Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
26. Juni 2020


Aus der Forschung - für die Praxis

Ausgabe Nummer 34 (2018)

Güttinger Tagung 2018

Zentrale Themen der Tagung vom vergangenen Samstag waren Digitalisierung und Pflanzenschutz. Für die nachhaltige Bekämpfung von Schädlingen muss die Biologie einzelner Arten noch eingehender erforscht und ein gross angelegtes Monitoring vorgenommen werden.

Willy Kessler, Leiter des Kompetenzbereichs Pflanzen und pflanzliche Produkte bei Agroscope, informierte, dass bei Agroscope per 1. August eine neue Koordinationsstelle geschaffen wurde. Diese ersetze nicht das Forum für Kern- und Steinobst, sondern diene als zusätzliche Anlaufstelle für Anliegen der Branche. Er thematisierte die Situation von Agroscope: Die Forschenden von Agroscope sollen im Rahmen des Zukunftsprojektes Agroscope an einem zentralen Standort in Posieux (FR) zusammengezogen werden. An dezentralen Satelliten/Versuchsstationen sollen weiterhin Feldversuche unter den verschiedenen regionalen Bedingungen der Schweiz möglich sein. Willy Kessler sagte, dass diese Pläne auch bei den Mitarbeitenden Verunsicherung auslösen. «Wir haben uns vorgenommen, uns nicht auf Szenarien im Sinne von ‹Was wäre wenn ...› zu fokussieren, sondern auf unsere Kernaufgabe: Gute Forschung für die landwirtschaftliche Praxis. Kürzlich haben wir ein neues, vierjähriges Arbeitsprogramm mit über hundert Forschungsprojekten gestartet.» Markus Hausammann, Nationalrat und Präsident des Verbands Thurgauer Landwirtschaft (VTL), nahm in seiner Ansprache eine Einschätzung des Stellenwerts der Agrarforschung in der Deutschschweiz vor: Die Agrarforschung stehe, im Gegensatz zum übrigen Bereich Forschung und Innovation des Bundes, unter starkem Spardruck. «Die Agrarforschung ist nicht wie allgemein vermutet nur für uns Bauern tätig. Im Gegenteil: Die enormen Bemühungen der bäuerlichen Organisationen, Einfluss auf das aktuelle Forschungsprogramm von Agroscope und FiBL zu nehmen, ist auf wenig fruchtbaren Boden gefallen.»

Agrarforschung mit dezentralen Versuchen
Die Drittmittel im Umfang von 15,4 Mio (8,2 % der Forschungsbudgets) hätten den viel grösseren Einfluss darauf, worüber geforscht wird. «Bio Suisse nimmt mit einem Geldbetrag Einfluss darauf, was das FiBL forscht. Wir ÖLN-Produzenten müssen uns ebenfalls überlegen, diesen Weg zu gehen.» Es sollte geprüft werden, die Agrarforschung an den Töpfen der übrigen Forschung teilhaben zu lassen, wie es sein Vorstoss, der von Ständerätin Häberli-Koller mitgetragen wird, bereits fordere. Markus Hausammann betonte, er habe solche Veränderungen an die Bestimmung geknüpft, dass die Bauern mehr Einfluss darauf erhalten, was für sie geforscht wird. Bei Agroscope gehe es nicht darum, 715 Stellen zu erhalten (wovon rund 100 im Thurgau sind), sondern die Bedürfnisse der produzierenden Landwirtschaft zu erfüllen. «Das gilt übrigens auch für die vom Bundesrat vorangetriebene Digitalisierung. Sie muss uns Arbeitserleichterung und Kosteneinsparungen bringen und darf nicht dazu dienen, unsere tägliche Arbeit noch lückenloser zu überprüfen.» Markus Hausammann ist überzeugt, dass sich bei einer Zentralisierung die Agroscope noch weiter von der Landwirtschaft entfernen wird und sich der Agrarpolitik in Bundesbern noch mehr annähert. «Die Topografie, das Lokalklima, die Bodenbeschaffenheit und damit die Anbau- und Produktionsbedingungen in der Schweiz sind vielfältig. Um auf die unterschiedlichen Bedingungen einzugehen ist es zwingend, dass Agroscope dezentrale Versuche durchführt.»

