Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Beten und den Wetterbericht beachten

Ausgabe Nummer 40 (2016)

Der Bauernhofgottesdienst bei der Familie Gerster in Raach, Winden Thurgau war ein Tag der Gemeinschaft und der Ermutigung. Mit Liedern, Worten und Lebensberichten wurde der Sonntag als Tag des Herrn gefeiert.

Mit Gänsegeschnatter wurden die Gäste begrüsst, welche sich am Sonntagmorgen in Raach einfanden. Zwar wurde für den Gottesdienst vor dem Maisfeld ein Platz freigehalten, aber eingerichtet war wegen des Regens doch in der Remise unter Dach. Wie ein biblisches Versöhnungszeichen wölbte sich ein farbenprächtiger Regenbogen über die Szene und liess die Sonne im Hintergrund erahnen. Bruno und Vreni Michel von der Chrischona Gemeinde Arbon stimmten mit Tochter Rahel mit Gospelliedern und Gitarrenbegleitung auf den Gottesdienst ein den Margrit und Alfred Gerster, Claudia und Daniel Tschannen und Peter Falk, Landwirt und Pfarrer, vorbereitet hatten.

Wie die irischen Mönche
Wie die irischen Mönche, welche vor Jahrhunderten den christlichen Glauben in unsere Gegend brachten, verspüre er eine starke Verbundenheit mit der Natur. St. Patrik habe den Bauern anhand eines Kleeblatts die Dreieinigkeit Gottes erklärt – und schon hatte Peter Falk ein Kleeblatt von der nahen Wiese in der Hand und tat es ebenso.
Eine eigentliche Theologische Ausbildung habe er nicht, gestand Falk im Gespräch am Mittagstisch freimütig. Dadurch sei er weder besser noch schlechter als andere Pfarrer, vielleicht anders, mehr praxisbezogen. Schon als Zwanzigjähriger habe er in einer Freikirche gepredigt, weil er eine innere Berufung gespürt habe. Die Leute haben es geschätzt, dass er so geredet habe, dass es alle verstanden. Er habe dann aber den Beruf des Forstwarts erlernt und ausgeübt. Auf Anfrage aus der Glaubensgemeinschaft, habe er sich entschlossen, als Pastor zu wirken. Als schwere familiäre Belastungen wie Krankheit und Tod seiner ersten Frau dazukamen, habe er gemerkt, dass er etwas ändern müsse in seinem Leben.

Das Eine tun und das Andere nicht lassen
Der familieneigene Bauernhof in St. Gallen war verpachtet, aber den Gedanken selber zu bauern, gab Peter Falk nie auf. Zusammen mit seiner zweiten Frau setzte er ihn in die Tat um. Er stellte den Betrieb auf Bio und Mutterkuhhaltung um und behielt ein 40-%-Pensum als Pastor in der Freikirche. Das ergänze sich wunderbar. Gemeinsam mit seiner Frau holte er berufsbegleitend die landwirtschaftliche Ausbildung nach. Seine Predigten studiere er während der Stallarbeit und wenn er in der Seelsorge mit nahegehenden Schicksalen konfrontiert werde, befreie er seinen Geist bei der Feldarbeit. Wenn er am Morgen mähe, beginnen bald die Nachbarn auch damit: «Wenn du mähst, kommt das Heu sicher trocken unter Dach», hiess es. Er wollte wissen warum: «Weil ihr vorher betet» war die Antwort: «Ja, wir beten, wir richten uns aber auch nach dem Wetterbericht », so der bodenständige Pfarrer.

Familienbibel
Auch in der Familie des Gastgebers Alfred Gerster wird täglich gebetet und in der Bibel gelesen. Soviel Zeit müsse sein und deswegen sei die Arbeit trotzdem immer getan. Die 250 jährige grosse, in Leder gebundene Familienbibel wurde auch im Gottesdienst gebraucht. Neben ihr lag ein Schofar mit dem Gerster jeweils seine Erntehelfer heim rufe am Feierabend.
Zur Feier eingeladen waren hauptsächlich Menschen aus dem bäuerlichen Bekanntenkreis, aber grundsätzlich durften alle kommen. Dass er auf seinem Hof zum Gottesdienst einlade sei schon immer ein Wunsch von ihm gewesen, sagte Gerster: «Wir leben ja mitten in und mit der Schöpfung Gottes.» Seit einigen Jahren hat nun der herbstliche Gottesdienst auf dem Hof Raach Tradition. Wegen dem Wetter und Terminkollisionen waren in diesem Jahr mit rund 60 Gästen etwas weniger gekommen, aber «wir feiern mit denen, die da sind», war seine Einstellung. Die Bänke und Tische habe er einmal günstig erwerben können. Die Mittagsverpflegung wurde einfach gehalten. Alle brachten etwas mit zum Grillieren oder für das Dessertbuffet und teilten. Frisch gepresster Apfelsaft und Kaffee spendierten die Gastgeber. Das Beisammensein nach dem Morgengottesdienst war wichtig und wurde genossen. Kinder fanden Spielgefährten und Spielmöglichkeiten während die Erwachsenen sich im Gespräch näher kamen. Viele kannten sich schon, andere lernten sich kennen.


Trudi Krieg




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