Bei den Apfelmännern in Puch
Ausgabe Nummer 39 (2003)
Bei den Apfelmännern in Puch
| Eindrückliche Exkursion in die Steiermark | |||||||||||||||||
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| Mit 18 Obstbauern aus allen Regionen der deutschen Schweiz reiste die Fachgruppe Obst des Netzwerkes Wädenswil Mitte August 2003 in die Steiermark. Im Dreieck Graz-Puch-Gleisdorf besuchte die Gruppe zwei Obstbaubetriebe, den Obsthandelsbetrieb Steirerfrucht und die Baumschule Franz Bloder in St. Ruprecht. Weiter wurde die Kürbiskernölproduktion der «Steirerkraft», die Forschungsanstalt Haidegg sowie Graz, die Kulturhauptstadt Europas 2003, besichtigt. Gepflegte Häuser, Höfe und Obstkulturen bestätigten die Vorwärtsstrategie im Obstbau von dieser Alpenregion, nicht zuletzt durch die EU-Förderung. | |||||||||||||||||
Die Steiermark ist mit 16 384 Quadratkilometern rund zweieinhalb Mal kleiner als die Schweiz und wird von 1,2 Millionen Einwohnern am Südosthang der Alpen bevölkert. Haupterwerbszweige sind Tourismus und Landwirtschaft. Von rund 10 000 ha Obst in Österreich sind 7000 ha, also 70 Prozent, in der Steiermark. Etwa 2000 Produzenten bewirtschaften 5500 ha Äpfel, 300 ha Birnen, 400 ha Pfirsiche, 400 ha Holunder, 200 ha Zwetschgen und 200 ha Beerenfrüchte. Dies ergibt Betriebe mit durchschnittlich drei bis fünf Hektaren Obstanlagen. Die Anzahl Betriebe ist abnehmend und die durchschnittliche Betriebsfläche steigend. Ein bequemer Reisecar brachte die Gruppe aus der Schweiz, unter ihnen auch Thurgauer Obstproduzenten, am ersten Tag in einer zwölfstündigen Fahrt nach Graz ins Hotel. Am nächsten Tag empfing Hubert Rosenbaum, der Reisebegleiter vom Landring Weiz, die Schweizer Gäste. Das Agrarhandelsunternehmen erzielt mit 470 Angestellten in 22 Filialen umgerechnet 130 Millionen Franken Umsatz. Von den Landring-Mitarbeitern seien rund 70 Prozent Nebenerwerbslandwirte. Neben dem Kerngeschäft Hilfsstoffhandel im Allgemeinen und Hagelnetze im Speziellen sind weitere Bereiche wie Landmaschinen, Energietechnik und Metallbau angegliedert. Der Milchpool wurde 1996 ausgegliedert und der Fruchthandel 2000 an die Steirerfrucht abgetreten. Nach dem Rundgang durch das Warenlager ging die Fahrt weiter zum ersten Höhepunkt dieser Reise. Spezialisierte Familienbetriebe mit EU-Zukunft Herbert Fink hat einen Familienbetrieb in Etzersdorf. Er bewirtschaftet zusammen mit seinem Vater 21 ha Äpfel mit vier Sorten. Die Obstanlagen präsentierten sich sehr gepflegt, alles ist mit Hagelnetzen überdeckt. Damit die Arbeiten effizient erledigt werden können, ist der Betrieb top mechanisiert. Die Apfelfläche teilt sich in 50 Prozent Golden, 30 Prozent Idared, 10 Prozent Braeburn und 10 Prozent Gala. Die Baumabstände sind, wie in der ganzen Steiermark, 0,8 bis 1 Meter mal drei Meter. Mit 15 Erntehelfern aus Polen pflücken die zwei Familien Fink 30 bis 33 Tonnen Äpfel pro Tag. Die Baumhöhe von 2,5 Metern erlaubt, 90 Prozent der Ernte vom Boden aus zu pflücken. Die Pflanzenschutzapplikationen werden mit 110 bis 160 l/ha durchgeführt. Die Mittelpalette ist ähnlich wie in der Schweiz. Letztes Jahr war die Rote Spinne ein sehr grosses Problem. Beim Sommerschnitt im August 2002 haben acht Personen drei Wochen mit Erntezügen Schnittholz zusammengenommen und in den Problemparzellen