Automatisierung im Obstbau
«Dafür brauche es, diesseits von Nordring und Gubrist, Standorte mit realen Ansprechpartnern und nicht nur Satelliten.» Willy Kessler entgegnete, diese Botschaft sei angekommen. Was die Forschung für die Praxis betreffe, sei Agroscope schon in der Vergangenheit stets bestrebt gewesen – und werde dies auch in Zukunft sein –, sich aktuellen und relevanten Praxisproblemen und Fragen anzunehmen. Am Themenparcours wurden Automatisierungsmöglichkeiten für den Obstbau gezeigt. Lukas Müller von Andermatt Biocontrol AG, Grossdietwil, stellte Feldmessgeräte für das optionale Bewässerungsmanagement und Frostwarnung vor. Die Stationen werden zur Messung und Überwachung von Feld- und Wetterparametern verwendet. Der Einsatzbereich und die Möglichkeiten der Stationen sind aus Sicht des Anbieters vielfältig. Sie können als Entscheidungshilfen im Pflanzenschutz, für das Monitoring von Bodenparametern für ein optimales Bewässerungsmanagement (SOIL), die Frostwarnung (ICE) und eine lokale Wettervorhersage dienen. Für mehr als 35 Kulturen stehen Krankheitsmodelle zur Verfügung. Die integrierte SIM-Karte übermittelt die Daten in Echtzeit via Mobilfunknetzwerk auf die fielclimate. com-Plattform. Die «Field Climate»-Mobile App erlaubt den Zugriff auf die Daten von unterwegs. Peter Fröhlich von Agricircle AG, Rapperswil, stellte eine Drohne mit Hyperspektral-Kamera vor. Als einen der Vorzüge bezeichnete er, dass eine Reduktion von Pflanzenschutzmitteln möglich ist. Er räumte ein, dass der Einsatz der in Güttingen gezeigten Drohne erst im Weinbau erfolgte, und man noch nicht über Erfahrungswerte im Obstbau verfüge.

LR-Strategie: (beinahe) rückstandsfreie Produktion
Danach befragt, wie es sich mit dem Einsatz der Drohne im Obstbau und unter Netzen verhält, meinte Lukas Müller, dass dies denkbar wäre, wenn die Drohne zum Beispiel am Traktor befestigt wird. Die von ihm gezeigte Drohne (deren Wert er auf über 100 000 Euro bezifferte) sieht er eher bei den Dienstleistern im Einsatz als für Einzelbetriebe. Matthias Schächter von Robot Makers GmbH aus Kaiserslautern (D) präsentierte die Steuerungstechnologie «RowCropPilot» auf dem Aebi EC-130. Hochauflösende Sensorik und leistungsfähige Software ermöglichen es dem Fahrzeug, die unmittelbare Umgebung wahrzunehmen. Dadurch kann das Fahrzeug sich selbstständig auf den gewünschten Nutzflächen bewegen und – wie in Güttingen demonstriert – zum Beispiel autonom entlang der Reihenkulturen mulchen. Am zweiten Info-Posten erörterte Sarah Perren von Agroscope nachhaltige Fungizidstrategien. Sie bezeichnete die Ergebnisse aus den Agroscope-Feldversuchen als erfolgversprechend. «Der Bekämpfungserfolg bezüglich Apfelschorf, Echtem Mehltau und der relativ neuen Krankheit Marssonina in der Low-Residue(LR)-Strategie ist vergleichbar mit dem Bekämpfungserfolg, der mit Strategien der gängigen integrierten Produktion erzielt wird.» Mit der Low-Residue-Strategie waren, mit einer Ausnahme im Jahr 2017, alle Früchte PSMrückstandsfrei. Allerdings gebe es noch grosse Herausforderungen in der Lagerung. Der Verlust von 1.-Klasse-Früchten durch Lentizellenfäulnis sei noch zu hoch, um eine rentable Produktion zu sichern. Eine geeignete Sortenwahl und Heisswasserbehandlungen können diese noch vorhandene Schwäche reduzieren.

