Ausgabe Nummer 52 (2009)

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Christ ist erschienen, uns zu versühnen

Im vergangenen Herbst ist ein Buch erschienen*, in dem der Autor, Joachim Gauck, sein Erleben als Pfarrer in der DDR, die Wende Ende der 80er-Jahre, und dann die Aufarbeitung der 40-jährigen Geschichte der kommunistischen Diktatur beschreibt. Gauck war der erste Bundesbeauftragte für die Herausgabe der bis dahin geheimen Dokumente des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Er beschreibt, welche bewegenden Momente sich ergeben haben, wenn die Bespitzelten ihre Unterlagen einsehen konnten. So zum Beispiel, wenn eine Frau zur Kenntnis nehmen musste, dass ihr Mann schon kurz nach der Heirat damit begann, der Stasi Informationen über ihr privates und politisches Tun zu übermitteln. Oder wenn kirchlich engagierte Jugendliche, die mit den Behörden in Konfl ikt geraten waren, feststellen mussten, dass ausgerechnet jene, die vorgaben, sie juristisch zu unterstützen, in Wirklichkeit «inoffi zielle Mitarbeiter » der Stasi waren. Aber auch, wenn jemand beim Studium seiner Akten erleichtert feststellen konnte, dass kein einziger seiner Freunde ihn verraten hatte.
Wie soll man mit einer belastenden Vergangenheit umgehen? Diese Frage stellt sich auch in alltäglicheren Zusammenhängen. Sie stellt sich auch bei uns, die wir das Glück haben, in einer freien Gesellschaft leben zu können. Die Vorgänge in der Nach-DDR-Aera können uns da exemplarisch etwas aufzeigen: Wäre es richtig gewesen, die Akten zu vernichten oder so lange unter Verschluss zu halten, bis der letzte Betroffene gestorben gewesen wäre? Nein, das Misstrauen wäre geblieben; jeder wäre als möglicher Verräter in Frage gekommen. Das Klima wäre vergiftet geblieben. Es führte kein Weg an einer geordneten Aufdeckung der Unterlagen vorbei, so schmerzlich diese für bestimmte Leute auch war. Versöhnung kann erst dann wirklich eintreten, wenn zuvor auch das Unrecht benannt wurde.
Das Muster «Schuld – Aufdeckung – Eingeständnis – Bitte um Entschuldigung – Versöhnung» scheint nicht allzu modern. Es kommen andere Muster zur Anwendung. So zum Beispiel das der Erklärung von schuldhaftem Verhalten mit der Vergangenheit des Täters. Natürlich ist da auch etwas dran. Viele Täter waren zuerst selber Opfer. Auch bei den Informanten des Staatssicherheitsdienstes gibt es sicher viele einleuchtende Erklärungen für ihr Verhalten. Und uns Aussenstehenden, die wir nicht mit den extremen Belastungen eines Lebens in der Diktatur leben mussten, steht es sowieso nicht zu, über anderen den Stab zu brechen.
Trotzdem: Die vielen intelligenten, psychologischen Erklärungsmuster ersetzen nicht den Weg der Einsicht in getanes Unrecht, der Busse und der Versöhnung. Alles nur mit früheren Erlebnissen oder mit genetischen Ursachen erklären zu wollen, ist letztlich eine Entwürdigung des Menschen. Sich auf den Weg der Busse und Versöhnung zu begeben, braucht Überwindung. Es ist leichter, immer den andern die Schuld zu geben. Zudem: Ich weiss ja nicht, wie der andere reagieren wird, wenn ich den ersten Schritt tue. Verliere ich das Gesicht? Lässt er mich im Regen stehen? Ich muss realistischerweise immer auch mit dieser Möglichkeit rechnen.
Die menschliche Seele spürt sehr wohl, was ihr gut tut. Der erste Schritt zur Versöhnung mag Überwindung kosten; wenn es dann aber gelingt, ist es umso schöner. Eine Versöhnung zu feiern kann der schönste Anlass für ein Fest sein. Ist das nicht auch ein ganz wesentlicher Teil des Weihnachtsfestes? «Christ ist erschienen, uns zu versühnen ...»

Pfarrer Wilfried Bührer

* Joachim Gauck: «Winter im Sommer, Frühling im Herbst», erschienen 2009 im Siedler-Verlag.