verteilt. Auf dem Schnittholz wurden zwei Raubmilben pro Blatt ausgezählt. Dieses Jahr war die Rote Spinne in sämtlichen Anlagen kein Problem mehr. 700 mm Jahresniederschlag und gehaltvolle Böden bringen etwa gleich hohe Erträge wie bei uns. In diesem trockenen Jahr fiel aber bis jetzt nur zwei Drittel der sonst üblichen Regenmenge. Trotzdem ist die Fruchtgrösse normal. Als gewiefter Unternehmer nutzte Fink die Unterstützung der EU, die bei der Remontierung von maximal 15-jährigen Parzellen 15 Prozent und bei älteren Parzellen noch 13 Prozent der Erstellungskosten von Neuanlagen übernimmt. Der Betrieb Fink gehört zu den 60 Pilotbetrieben in der Steiermark, welche die Produktion nach den EUREP-GAP-Vorschriften machen. Als Eckpfeiler der EUREP-GAP wurde den Besuchern aus der Schweiz die Qualitätssicherung durch die Rückverfolgbarkeit der Erzeugnisse und Hilfsstoffe sowie die Aufzeichnungs- und die Weiterbildungspflicht erwähnt. Direktvermarktung an der Apfelstrasse Josef Willhelm in Lingstätten bewirtschaftet 17 ha Obst und erntet rund drei kg/m2. Rund ein Sechstel der Ernte verkauft er frisch ab Hof, ein Drittel als Edelbrände in 24 Sorten und die Hälfte wird ins Obstlager nach Puch geliefert. In dieser Gemeinde stehen rund 700 ha Obst, vorwiegend Äpfel. Davon sind in diesem Jahr rund 250 ha mit gutem Erfolg gegen den Apfelwickler mit Pheromon «verwirrt» worden. Von den Verwirrungskosten etwa 145 Fr./ha finanziert die EU einen Viertel. Die voll computergesteuerte Destillerie von Josef Willhelm beeindruckte sehr. Seltene Beerenfrüchte werden in Spezialprogrammen sehr schonend destilliert, was sich in der fantastischen Qualität auszeichnet. Ein spezielles Marketingkonzept verbindet 23 örtliche Obstbauern zu einer Art Zunft der «Apfelmänner von Puch». Mit besonderen Regeln werden limitierte Flaschen von Edelbränden in Zusammenarbeit mit der örtlichen Tourismusorganisation, den Politikern und der Presse medienwirksam vermarktet. Der Erfolg beginnt zu greifen und die Obsternte wird zunehmend auf dem eigenen Hof vertrieben. Etwas zum Brennen: Williamsbirnen werden Mitte August noch knackig geerntet. Im Kühllager reifen sie drei bis vier Wochen bei 14 °C nach, bis sie dann eingemaischt werden. Dies ergibt ein besonders dichtes Aroma. Williams- Brennbirnen gelten in Lingstätten rund 50 Prozent mehr als Golden der Klasse 1. Gemütlicher Tagesausklang in der Buschenschenke In der Buschenschenke begrüsste die Exkursionsteilnehmer am Abend Alfred Passath, der Direktor des Landrings Weiz. Er gab Einblick in die örtliche Situation nach acht Jahren EU-Beitritt und der bevorstehenden EU-Osterweiterung. EU-Förderprogramme haben die steirische Wirtschaft gewaltig belebt, erläuterte er. «Wir müssen unsere Chancen immer wieder neu definieren, sie sind aber bei weitem grösser als die Nachteile», sagte er und fügte an, «wenn 50 Prozent der Gesetze von Brüssel kommen, müsste auch der hiesige Staatsapparat um die Hälfte abgebaut werden, dies wird aber noch 25 Jahre dauern.» Fünf Prozent Sockelarbeitslosigkeit seien eine Tatsache. Die Reiseteilnehmer folgten den interessanten Ausführungen und benutzten die anschliessende Diskussion. Die Region Steiermark wird nach Italien und Frankreich zum drittgrössten Apfelproduktionsgebiet der Europäischen Union. Dies vor allem