Ausgabe Nummer 14 (2005)

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Bauernstand besser vermarkten

Familienanlass des Thurgauer Bauernverbandes für Thurgauer Bauernfamilien
 
 
Am vergangenen Freitag trafen sich auf Einladung des Thurgauer Bauernverbandes zahlreiche Thurgauer Bauernfamilien an der Frühjahrsmesse in Frauenfeld. Neben familiärer Gemütlichkeit gab es für die Bäuerinnen und Bauern Gelegenheit, sich mit der aktuellen Situation in der Landwirtschaft auseinander zu setzen. Acht Bäuerinnen und Bauern sowie Hauptreferent Ansgar Gmür, Direktor des Hauseigentümerverbandes Schweiz, sprachen zum Thema «Thurgauer Bauernfamilien ? auf in die Zukunft!». Mit der Verabschiedung einer Resolution an den Bundesrat möchten die anwesenden Bäuerinnen und Bauern mit Nachdruck auf ihre Anliegen hinweisen.
 
Acht Bäuerinnen und Bauern sprachen in Statements über ihre persönliche Sichtweise. (kb)
 
Unter dröhnendem Traichelngeläut wurde der Familienanlass mit den «Ischellner Immenberg» eröffnet. Der Einladung des Thurgauer Bauernverbandes sind rund 150 Bäuerinnen und Bauern mit ihren Kindern gefolgt. Während sich die Bauernkinder beim Spielen, auf dem Bungee-Jumping-Trampolin oder im Kinderhort tüchtig austobten, konnten ihre Eltern ungestört den Referenten zuhören.

Familie steht im Zentrum
Nach der Begrüssung der Gäste durch Andreas Binswanger, Präsident Thurgauer Bauernverband (TBV), hatten acht Thurgauer Bäuerinnen und Bauern das Wort. Mit kurzen Stimmungsstatements erläuterten sie ihren Blickwinkel, die persönliche Situation und den aktuellen Zustand der Landwirtschaft in speziellen Sparten der verschiedenen Produktionszweige. Ein Bauernbetrieb ist in den meisten Fällen ein Familienbetrieb, bei dem oft auch Schwiegereltern, Onkel oder Geschwister mitarbeiten. Für diese Höfe ist ein intaktes Familienleben existenziell. Darum geniesst die Familie im Bauernstand einen hohen Stellenwert. Aber auch Betriebsgemeinschaften, bei denen teure Maschinen und Anlagen von verschiedenen Bauernfamilien gemeinsam genutzt werden, sind immer wichtiger. In ihrem Statement erzählte eine Bäuerin, wie sie in ihrer Arbeitsgemeinschaft dafür sorgen, dass auch das Zwischenmenschliche stimmt. Die Interessen, Ansichten und Persönlichkeiten von vier Männern und zwei Frauen zusammenzubringen, sei nicht immer einfach. Darum würden sie sich einmal in der Woche für eine halbstündige Besprechung treffen und anschliessend gemeinsam zu Mittag essen. Beim persönlichen Austausch kämen dann oft Unstimmigkeiten zu Tage, das sei nicht immer einfach, aber befreiend.

Grosse Nachfrage im Agro-Tourismus
In seinem Kurzreferat spricht ein Thurgauer Bauer darüber, dass für das agrotouristische Angebot eine grosse Nachfrage besteht. Ein wichtiger Anlass, bei dem er erstmals mit Bauernhofgästen in Kontakt kam, war der heute schon traditionelle 1.-August-Brunch. Wegen der grossen Nachfrage hat die Bauernfamilie das Angebot dann kontinuierlich ausgebaut. Dadurch, dass Gäste auf den Hof kamen, konnten auch neue Kunden für die Direktvermarktung gewonnen werden. Heute betreibt diese Bauernfamilie je zwei Gästewohnungen und Gästezimmer in einer ehemaligen Scheune und im Sommer nächstes Jahr wird ein eigener Campingplatz das Gästeangebot erweitern. Der Bauer empfiehlt seinen Kollegen, auf ihrem Weg zu bleiben und den Betrieb dort auszubauen, wo ihre eigenen Stärken liegen: Für den Scheunenausbau und den Campingplatz musste auch er langwierige Abklärungen durchstehen, wegen der Auflagen des Raumplanungsgesetzes.

Landwirtschaftliche Produktion ? Ruhe vor dem Sturm
In seinem Kurzreferat beschreibt ein Bauer die aktuelle Situation für die Milchproduktion und die übrigen Produktionszweige als gefährlich: «Es herrscht trügerische Sicherheit ? Ruhe vor dem Sturm.» Trotz momentan regem Milchkontingenthandel sieht es mit der Milchpreisentwicklung nicht gut aus. Inzwischen wurden bereits Produzentenorganisationen (PO) gegründet, und die Milchproduzenten beobachten gespannt, wie es Erstaussteigern geht, die den vorzeitigen Ausstieg aus der Milchkontingentierung wagen. Auch in den übrigen Produktionszweigen haben es Innovationen schwer, weil die Rahmenbedingungen zu restriktiv sind.

