Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Das Vertrauen der Konsumenten stärken

Ausgabe Nummer 48 (2017)

Internationale Landtechnik-Ausstellung Agritechnica in Hannover

Die Landtechnikwelt bereitet sich auf Zeiten mit stark reduzierten Bewilligungsmöglichkeiten von Pflanzschutzmitteln vor, allen voran dem Glyphosat. Dies war kürzlich an der imposanten internationalen Landtechnik-Ausstellung, der Agritechnica in Hannover, deutlich zu spüren. Dies einerseits bei den Trends zu hochpräzisen, umweltschonenden Geräteschaften, andererseits in den zahlreichen Berichten der Fach- und allgemeinen Medienwelt. Die ununterbrochenen Negativschlagzeilen über Pestizide oder Insektenschwund – ob faktisch belegt oder nicht – haben zur Unsicherheit bis hin zur breiten Konsumentenschaft geführt. Nun gilt es das Vertrauen in die Landwirtschaft wieder zu stärken.

In der Schweiz wie auch in den Nachbarstaaten steht die Landwirtschaft in der Pflicht, die Produktion offenzulegen. So kann das Vertrauen der Konsumenten wieder gestärkt werden, um Preise und Leistungen entsprechend dem Wert zu halten. Dabei spielt der Einsatz der Landtechnik eine grosse Rolle. Ob man es gut oder schlecht findet, die vielen Berichte über die Schädlichkeit der Pestizide im Wasser oder dem Schwund der Insekten sind jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dazu kommt, dass in nächster Zeit in der Schweiz Volksinitiativen wie «sauberes Trinkwasser für alle» mit dem Untertitel «Wir subventionieren die eigene Gewässerverschmutzung » – mit direkten Auswirkungen auf mögliche Kürzungen der Direktzahlungen – zur Abstimmung kommen. Will die Landwirtschaft proaktiv zu diesen schnell zustande gekommenen Volksbegehren mit über 100 000 Unterschriften Stellung nehmen, wird sie in naher Zukunft alle Informationsregister ziehen müssen.

Unkrauterkennungssysteme und Nährstoff angepasstes Gülle ausbringen
Diesbezüglich kommt die Entwicklungsoffensive der Landtechnik zum gezielten Einsatz und somit zur massiven Reduktion von Mineraldünger und Pflanzenschutzmittel zur richtigen Zeit. Dabei geht es um zukünftige intelligente Pflanzen/Unkrauterkennungssysteme am Spritzbalken – bis hin zur «integrierten Innenspülung» des Spritzgerätes. Folglich werden auf dem Hof praktisch keine Pflanzenschutzmittel mehr abgespült, welche allenfalls in die Kanalisation gelangen könnten. Im Bereich der Düngung geht der Trend in Richtung der Pflanzendichte abhängigen Nährstoffversorgung, variierend in der Parzelle je nach Bodenbeschaffenheit. Bei der Gülleausbringtechnik sind jetzt Messsysteme einsatzbereit, die dem Fahrer melden, welche Nährstoffe im Tank sind. Somit kann nach Nährstoffeinheiten und nicht mehr nur nach Kubikmeter die Jauche dem Pflanzenbedarf entsprechend ausgebracht werden. Zur Bodenbearbeitung kommen beispielsweise vermehrt die aus früheren Zeiten bekannten Kultivatoren mit Gänsefussscharen in grosser Arbeitsbreite zum flachen, mehrmaligen Einsatz. Damit soll vor der leistungsfähigen Direktsaat auf den Einsatz von Herbiziden verzichte werden können.

Pflügen oder Messerwalzen für Mulchsaat
Der Pflug steht in Kombinationsmöglichkeiten zum 10-cm-Flachpflügen bis hin zum 25 cm tiefen Einsatz im Focus der Ackerbautrends. Zum Erosionsschutz und Herbizidverzicht setzt sich offenbar der Trend zur Mulchsaat in Grünbestände weiter fort. So steht eine grosse Angebotspallette an schweren Messerwalzen an den Ausstellungsständen. Die Erkenntnisse aus Versuchen (zum Beispiel Versuch vom BBZ Arenenberg auf dem Gutsbetrieb Brunnegg) bringen offenbar erste Wirkungen. Nämlich, dass die Messerwalze beim zeitrichtigen Einsatz vor der Begrünungsblüte gute Vorarbeit für die Mulchsaat oder gar dem Setzen von Gemüse leistet.

Weltpolitischer Massstab
Die Agritechnica zeigt aber auch weltpolitische Themen auf. So ist festzustellen, dass russische Landtechnikhersteller in grossen Dimensionen und mit neuer Technik in einer eigens bereitgestellten Halle präsent sind. Dies ist nicht verwunderlich, wird doch beispielsweise in einem russischen Werk von «Rostselmash» jährlich 3500 Mähdrescher praktisch analog der Westtechnik gebaut. Zu dieser russischen Gruppe gehört seit kurzem auch der kanadische Grosstraktorenhersteller «Versatile». In aktuellen Handelszeitungen wird Russland bald als grösster Getreideproduzent der Welt eingestuft. Bei guten Erträgen und leistungsfähiger, hochsubventionierter russischer Landtechnik, verhindert zurzeit nur noch die landesweite unzureichende Transportlogistik den Spitzenplatz im internationalen Agrarmarkt. Andererseits wird aus Ländern rund um den Bosperus eine ganz einfache, ja gar alte Landtechnik aus den 70er- Jahren an den Ständen in Hochglanz angeboten.

Fazit für die Schweiz
Trends in der Landtechnik repräsentieren die internationalen Zusammenhänge und bieten Gelegenheit, die bestmögliche Strategie für helvetische Verhältnisse darauf aufzubauen. Mit dieser Erkenntnis sind wir Schweizer nicht alleine. Nur schon die Nachbarländer in Süddeutschland oder Österreich müssen sich mit den Verhältnissen in Nord- und Ostdeutschland oder Ungarn positionieren. Nutzen wir also die Chancen, welche uns die regionale Produktion gibt. Dazu gehört nicht nur die reine Produktion der Nahrungsmittel sondern auch das Mitwirken beim Verkauf und somit der Schaffung einer besseren Wertschöpfung. Aktuell durchgeführte Konsumentenumfragen ergeben, dass die Verbraucher durchaus gewillt sind, beispielsweise für Fleisch aus tiergerechter Produktion, den entsprechenden Wert zu bezahlen.
Für das BBZ Arenenberg heisst dies: Nebst der Ausbildung und Beratung auch weiter als richtungsweisender «Informations-Innovationsmotor» zu wirken. Sei dies an der Güttingertagung (mit der Interreg Obstbau Modellananlage zur Reduktion der Pflanzenschutzmittel und Förderung der Biodiversität), dem Laufstallstamm in Sachen Tierwohl und Tiergesundheit, der Swiss Future Farm in Tänikon im Bereich Precisionsfarming, der Ackerbautagung auf Brunnegg zu bodenschonenden Ackerbau- und Gemüsebauverfahren, dem Mitwirken bei den Direktmarktern und dem Agrotourismus beim «Buurähof erläbä» oder der Strohballenarena als Konsumenten/ Produzenten-Plattform bis hin zur Pflege der rund 100 000 Besucher auf dem Arenenberg.


Bernhard Müller
Leiter Regionale Entwicklung
BBZ Arenenberg
















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