Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. Juli 2018


Bio-Tierzucht ist artgerecht und standortgerecht

Ausgabe Nummer 34 (2014)

Biolandbau: Einladung zum 1. Bio-Milch-Stamm

«Die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit (Lebensleistung) der Nutztiere sowie die Qualität der tierischen Erzeugnisse sind durch die Wahl geeigneter Rassen und Zuchtmethoden zu fördern»

Diese Empfehlungen der schweizerischen Bio-Verordnung (Art. 16c) weisen auf die grundlegende Bedeutung der Zucht für eine nachhaltige Produktion hin. Weil auf den Biobetrieben natürliche Kreisläufe zu erhalten sind, sollen die Tiere möglichst vom betriebseigenen Futter leistungsgerecht ernährt werden. Deshalb muss sich die Wahl der Rassen und der Linien vor allem bei den Wiederkäuern weitgehend an der Futtergrundlage des Betriebs orientieren. Es gibt deshalb nicht die Biokuh: die Tierzucht auf Biobetrieben muss standortgerecht und artgerecht sein, und deshalb braucht es verschiedene Rassen für die verschiedenen Betriebstypen.
Die meisten Milchviehrassen wurden in den letzten Jahrzehnten vor allem auf hohe Milchleistungen gezüchtet. So sind die Milchleistungen heute fast doppelt so hoch wie vor 50 Jahren. Die Gründe für diese Leistungssteigerungen liegen nicht nur in der Zucht, sondern auch in der Intensivierung der Fütterung. Verbesserte Raufutterkonservierungstechniken und steigende Kraftfuttergaben haben zu Rationen mit höheren Nährstoffkonzentrationen geführt. Hohe Kraftfuttermengen in der Ration sind aber für Wiederkäuer nicht artgerecht. Bio Suisse hat deshalb den Anteil von Kraftfutter in der Jahresration auf maximal 10 Prozent beschränkt. Damit sollen auch die Ackerflächen vorwiegend für die menschliche Ernährung genutzt werden können.
Für Biobetriebe mit extensivem bis mittlerem futterbaulichem Potenzial ist es kaum möglich, Kühe mit hohen Milchleistungen allein vom betriebseigenen Futter zu ernähren. Deshalb brauchen diese Betriebe genügsame und flexible Zweinutzungsrassen, die sich vorwiegend auf der Weide ernähren und ihre Milchleistungen dem Futterangebot anpassen können und die in erster Linie fruchtbar, gesund und langlebig sind. Die raufutter- und weidebetonte Fütterung von Milchkühen bringt natürlich geringere Milchleistungen als eine intensive Milchwirtschaft mit Stallfütterung und konzentrierten Futterzusätzen. Der Arbeitsverdienst liegt aber dennoch bei Raufutter- und Weidefütterung häufig höher als bei intensiver Milchproduktion (dies gilt nicht nur für Biobetriebe). Der Grund liegt in den geringeren Arbeits-, Maschinen-, Futter- und Tierarztkosten (Gazzarin et al., 2011: «Weide- oder Stallfütterung – was ist wirtschaftlich? », Agrarforschung Schweiz 2(9): 418 – 423). Das Projekt «Biozucht Graubünden» zeigte, dass auf Betrieben mit standortgerechter Zucht die Nutzungsdauer höher und die Anzahl therapeutischer Behandlungen der Kühe geringer war als auf Betrieben mit nicht standortgerechter Zucht (Spengler Neff et al., 2010: «Schlussbericht zum Projekt Biozucht Graubünden »; FiBL-Bericht).
Wer den eigenen Betrieb bezüglich Standortgerechtheit der Milchviehzucht einschätzen möchte, kann von der Webseite www.biomilchviehzucht.ch den «Einschätzungsbogen für eine standortgerechte Milchviehzucht» herunterladen und gemäss der beiliegenden Anleitung ausfüllen und interpretieren. Zeigen sich grosse Ungleichgewichte zwischen der Herde und den Möglichkeiten des Betriebes, gilt es, zu überlegen, ob man für ein besseres Gleichgewicht auf der Betriebsseite etwas verändern kann oder ob es besser ist, in der Zucht neue Wege zu gehen.

Über standortgerechte Bio-Tierzucht am 1. Bio-Milch-Stamm informieren und diskutieren
Sind Sie interessiert, mehr über die standortgerechte Bio-Tierzucht zu erfahren? Dann besuchen Sie den 1. Bio-Milch-Stamm am 1. September 2014, der um 19 Uhr bei der Familie Dumelin in Hüttlingen seinen Anfang nimmt (Anmeldung unter Telefon 071 663 33 61). Fachleute aus Praxis (Biozüchter Hans Braun) und Forschung (FiBL-Forscherin Anet Spengler Neff) äussern sich über die gemachten Erfahrungen und entdeckten Möglichkeiten mit der standortgerechten Bio-Tierzucht. Ausgestattet mit den Gedankenanstössen ist die Diskussion lanciert. Zusätzlich informiert die Bio Suisse über das Beratungs-Projekt PROVIEH, welches unter anderem nebst Tiergesundheit, Antibiotikareduktion sowie angepasste Fütterung auch Kompetenzen in der standortgerechten Bio-Tierzucht vermitteln möchte. Die Bio Suisse möchte zudem über den Stand der Graslandbasierten Milch- und Fleischproduktion (GMF) im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung des «Knospe- Regelwerks» informieren. Besuchen Sie den 1. Bio- Milch-Stamm, bringen Sie sich fachlich auf den aktuellsten Stand und nutzen Sie die Gelegenheit, sich mit Fachleuten und Berufskolleginnen und Berufskollegen auszutauschen. Die Organisatoren Bio Ostschweiz, Bio Suisse, das FiBL sowie die Bioberatung des BBZ Arenenberg freuen sich auf Ihren Besuch.


Anet Spengler Neff, FiBL
Daniel Fröhlich, BBZ Arenenberg, Bioberatung







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