Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Bäuerinnen und Bauern beschäftigten sich mit "Burnout"

Ausgabe Nummer 46 (2017)

Rund 160 Bäuerinnen und Bauern besuchten das Thurgauer Bäuerinnenforum 2017 zum Thema «Wenn alles zu viel wird», im Gasthaus Trauben in Weinfelden.

In ihrem Grusswort stellte Maja Grunder, Präsidentin der Kommission Frauen in der Landwirtschaft und Soziales, fest, dass das Thema «Burnout» auch auf Bauernhöfen immer mehr an Bedeutung gewinne. Deshalb habe sich der Vorstand entschlossen, «Burnout auf dem Bauernhof» zu thematisieren. Mit Beat Heuberger, Oberarzt Externer Psychiatrischer Dienst Kreuzlingen, und Bauernpfarrer Pierre-André Schütz, Autavaux, konnten zwei anerkannte Fachleute gewonnen werden. Regierungsrat Walter Schönholzer erwies zusammen mit seiner Frau Anna den Bäuerinnen und Bauern die Ehre.

Mit Problemen auf Bauernhöfen vertraut
Beat Heuberger, medizinische Leitung Care Team Thurgau, sprach zum Thema «Wenn alles zu viel wird». Er ist durch seine Tätigkeit als Oberarzt, Paarund Familientherapeut, mit den aktuellen Problemen von Familienbetrieben in der Landwirtschaft bestens vertraut. In seinem Referat zeigte er die Anzeichen von Überforderung auf, welche Bäuerinnen und ihre Familien warnen und aufrütteln sollen. Die Vortragsteilnehmerinnen und -teilnehmer erfuhren, was sie selber tun können, um Überforderungen abzuwenden oder einzudämmen, dabei spiele auch Hilfe von aussen eine wichtige Rolle.

Überlastungen führen zu Depressionen
Heuberger ging in seinem Referat auf spezifische Themen in der Landwirtschaft ein. Auf Probleme, die den Einzelnen und die Bereiche Partnerschaft und Familie betreffen. Wie Heuberger erklärte, begleite er in der Paartherapie viele Familien aus der Landwirtschaft. Er wies darauf hin, dass er die Landwirtschaft direkt kennengelernt habe. Wenn die Belastungen lange anhalten und Probleme scheinbar immer grösser werden, suchen viele Familien zu spät Hilfe. Heuberger wies darauf hin, dass vielfach Überlastungen zu Depressionen führen können. Wichtig sei auch, dass man über Probleme spreche und wenn nötig Hilfe von aussen in Anspruch nehme. Heuberger sprach auch den Strukturwandel in der Landwirtschaft an. So sei es nicht verwunderlich, dass auf über 1000 Betrieben die Landwirtschaft aufgegeben wurde.

Vom Landwirt zum Pfarrer
Pierre-André Schütz, Bauernpfarrer aus dem Kanton Waadt, wurde als uneheliches Kind von seinen Eltern verlassen und ist bei einer Bauernfamilie im Welschland aufgewachsen. «Ich musste viel arbeiten, aber ich war in Sicherheit», sagt Schütz. Er erlernte den Beruf des Bauern. Später studierte er in Zollikofen Agro-Ingenieur. «Mit 35 Jahren, nach der Ausbildung zum Diakon, war ich während 15 Jahren in der reformierten Kirche des Kanton Waadt vollzeit in der Jugendarbeit tätig.» 2004 wurde er zum Pfarrer geweiht. «Heute geniesse ich das Privileg, meine zwei Leidenschaften, meine zwei Berufungen, miteinander zu verbinden: Pfarrer und Landwirt», stellt Pierre- Andre Schütz fest.

Vier Landwirte begingen Selbstmord
Er steht im Dienst der Landwirte und Winzer des Kantons Waadt, ist sich aber bewusst, dass viele andere Sektoren von den Ausartungen unserer Gesellschaft betroffen sind. Diese erdrücke den Menschen durch übertriebene Globalisierung und die Dominanz des Geldes. Eine Gesellschaft, welche diejenigen, die sie ernährt aufreibt, und die es den Wirtschafts- und Industrieriesen ermöglicht, unsere Bauern und Handwerker zu ruinieren, ist eine Gesellschaft in Gefahr. Schütz berichtete über vier Landwirte, zwischen 35 und 40 Jahre alt, die Selbstmord begingen.

Präventionsprogramm für Selbstmordrisiken
Dieser Tsunami von Schmerzen habe Staatsrat Philippe Leuba erschüttert. Er bat seinen Abteilungsleiter und den Präsidenten der reformierten Kirche Waadt, eine Seelsorge für den ländlichen Raum einzurichten. 20 % für die landwirtschaftlichen Schulen und 60 %, um Landwirte in Schwierigkeiten zu unterstützen. Schütz wies auch auf die technischen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Probleme hin. Einsamkeit sei ebenso eine Plage der landwirtschaftlichen Welt. Zu den Problemen auf den landwirtschaftlichen Betrieben gehöre auch der Umgang mit den Behörden. Der Referent berichtete über ein Präventionsprogramm, welches sich mit den Selbstmordrisiken befasse. Durch eine interaktive Herangehensweise wurde den Teilnehmern gezeigt, dass es möglich ist, über Selbstmord zu sprechen, und sämtliche Ressourcen des Netzwerkes zu nutzen, um nicht alleine zu bleiben.


Mario Tosato







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