Ausgabe Nummer 40 (2003)

zurück zur Übersicht

Das rechte Futter für die Hefepilze

Hefe Schweiz AG in Stettfurt setzt auf Rübendicksaft aus Frauenfeld
 

Das rechte Futter für die Hefepilze

 
Auf rund 240 Hektar Fläche bauen Schweizer Rübenpflanzer so genannte Heferüben an. Daraus wird in Frauenfeld Dicksaft gewonnen, der dann in der Presshefefabrik Stettfurt den Hefezellen «zum Frass vorgeworfen wird». Davon profitieren sowohl die Rübenpflanzer als auch die Hefe Schweiz AG.
 

 
Hefewürfel auf dem Weg zum Kunden. Einige Bäckereien erhalten das Produkt «lose» im Kunststoffgebinde. Geschäftsführer Thomas Gamper: Mit 6000 Tonnen Hefe jährlich deckt die Fabrik in Stettfurt zwei Drittel des Schweizer Marktes ab.
 
Es war eine klassische «Win-Win»-Situation, als im Jahr 2000 in der Zuckerfabrik Frauenfeld mit der Produktion von Rübendicksaft für die Presshefefabrik in Stettfurt begonnen wurde. Die Fabrik in Frauenfeld konnte die Auslastung etwas erhöhen, die Hefefabrik in Stettfurt hatte endlich den Rohstoff, den sie schon lange suchte, und schliesslich gab es als dritte Gewinner noch Rübenpflanzer, die zusätzliche Fläche mit so genannten «Heferüben» bebauen konnten. Doch bis es so weit war, brauchte es einiges Stehvermögen, wie der Geschäftsführer der Hefe Schweiz AG, Thomas Gamper, erläutert. Die Zusammenarbeit von Zuckerwirtschaft und Hefeproduzenten ist zwar traditionell vorhanden. Als Nahrung für die sich rasch vermehrenden Hefepilze (siehe Kasten) bezog die Hefefabrik Melasse von der Zuckerfabrik Frauenfeld. Doch bereits Anfang der 90er-Jahre wurde erstmals versucht, das «Abfallprodukt» Melasse teilweise durch Rübendicksaft, einer Vorstufe des Kristallzuckers, zu ersetzen. Die politischen Rahmenbedingungen liessen damals aber keine Ausnahmeregelung innerhalb der Zuckermarktordnung zu. Doch die Hefefabrik Stettfurt, die letzte in der Schweiz, die von A bis Z hierzulande produziert, liess nicht locker. Reine Melasse als Futterbasis hat Nachteile. Einerseits kann der Zuckeranteil in der Melasse von den Hefepilzen nicht ausreichend ausgenützt werden, andererseits belastet der relativ hohe Gehalt an nicht vergärbarem Zucker im Abwasser die Kläranlage. Ökonomische und ökologische Nachteile, welche die Stettfurter Fabrik mit der Beimischung von Rübendicksaft wettmachen wollte.

Dicksaft hilft Qualität sichern
Seit dem Jahrtausendwechsel ist es so weit: Die Hefepilze werden mit einem Gemisch aus 40 Prozent Melasse und 60 Prozent Dicksaft gefüttert. Der Anteil Melasse ist weiterhin erwünscht, einmal aus Kostengründen, zum andern auch, weil diese Spurenelemente wie Zink oder Vitamine enthält, die dann auch in der Hefe gefunden werden. Der reinere, hoch konzentrierte Dicksaft ist für die Hefekulturen besser verwertbar und hilft mit, die Produktqualität konstant zu halten, wie Thomas Gamper erklärt. Zudem wird die Belastung durch organische Substanzen im Abwasser reduziert.
Jährlich bezieht die Hefefabrik in Stettfurt in Frauenfeld rund 3900 Tonnen Dicksaft und etwa 2500 Tonnen Melasse. Die Abnahme ist über langjährige Verträge geregelt. Die Rüben für die Dicksaftproduktion, rund 15 000 Tonnen, werden zu Beginn der Kampagne verarbeitet. Da im Werk Frauenfeld – im Gegensatz zu Aarberg – der Dicksaft nicht separat aus dem Produktionsprozess genommen werden konnte, musste die Anlage geringfügig umgebaut werden. Der Dicksaft wird anschliessend mit Tanklastwagen von Frauenfeld nach Stettfurt geführt, wo die Hefe Schweiz AG über einige Lagerkapazität verfügt. «Zu Beginn der Kampagne sind unserer Lager jeweils sehr gut gefüllt», weiss Gamper.

