenen Geräten gemessen werden, im Obstbau haben sich Tensiometer dafür bewährt. Ein Tensiometer misst die Kraft, mit welcher das Wasser im Boden zurückgehalten wird. Es sind verschiedene Möglichkeiten vorhanden, wie der Wasserbedarf ermittelt wird. Einige Sonden messen den Wassergehalt, andere die Leitfähigkeit (elektrische Spannung).Wer eine Bewässerung plant, sollte sich gut beraten lassen. Die Möglichkeiten von einer einfachen Bewässerung mit nicht druckkompensierten Schläuchen reicht bis zur Bewässerung aus einem eigenen Wasserreservoir.
BBZ Arenenberg, Urs Müller