Schweizweites Monitoring der marmorierten Baumwanze
Die LR-Pflanzenschutzstrategie im Apfelanbau wird laufend weiterentwickelt. Neueste Erkenntnisse aus der Forschung und der Praxis werden integriert und langfristig geprüft. Auf Parzellen in Güttingen werden neu bewilligte PSM ohne Rückstandsauflagen getestet sowie die Möglichkeiten einer LR-Strategie ohne den Einsatz von PSM mit besonderem Risikopotenzial. Anschliessend wird die LR-Strategie in mehrjährige Feldversuche integriert. Am letzten Themenparcours informierten Barbara Egger von Agroscope und David Szalatnay vom Strickhof über Schädlinge (marmorierte Baumwanze und die Mittelmeerfliege). Barbara Egger sagte, dass in den Kantonen Tessin und Zürich seit einigen Jahren Schäden durch die marmorierte Baumwanze in Obstkulturen beobachtet werden. Die Wanze hat ein breites Wirtspflanzenspektrum, darunter alle Obst- und Beerenarten diverse Gemüsearten sowie Ackerkulturen wie Mais oder Sonnenblumen. Die von der marmorierten Baumwanze verursachten Schäden sind häufig nicht eindeutig zuzuordnen, da physiologische Schäden oder heimische Wanzen ähnliche Schadbilder verursachen. In der Saison 2018 wird erstmals ein schweizweites Monitoring der marmorierten Baumwanze durchgeführt. Mittels Pheromonfallen und visueller Kontrollen wird ihr Auftreten im Schweizer Obstbau überwacht. Ziel ist es, einerseits ein mögliches Erstauftreten in Obstbaugebieten zu erfassen und andererseits in Anlagen, in denen schon Schäden beobachtet wurden, die Biologie der Wanze besser zu verstehen. Nach Bekämpfungsmöglichkeiten befragt, sagte Barbara Egger, dass man zum Beispiel in Asien versuche, den Schädling mittels Parasitoiden (mit kleinen Wespen) zu bekämpfen.

Erkenntnisse sammeln
David Szalatnay schilderte, dass in verschiedenen Regionen der Welt die Mittelmeerfruchtfliege zu den wirtschaftlich bedeutendsten Obstschädlingen gehört. Ihr Befall kann an Zitrus-, Stein- und Kernobstfrüchten auftreten. Es wird vermutet, dass die Mittelmeerfliege hauptsächlich durch den Import von befallenen Zitrusfrüchten in die Schweiz gelangt. Das Auftreten der Mittelmeerfruchtfliege in der Schweiz ist nicht neu: Bereits Anfang der 1950er-Jahre überwachte man die Flugaktivität der Mittelmeerfruchtfliege am Genfersee, da sie dort Schäden an Aprikosen, Pfirsichen und Birnen verursachte. Trotz ihrer grossen Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Klimaregionen schien sie sich auf der Alpennordseite bisher aber nie massenhaft vermehren zu können. Nach den relativ milden Wintern der Jahre 2015/2016 und 2016/2017 wurde in verschiedenen Erwerbsobstanlagen in Kanton Zürich erstmals Befall an Äpfeln festgestellt. Wegen nachgewiesenem Befall im Jahr 2016 wurde im Folgejahr erstmals ein Monitoring der Mittelmeerfruchtfliege im Kanton Zürich durchgeführt. Dabei konnten neben Eiern und Larven in Früchten auch erstmals adulte Mittelmeerfruchtfliegen im Feld gefangen werden. Das Monitoring wurde 2018 auf weitere Standorte ausgedehnt. Damit sollen weitere Erkenntnisse zur regionalen Verbreitung sowie Hinweise zur Biologie der Mittelmeerfruchtfliege gewonnen werden. Ein typisches Merkmal dieses Schädlings ist es, dass die Larve in der Lage ist, bis zu 0,5 m zu springen. Danach befragt erklärte der Referent, dass die vollständige Einnetzung nur dann Schutz bietet, wenn diese absolut lückenlos ist.


Isabelle Schwander



















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