Ein konzentrierter, aber flexibler Markt
Die Hefe Schweiz AG ging vor zehn Jahren aus dem Zusammenschluss der Presshefefabriken von Hindelbank und Stettfurt hervor. Die Abkürzung «hs» im Logo weist auf die ursprünglichen Standorte im Kanton Bern und im Thurgau hin. 1995 wurde der Produktionsstandort Hindelbank zugunsten von Stettfurt geschlossen. Heute ist das Unternehmen mit gut 30 Angestellten teil einer Holding, die den beiden Stammaktionärsfamilien aus Stettfurt und Gutenburg (BE) gehört. Gegründet wurde die Fabrik in Stettfurt im Jahr 1902 als «Pressehefefabrik der Brennereigenossenschaft Stettfurt». Seit 1946 firmiert das Unternehmen als AG.
Vom Schweizer Hefemarkt, der ein Volumen von rund 9000 Tonnen umfasst, stammen zwei Drittel aus Stettfurt, ein Drittel liefert der Mitbewerber aus Rheinfelden, die Firma Klipfel. Damit decken die beiden Unternehmen annähernd 100 Prozent des Schweizer Marktes ab. Es wird praktisch keine Hefe importiert. «Unsere Kunden, Grossbäckereien und Gewerbe, setzen auf eine sichere und flexible Versorgung mit Backhefe», weiss Thomas Gamper. Experimente von Grossbäckereien, Hefe aus dem Ausland zu beziehen, seien mangels Versorgungssicherheit gescheitert. Grossbäckereien wüssten zu Beginn einer Aktion im Laden nicht, wie viel Hefe sie benötigten und seien daher auf schnelle Nachlieferungen angewiesen. Dasselbe gelte für einen Dorfbäcker, der sich unversehens mit einer Grossbestellung einer WK-Kompanie konfrontiert sehe. Auf diese Trümpfe der einheimischen Produktion will man in Stettfurt auch künftig setzen. «Ein typischer KMU-Fall», meint Thomas Gamper dazu und erzählt die Geschichte, als in der grössten Jowa-Bäckerei einmal am Stephanstag die Presshefe ausgegangen ist.
Eine breite Palette an Handelsprodukten wie Fertigmischungen und Vorteige für die Bäckereibranche ergänzt das Angebot und bringt zusätzlichen Umsatz. Vom Nettoumsatz von knapp 16 Millionen Franken jährlich entfallen knapp 13 Millionen auf Hefe und rund drei Millionen auf Handelsprodukte. (hil)
 

Damit der Teig aufgeht
30 bis 40 Gramm Hefe auf ein Kilo Mehl, das wissen alle, die schon einmal einen Teig geknetet haben. Die Presshefe, im Detailhandel als Würfel erhältlich, wird in mehreren Schritten «herangefüttert». Den Anfang machen Stammkulturen des Pilzes Saccharomyces cerevisiae, die unter Laborbedingungen rein gezüchtet werden. In grossen Fermentern werden die einzelligen Organismen rasant weitervermehrt, als Futter dient ein Gemisch aus Melasse und Dicksaft. Schliesslich wird der flüssige, so genannte Heferahm separiert und filtriert und dadurch entwässert. Die lebenden Hefekulturen gelangen dann meist in Würfelform in den Handel. Mehr Infos zur Presshefeproduktion unter www.hefe.ch (hil)

 
 
top     schliessen