Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
21. September 2018


Aus der Praxis - für die Praxis

Ausgabe Nummer 34 (2017)

Güttinger-Tagung 2017

Zentrales Thema der Tagung vom Samstag, 19. August, war die rückstandsarme Obstproduktion. An den Parcoursposten wurde über die Totaleinnetzung und deren Auswirkung auf Schädlinge, neue Methoden der Verwirrung von Apfelwicklern mit Sprayern sowie Modellanlagen für integrierten Pflanzenschutz informiert.

Daniel Nyfeler, Leiter Beratung Pflanzenbau am BBZ Arenenberg, eröffnete die Tagung. Er sagte, dass der Schul- und Versuchsbetrieb Güttingen im Obst- und Beerenbau nicht nur für den Thurgau, sondern auch überregional eine entscheidende Rolle spiele: «Hier werden neueste Trends aufgenommen, getestet und weiterentwickelt. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Feldversuche, welche Produktionstechniken im Fokus haben. Beispielsweise wurde dieses Jahr auf dem Betrieb Güttingen ein neuer Versuch mit Aprikosenanbau im Folientunnel aufgebaut. Weiter laufen Anbauversuche mit Baumnüssen und vieles mehr.» Im Spannungsfeld zwischen Produktionstechnik und Umwelt liege der Pflanzenschutz: «Wir sind uns bewusst, dass bezüglich Pflanzenschutzmitteleinsatz die Landwirtschaft von der Gesellschaft kritisch beobachtet wird. Dies gilt in besonderem Masse für die Spezialkulturen», so Daniel Nyfeler. Er wies darauf hin, dass die Besucher beim Gang durch die Anlagen des Schul- und Versuchsbetriebs Güttingen eine Vielzahl unterschiedlichster Versuche sehen werden und erklärte: «Es handelt sich dabei nicht um eine willkürliche, in Eigenregie des Betriebsleiters zusammengestellte Anhäufung, sondern um ein innovatives Zusammenarbeitsmodell zwischen Agroscope, BBZ Arenenberg und der Branche.»

50 Jahre Obstbauforschung Güttingen
Daniel Nyfeler führte weiter aus, es sei ihm ein Anliegen, die Begrüssung für eine Aktualität zu nutzen: «Die schwierigen Witterungsbedingungen in diesem Jahr brachten teilweise massivste Auswirkungen für die Landwirtschaft mit sich. Insbesondere der starke Frost vom 19. bis 21. April verursachte im Obst- und Weinbau grossen Schaden. In diesen Tagen wurde bekannt, dass die am stärksten betroffenen Betriebe durch einen in der ganzen Schweiz tätigen Fonds, den fondssuisse, unterstützt werden können. Dies, nebst anderen Massnahmen von Bund, Kanton und Kreditkassen, trägt zur Linderung des entstandenen Schadens bei», ist Daniel Nyfeler überzeugt. Auch bei den Schäden, die durch den Schneefall Ende April oder den Hagelzug vom 1. auf den 2. August – im Thurgau war die Untersee-Region sehr stark betroffen – auftraten, wurde Unterstützung durch öffentliche und private Institutionen zugesagt. Besonders gefordert wegen dieser grossen Schäden war auch das BBZ Arenenberg, welches zu den beschlossenen Hilfeleistungen beigetragen hat.
Willy Kessler, Leiter Kompetenzbereich Pflanzen und pflanzliche Produkte, Agroscope, thematisierte «50 Jahre Obstbauforschung in Güttingen». Er stellte fest, dass hier unzählige Obstbau-Innovationen geprüft und zur Praxisreife geführt wurden. Mit dem Erziehungssystem «Güttinger-V» erlangte der Name Güttingen weltweite Bekanntheit. Er zog das Fazit: «Das ursprüngliche Ziel ist nach 50 Jahren gleichlautend wie in den ersten Jahrzehnten: Güttingen steht für eine praxisnahe Forschung für die Obstproduktion in einem der wichtigsten Anbaugebiete.»

