Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
6. September 2019


Biodiversität ist auch im Siedlungsgebiet ein Thema

Ausgabe Nummer 36 (2019)

Die Gemeinde Sirnach fördert mit der naturnahen Bepflanzung der Grünanlagen die Biodiversität. Die Arbeit wird nun vom Kanton honoriert.

Rund 40 Vertreter, überwiegend Werkhofmitarbeiter der 80 Thurgauer Gemeinden, kamen zum Infoanlass «Gemeindeeigene Flächen naturnah gestalten – jeder Quadratmeter zählt», wozu der Verband Thurgauer Landwirtschaft (VTL) eingeladen hatte. Die Veranstaltung fand dieses Mal nicht im Wald oder auf dem Flur statt, sondern im Gasthaus Engel in Sirnach. «Biodiversität ist eine Gemeinschaftsaufgabe », sagte Peter Schweizer, der im Vorstand des VTL für die Kommission Naturschutz zuständig ist, die sich mit Ökologie, Artenvielfalt und nachhaltiger Lebensmittelproduktion im Thurgau auseinandersetzt. Unter den Teilnehmern war auch der Thurgauer Bauernpräsident und Nationalrat Markus Hausammann. «Biodiversität betrifft nicht nur Wald und Flur, ich habe das subjektive Gefühl, dass Monokulturen in den Siedlungsgebieten zunehmen », sagte Jakob Rohrer, der beim VTL die Kommission Naturschutz leitet.

Förderprojekt startet offiziell im nächsten Jahr
Matthias Künzler, Leiter Abteilung Natur und Landschaft im kantonalen Amt für Raumentwicklung, stellte das zwei- bis dreijährige Förderprojekt «Vorteil naturnah» vor, bei dem der Kanton eine Million Franken für die naturnahe Anlage und Bewirtschaftung von gemeindeeigenen Flächen im Thurgau zur Verfügung stellt. Der Kanton unterstützt dabei Grundlagenplanung und Massnahmen mit 50 %. Zudem werden Kursangebote bezüglich dem Unterhalt von naturnahen Anlagen finanziell unterstützt. Die maximale Förderung pro Gemeindeperimeter beläuft sich auf 50 000 Franken, wobei die Abrechnung über die politische Gemeinde läuft. Da ein Teil der Subventionen vom Bund kommt, der die Finanzierung noch final beschliessen muss, werden die Leistungsvereinbarungen zwischen Kanton und Gemeinden erst im nächsten Jahr abgeschlossen. Zur Entwicklung des Projekts stellten sich Sirnach und Eschlikon gemeinsam als Pilotgemeinde zur Verfügung. Für die rund 50 Flächen kostete die Grundlagenplanung 12 000 Franken und die durchgeführten Massnahmen 80 000 Franken. In Eschlikon kamen noch 3000 Franken für Infotafeln dazu.

Gemeinde Sirnach hat ein ökologisches Leitbild
Regula Wendel, Mitglied der Sirnacher Flur-, Landschaftsschutz- und Unterhaltskommission, stellte das ökologische Leitbild der Politischen Gemeinde vor, das im April 2018 verabschiedet wurde. In Sirnach gab es bereits 1996 erste naturnahe Anlagen. Personelle Wechsel bei den Gemeindeverantwortlichen führten jedoch zu Veränderungen im Umgang mit Grünanlagen. Schleichend verschotterten die naturnahen Flächen. Seit 2014 werden gemeindeeigene Klein- und Kleinstflächen wieder naturnah mit einheimischen Wildpflanzen auf möglichst nährstoffarmen Böden ohne Dünger und Pestizide gestaltet. Naturnahe Flächen sind widerstandsfähiger und trockenheitsresistenter, wodurch sich auch langfristig der Unterhalt reduziert. Schon eine Neuanlage mit Wildpflanzen ist etwa 15 % günstiger als ein neu angelegter Rasen und der Unterhalt um die Hälfte billiger. Regula Wendel hofft, dass durch die Vorreiterrolle der Gemeinde auch Privatpersonen inspiriert werden. Bei allen Bauvorhaben in der Gemeinde sollen die möglichen ökologischen Potenziale genutzt werden. Insbesondere bei Sanierungen von alten Liegenschaften gehen alte Naturwerte verloren, wenn beispielsweise über 100 Jahre alte Bäume gefällt werden. «Alte Naturwerte sind aber auch Mauersegler, Fledermäuse oder Schwalben, wenn ihre Nistplätze verloren gehen», sagte Regula Wendel. Zum Schutz der Mehlschwalbe wurde ein Schwalbenhotel aufgestellt, und Sirnach hat mit 120 Brutpaaren mittlerweile die grösste Mehlschwalbenkolonie der Ostschweiz. «Eigentlich müsste man jedes Projekt durch die ökologische Brille anschauen », betonte Regula Wendel, die bemerkte, dass es für Planer, externe Berater und Ausführende aber einen Leitfaden als Grundlage braucht. Sie wies auch auf die Checklisten und Massnahmeblätter hin, die auf der Gemeindehomepage www.sirnach.ch abrufbar sind.