dank den Böden, der zentralen Lage, den genügenden Niederschlägen und dem hohen Qualitätsstandard, prognostizierte Passath. Die führende österreichische Baumschule Die Baumschule von Franz Bloder in St. Ruprecht ist mit 30 ha Baumschulfläche und 20 ha Produktionsanlagen führend in Menge und Qualität für ganz Österreich. Die Apfelproduktion umfasst je rund sechs Hektar Golden, Gala, Braeburn und zwei Hektar Jonagold. In der Baumschule werden jährlich zirka 15 ha aufgeschult. Die Unterlage ist zu rund 95 Prozent die virusfreie M 9 T-337. Franz Bloder erläuterte die Finessen, wie man die vorzeitigen Triebe am Knip- und am einjährigen Baum erhält. Dem Frost im Winter 2002/03 sind je nach Sorte bis zu 25 Prozent der Bäume zum Opfer gefallen. Dank der neugebauten, grossen Halle werden alle Jungbäume im Spätherbst geerntet. Die Sortierung (Anzahl Triebe 7+, 5+, 3+) erfolgt unter Dach in der Halle. Die Bäume werden dann in den Einschlägen und die Unterlagen in den Kühlräumen gelagert. «Steirerfrucht» Obsthandelsbetrieb «Steirerfrucht» ist mit 24 000 Tonnen Lager der grösste Obsthandelsbetrieb in Österreich. Er ist 1990 aus sechs Genossenschaften hervorgegangen. 250 Produzenten pflegen 800 ha Obst, was 3,2 ha pro Betrieb ergibt. Zu 85 Prozent werden bei «Steirerfrucht» Äpfel umgesetzt. 38 Prozent sind Golden, 22 Prozent Idared, 18 Prozent Jonagold, 16 Porzen Gala und die restlichen sechs Prozent Äpfel verteilen sich auf Braeburn, Elstar, Rubinette und Pinova. Die übrigen 15 Prozent Handelsvolumen verteilen sich auf Birnen, Zwetschgen, Pfirsiche, Aprikosen und Beeren. Es gibt in der Steiermark noch vier weitere Obsthandelsbetriebe. Der Export, etwa 40 Prozent der Produktion, wird fast ausschliesslich über die Exportvereinigung Apfel (EVA) abgewickelt. «Steirerkraft» steirisches Kürbiskernöl Die Firma Steirerkraft produziert Kürbiskernöl, Speisekerne, Backwaren und Kürbissaatgut. Steirerkraft ist europaweit führend in Dienstleistung und Marketing mit Kürbiskernen und Kürbiskernöl. Auch Schweizer Kürbisproduzenten lassen ihre Ernte hier verarbeiten. Die Kürbisanbaufläche in der Steiermark vergrösserte sich von 1995 mit 3000 ha auf 2003 mit 15 000 ha. Der Kürbiskernertrag schwankt von 300 bis 1000 kg/ha. Die Ölausbeute beträgt rund 40 Prozent. Das Besondere an der Kürbisölgewinnung ist der einstündige Röstvorgang bei etwa 100 Grad Celsius nach dem Mahlen der Kerne. Die Kürbisprodukte von Steirerkraft werden hauptsächlich in der Direktvermarktung ab Hof verkauft. Im Fabrikverkaufslokal konnte sich die Reisegruppe mit Kürbiskernöl, Knabberkernen, Kürbis-Schokoriegeln, Käferbohnen, Fruchtessig und Edelbränden eindecken. Versuchsanstalt Haidegg Ein Grossteil der Obstflächen in der Steiermark steht unter Hagelnetz. Eine Frage, die an der Versuchsanstalt Haidegg untersucht wird, ist, welche Auswirkungen die schwarze, graue und weisse Farbe der Hagelnetze hat. Hubert Rosenbaum meint, «schwarze Hagelnetze ordnen sich gut ins Landschaftsbild ein, sind langlebiger, verhindern Sonnenbrand, verzögern aber die Ernte um bis zu vier Tagen.» Nach der interessanten Führung durch die Versuchsanlagen genoss die Reisegruppe im schönen Weinkeller einige Steirer Weine. Paul Wirth, Berg TG, Markus Bünter, Strickhof Lindau
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