Grenzübergreifende Zusammenarbeit
Patrick Maier vom Kompetenzzentrum Obstbau-Bavendorf stellte die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Rahmen des Interreg-Projektes vor: «Ziel ist das Aufzeigen neuer Wege, wie die Produktion qualitativ hochstehender, gesunder und weitgehend rückstandsfreier Früchte bei messbar reduziertem Pflanzenschutzmitteleinsatz realisiert werden kann. Die Obstbranche im Wirtschaftsraum Bodensee soll hierbei grenzüberschreitend eine Vorreiterrolle übernehmen. Sie ist aufgefordert, sich am Markt mit sinkenden Preisen und grossen wirtschaftlichen Risiken durch umweltschonende, innovative und ökonomische Produktionsweisen, unter Beibehalt der hohen inneren und äusseren Fruchtqualität, zu profilieren.» Die Weiterentwicklung des integrierten Pflanzenschutzes spiele dabei eine Schlüsselrolle und stehe im Zentrum des Vorhabens, wie sie zum Beispiel im nationalen Aktionsplan, beziehungsweise im Aktionsplan zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln gefordert wird. Am Kompetenzzentrum Obstbau in Deutschland wurde eine 2 ha grosse Apfelanlage erstellt, die einen Vergleich zwischen Abdecksystemen ermöglichen wird. Zusätzlich wurden durch die Projektpartner Agroscope, das BBZ Arenenberg und die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf weitere Modellanlagen aufgepflanzt. Ferner am Projekt beteiligt sind Agridea, das Landwirtschaftliche Zentrum St. Gallen, das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg sowie die Landwirtschaftskammer Vorarlberg. Urs Müller vom BBZ Arenenberg sagte zur Beteiligung am Interreg-Projekt unter anderem, dass in der Anlage in Sommeri eine Low Residue- Strategie zum Einsatz komme.

Neue Methode der Verwirrung von Apfelwicklern mit Sprayern
Silke Süsse und Bertrand Gentizon von der Firma Andermatt Biocontrol informierten über neue Methoden der Verwirrung von Apfelwicklern mit Spray. Seit ein paar Jahren wird in verschiedenen Ländern Europas und in der Schweiz eine neue Methode der Verwirrungstechnik des Apfelwicklers mittels Aerosol- Sprayern erfolgreich getestet. Aktuell befindet sich diese neue Art der Pheromonausbringung in der Schweiz im Zulassungsverfahren. Seit über 20 Jahren werden die wichtigsten Wicklerarten im Obstbau erfolgreich mit der Verwirrungstechnik (Isomate-Dispenser) bekämpft. Diese Methode beruht darauf, dass grossflächig Pheromone über eine Obstanlage abgegeben werden. Somit baut sich über der Fläche eine Duftwolke auf. Diese künstliche Pheromonwolke überdeckt die Duftspur der Weibchen um ein Vielfaches, sodass die männlichen Falter die Weibchen nicht mehr auffinden können und deren Eier unbefruchtet bleiben. Mit der herkömmlichen Methode werden in jeder Reihe einer Obstanlage in regelmässigen Abständen Pheromondispenser aufgehängt. Durch die grosse Anzahl an Dispensern wird gewährleistet, dass die Fläche gut und gleichmässig mit Pheromon abgedeckt ist. Ab dem Moment des Aufhängens strömen die Pheromone passiv aus den Plastik-Dispensern.

Aktive Steuerung der Pheromon-Abgabe
Zeitpunkt und Pheromonmenge sind nicht steuerbar. Es wird Wirkstoff freigesetzt auch wenn es eigentlich nicht benötigt würde (zum Beispiel tagsüber, wenn die Falter der Schädlinge nicht aktiv sind). Mit der neuen Methode werden nur zwei bis drei Aerosol-Sprayer pro ha in der Obstanlage aufgehängt. Diese sprühen die Pheromon-Lösung aktiv mittels regelmässigen Sprühstössen über der Obstanlage aus. Dies geschieht ausschliesslich während den kritischen Perioden, wenn die Falter sich paaren. Diese Perioden sind in den Abendstunden und wenn die Temperatur hoch genug ist. Ein Teil des ausgesprühten Pheromons lagert sich auf den Pflanzenteilen ab, und dieses wirkt von dort als sekundäre Diffusionsquelle. Damit gelingt es, in genügend grossen (>10 bis 15 ha) und von der Ausgangslage her (tiefe Ausgangspopulation) geeigneten Flächen einen gleichen Effekt zu erzielen wie mit den herkömmlichen Verwirrungstechnik-Dispensern. Bertrand Gentizon betonte, dass erst noch eingehendere Erfahrungen mit den Dispensern gesammelt werden müssen. Zu den Vorteilen des Aerosol-Dispensers: Er erlaubt eine aktive Steuerung, und Hautkontakt ist vermeidbar. Nachteile sind die Phytotox, und dass es momentan einen Aerosol-Dispenser nur gegen den Apfelwickler gibt. Das Aerosol-System eignet sich grundsätzlich nur für grosse, zusammenhängende Obstbauflächen.