Aktivisten hatten unterschiedliche Meinungen
In der anschliessenden Diskussionsrunde wurde gefragt, wie man denn mit den grossen Platanen in den Städten umgehen sollte. Regula Wendel sagte, dass man bestehende Bäume stehen lassen, aber keine neuen mehr anpflanzen sollte, da sie nicht einheimisch sind. Ein Gartenbauer bemerkte, dass es für einen Baum keine Rolle spiele, ob er einheimisch sei oder nicht. Entscheidend sei die Klimazone und nicht die Grenzen, die der Mensch ziehe, dessen Lebensdauer meist kürzer sei als die eines Baumes. Regula Wendel erwiderte, dass sich Bäume und Pflanzen im Laufe der Jahrhunderte miteinander entwickeln und es Insekten gibt, die zum Leben spezifische Bäume und Pflanzen brauchen. «Einheimische Pflanzen haben viel mehr Kundschaft», sagte Matthias Künzler. Regula Wendel warnte die Gartenbauer vor Wildblumensamenmischungen, die im Ausland mit fremden Arten produziert werden. Oftmals sind ein- und zweijährige Pflanzensorten dabei, die sich in unseren Regionen nicht versamen. Nach zwei Jahren ist es dann schon wieder vorbei mit der schönen Blütenpracht. Matthias Künzler wies auf die Website www.floretia.ch hin, auf der es gute Vorschläge für standortgerechte Pflanzungen von einheimischen Blumensorten gibt.

Spaziergang in die Biodiversität
Im Anschluss an die theoretische Einführung gingen Regula Wendel und der Sirnacher Werkhofleiter Karl Brunschwiler mit den Teilnehmern auf einen praxisbezogenen Rundgang, auf dem verschiedene Rabatten und Grünstreifen besichtigt wurden. Regula Wendel bemerkte, dass Brennnesseln und Disteln bewusst stehen gelassen, Löwenzahn und Neophyten hingegen ausgerissen werden, da sie sich schnell verbreiten und andere Pflanzen unterdrücken. Kiesige Böden erwärmen sich schnell und sind wichtige Lebensräume für Insekten, Kleinstlebewesen und trockenheitsliebende Pflanzen, die auf Humusböden nicht wachsen. Wendel bemerkte, dass humushaltige Böden abgemagert werden können, indem man das geschnittene Grüngut abführt. Auf einem Parkplatz mit Rasengittersteinen betonte sie, dass auch dort Kleinstlebewesen Lebensräume vorfinden und man möglichst auf die Versiegelung von Boden verzichten sollte. Sie zeigte auch schlechte Beispiele, wie beispielsweise eine Hecke mit Japanischen Spierstauden, die für Bienen völlig wertlos sind. Auf der Exkursion waren auch biologisch tote «Gärten des Grauens» zu sehen. Vor einem frisch geschnittenen Wildblumenbeet bemerkte sie, dass Ende August eigentlich ein schlechter Zeitpunkt sei, um naturnahe Flächen zu besichtigen. «Dann ist meistens Flaute, aber es dauert nur eine kurze Weile, bis die Glockenblumen bis zum ersten Frost blühen», so Wendel. Karl Brunschwiler fügte hinzu, dass in den Rabatten immer einige Pflanzen blühen und die Bienen das ganze Jahr etwas haben. Der Werkhofleiter betonte aber auch, dass es in der Bevölkerung viel Verständnis für die Umgestaltung zu naturnahen Grünflächen braucht. Es kommt immer wieder zu Problemen, wenn man beispielsweise eine Blumenwiese neben einem Garten mit englischem Rasen bis Ende August stehen lässt. Mit entsprechenden Infotafeln soll künftig auf spezielle Pflegemassnahmen hingewiesen werden. Zum Schluss der zweieinhalbstündigen Infoveranstaltung machte Toni Kappeler, Präsident von Pro Natura Thurgau, noch Werbung für die Volksinitiative «Biodiversität Thurgau», die eine Entwicklung einer kantonalen Biodiversitätsstrategie und jährlich zusätzlich drei bis fünf Millionen Franken für Naturschutzmassnahmen verlangt.


Text und Bild: Thomas Güntert













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