Auch wirtschaftliches Schwergewicht werden
Während die Thurgauer Bäuerinnen und Bauern über ihre eigenen Ansichten zur aktuellen Situation in der Landwirtschaft sprachen, zeigte Hauptreferent Ansgar Gmür, lic. oec. publ., Direktor des Hauseigentümerverbandes Schweiz (HEV) in seinen Ausführungen, wie die Landwirtschaft von aussen wahrgenommen wird. Die aktuelle Situation des Bauernstandes beurteilt er als Besorgnis erregend. Und ein echtes Problem sieht er darin, dass heute die Klagen der Bauern kaum ernst genommen würden. Er führt dies darauf zurück, dass sie zu viel geklagt hätten, als es ihnen gar nicht so schlecht gegangen sei, darum nehme man nun das Klagen nicht mehr ernst. Ansgar Gmür ist davon überzeugt, dass die Schweizer ihren Bauern viel Sympathie entgegenbringen. Doch das allein genügt nicht, um zu überleben. Wohl seien die Schweizer Bauern ein politisches Schwergewicht, aber sie müssten auch wirtschaftlich ein Schwergewicht werden. Den Rückgang bei den landwirtschaftlichen Betrieben und Arbeitsplätzen vergleicht er mit dem Abbau, den auch die Schweizer Industrie durchgemacht hat. Bei der gegenwärtigen Bundesverschuldung müsse in Zukunft auch damit gerechnet werden, dass für Direktzahlungen irgendwann weniger Geld in den Bundeskassen sei.
Neben den zunehmenden administrativen Aufwendungen, unter denen aber auch andere Wirtschaftszweige leiden, müssen die Bauern lernen, mehr PR für ihren Stand zu machen: «Der Wurm an der Angel muss nicht dem Fischer schmecken, sondern dem Fisch. Bauern sollen nicht einfach ihre Produkte verkaufen, sondern den landwirtschaftlichen Stand.» Dazu müssen sie sich als Unternehmer fühlen und der Bevölkerung klar machen: «Ohne den Bauernstand gibt es weniger Sport alpin, weniger Wanderwege; denn wenn das Land nicht bewirtschaftet wird, vergandet es.»
Während des Anlasses wurde in einer Abstimmung die Resolution der anwesenden Thurgauer Bäuerinnen und Bauern einstimmig verabschiedet. Das Papier wird umgehend an den Bundesrat weitergeleitet. Kernaussage der Resolution: «Unser aller Ziel muss es sein, dass tüchtige Bauernfamilien bei guten Rahmenbedingungen von der Nahrungsmittelproduktion leben können!»
Während des ganzen Anlasses sorgte das unermüdliche Duo «Örgeliplausch Basadingen» mit seiner spritzigen Musik für einen festlichen Rahmen. Und nachdem sich die Kinder beim Spielen ausgetobt und die Vortragsreihe für die Eltern abgeschlossen war, gabs Mittagessen für die ganze Familie. Im Anschluss stand es den einzelnen Familien frei, noch die Frühjahrsmesse auf dem Areal der Zuckerfabrik zu besuchen.

Kathrin Bäuerle
   
Ansgar Gmür spricht darüber, wie die Landwirtschaft von aussen wahrgenommen wird. (kb)
 
Rund 150 Bäuerinnen und Bauern besuchten den Familienanlass. (kb)
 

Zitate und Kernaussagen von Ansgar Gmür
«Der Markt ist offen ? ihr müsst euch dem Markt stellen.»
Der Bund sei seit 1990 verschuldet: «Wir haben ein Verschuldungsproblem. Allein für die Zinsen zahlt der Bund 13650 Franken pro Minute, das entspricht dem Kaufpreis von einem Smart.»
«Die Schweizer Bauern sind ein politisches Schwergewicht, sie müssen auch ihr wirtschaftliches Schwergewicht betonen.»
«Direktzahlungen sind ein tolles ökologisches Instrument, aber Sie müssen sich darauf einstellen, dass die Direktzahlungen nicht mehr erhöht werden können; der Bund hat kein Geld mehr.»
Ausufernde Bürokratie: Die administrative Belastung für Unternehmer ist massiv gestiegen ? allein für die Administration müsse in der Regel 31⁄2 Monate pro Jahr gearbeitet werden.
Agrarbürokratie ? Gesetzesflut: «Lesen Sie einmal die Lebensmittelverordnung und wie dort Milch, Eier oder Brotaufstrich definiert werden ? der Text eignet sich ausgezeichnet für eine Abendunterhaltung! Die ganze Schweiz ersäuft in einer Gesetzesflut.» kb

 
 
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