Nutzen seitlicher Insektennetze
Diana Zwahlen informierte, dass Agroscope seit vielen Jahren die Auswirkung von Volleinnetzungen auf das Zusammenspiel von Schädlingen und Nützlingen untersucht. Die Ergebnisse zeigen verschiedene Vorteile, aber auch einige Herausforderungen dieser zukunftsträchtigen Strategie auf. Hagelnetze als Witterungsschutz sind im Kernobstanbau vielerorts unverzichtbar und schon seit längerem Standard. Auch das zusätzliche Aufspannen von seitlichen Hagelnetzen hat in den letzten Jahren zugenommen, hauptsächlich als Bestandteil der Feuerbrand- oder Apfelwicklerbekämpfung und zur Vermeidung eines Maikäfer-Engerlingsbefalls. «In Analogie zu den bereits weit verbreiteten seitlichen Insektenschutznezen im Steinobstanbau stellen sich folgende Fragen: Ist der Einsatz dieser feinmaschigeren Netze auch im Kernobst möglich? Welcher Nutzen resultiert aus diesen, und mit welchen negativen Nebeneffekten ist zu rechnen?» Der Grundgedanke dabei ist, dass mit Insektennetzen durch die feinere Maschenweite eine grössere Ausschlusswirkung erzielt wird als mit Hagelnetzen und so auch kleinere Schadinsekten als zum Beispiel Maikäfer oder Apfelwickler am Eindringen in die Anlage gehindert werden. So könnten die seitlichen Insektennetze eine Alternative zu Insektiziden darstellen und die Ertragssicherheit für die Obstproduzenten erhöhen. Dabei bestimmt die gewählte Maschenweite der verwendeten Netze, welche potenziellen Schädlinge ausgeschlossen werden. Allerdings wirke der Einsatz von feinmaschigeren Netzen nicht immer nur positiv.

Befallsdruck im Fokus
Auch Nützlinge können ausgesperrt werden, wodurch die natürliche Regulation von Schädlingen gestört ist. «Versuche von Agroscope haben gezeigt, dass mit seitlichen Insektenschutznetzen der Befallsdruck verschiedener kleinerer Wickler und weiterer kleiner Schadinsekten, je nach Maschenweite, tatsächlich reduziert werden kann. Schwierigkeiten zeigten sich in den ersten Versuchsjahren bei Blattläusen und der Blutlaus», so Diana Zwahlen. Mit ein Grund dafür, so vermute man, ist die durch die feinmaschigen Netze verminderte Einwanderung für deren natürlichen Feinde. Bezüglich des Mikroklimas und der Erntequalität zeigten sich abgesehen vom Wind keinen nennenswerten Veränderungen. Auch beim Krankheitsbefall konnte bisher kein Unterschied festgestellt werden.
Ebenso im Fokus steht das Potenzial einer Volleinnetzung als (Teil-)Ersatz von Insektizidanwendungen. Hinsichtlich der Hauptkrankheiten im Kernobstanbau werden neue Strategien mit Folienabdeckungen getestet. Auch hier liegt der Fokus beim Potenzial und den Nebeneffekten einer solchen Installation. Diana Zwahlen sagte, bei Volleinnetzung einer Anlage könnte es hilfreich sein, wenn man ein Schild anbringt, um die Passanten darüber zu informieren. Dies fördert die Akzeptanz und zeigt, dass die Produzenten der vorgegebenen Stossrichtung mit der Forderung nach weniger Pflanzenschutz aktiv entgegenkommen.


Isabelle Schwander
















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