Ausgabe Nummer 31 (2008)

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Betrachtungen zum 1. August

Es sind keine zwei Jahre her, als die Kurve der Ladenpreise für Lebensmittel nach unten zeigte. Dann jedoch fand eine radikale Trendwende statt. Die Lebensmittelpreise für Grundnahrungsmittel wie Milch, Brot, Teigwaren, Kartoffeln und Reis stiegen weltweit an.

Die Ursachen sind vielfältig: Schon länger sind die Zuwachsraten der Wirtschaft in China und Indien bekannt. Dank anhaltendem Wirtschaftswachstum können sich immer mehr Menschen veredelte Produkte wie Fleisch, Eier und Milcherzeugnisse leisten. Die Nachfrage erhöht sich zusätzlich, weil die Produktion von veredelten Nahrungsmitteln wie zum Beispiel Fleisch und Eier wesentlich mehr Getreide benötigen, als wenn dieses direkt vom Menschen verzehrt würde.
Die Trockenperioden in der südlichen Hemisphäre, insbesondere in Australien, welches früher ein Getreideexportland war, nehmen zu.
Die Produktion von Bioethanol aus Nahrungsmitteln in den USA trägt nach jüngsten Veröffentlichungen einen weit höheren Anteil an die hohen Lebensmittelpreise bei, als bisher angenommen. Insbesondere auch Deutschland fördert die Biogasproduktion aus Getreide und Mais.
Die weltweite Verknappung hat denn auch Auswirkungen auf preistreibende Spekulationen an den Rohstoffbörsen. Eines ist gewiss. Die Produktion von Nahrungsmitteln auf dieser Erde ist nur beschränkt möglich. Weil die Ernährung ? dazu gehört auch das Trinkwasser ? ein lebenswichtiges Bedürfnis des Menschen ist, muss der Nahrungsmittelproduktion in allen Teilen der Erde eine besondere Bedeutung zuerkannt werden.
Die hohen Rohstoffpreise bewirken in vielen Ländern, insbesondere der EU, den USA und Kanada, eine Wiederaufnahme der Produktion auf stillgelegten Flächen. Langfristig sind auf unserer Erde jedoch neue Anbaugebiete für die Produktion von Grundnahrungsmitteln zu erschliessen. Dies wäre insbesondere in südlicheren Gebieten möglich, wo allerdings zwei gewichtige Hindernisse überwunden werden müssten. Einerseits ist es die schon erwähnte zunehmende Trockenheit, welcher aber nur mit einer tiefgreifenden Verbesserung der Umweltpolitik Einhalt geboten werden kann. Andererseits sind die politischen Voraussetzungen in vielen Ländern nicht gegeben, jene Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die einheimischen Bauern so viel produzieren können, dass sie nicht nur selber überleben, sondern auch die einheimische Bevölkerungen zumindest teilweise versorgen können.
Auch deuten Prognosen zur weltweiten Klimaveränderung dahin, dass auf der nördlichen Erdhalbkugel die Regenmengen eher zunehmen, auf der südlichen eher abnehmen werden. Zudem wird der Bevölkerungszuwachs im Süden grösser sein. Dies wird dazu führen, dass die Nahrungsmittelströme langfristig eher von Norden nach Süden als umgekehrt fliessen werden.
Aus den Ausführungen sind für unsere Land- und Ernährungswirtschaft folgende Schlüsse zu ziehen:
  • Der einheimischen Nahrungsmittelproduktion ist langfristig Sorge zu tragen. Der globale Freihandel, welcher von der WTO im Lebensmittelbereich propagiert wird, zielt in eine andere Richtung.
  • Ein allfälliger Agrarfreihandel der Schweiz mit der EU ohne rigorose Begleitmassnahmen würde die Grundversorgung der Schweizer Bevölkerung gefährden.
  • Um die Grundversorgung auf dem heutigen Niveau zu stabilisieren, sind die landwirtschaftlichen Nutzflächen in der derzeitigen Ausdehnung zu erhalten. Die ökologischen Ausgleichsflächen auf landwirtschaftlichem Kulturland sind nicht weiter auszudehnen, allenfalls zu reduzieren.
  • Die Verarbeitung von Nahrungsmitteln zu erneuerbaren Energien soll nicht gefördert werden. Es sind die Züchtung und der Anbau von Energiepflanzen als Zweitkulturen zu forcieren.
  • Die Nahrungsmittelproduktion in der Schweiz soll weiterhin marktgerecht nach den strengen Vorschriften der ökologischen Anbauweise und dem bestehenden Tierschutzgesetz erfolgen.
Die einheimische Landwirtschaft trägt heute einen wesentlichen Beitrag zur sicheren Nahrungsmittelversorgung bei. Sie ist ein wichtiger Lieferant von Rohstoffen für die einheimische Ernährungswirtschaft. Zusammen sind die Land- und Ernährungswirtschaft ein nicht wegzudenkender Bestandteil unserer Wirtschaft.

Andreas Binswanger Präsident Thurgauer Bauernverband