Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Oktober 2018


Den Jägern aufs Maul geschaut

Ausgabe Nummer 48 (2015)

Wussten Sie, dass es in der Schweiz eine fünfte Landessprache gibt? Nein? Dann müssen Sie unbedingt den nachfolgenden Artikel lesen. Sie werden feststellen, dass die Jägersprache, darum geht es, eine sehr bildhafte und blumige Sprache ist.

In der Ausgabe des Thurgauer Bauers vom 29. Juli 2005 erschien der erste Artikel zum Thema Landwirtschaft und Jagd. Seither haben die drei Autoren Roman Kistler, Kantonaler Jagdverwalter, sowie Christian Haffter und Martin Ebner, Jagd Thurgau, in 40 Artikeln versucht, das Verständnis zwischen Landwirten und Jägern zum Thema Jagd zu fördern und den Bauern aufzuzeigen, wo die Zusammenarbeit sinnvoll und notwendig ist, ohne dabei Probleme, die durch Wildtiere entstehen können, unter den Stubentisch zu kehren. Die ganze Serie stand stets unter dem Motto: «Me muess rede mitenand». Dass man dazu möglichst die gleiche Sprache sprechen sollte, ist einleuchtend. Doch manchmal ist das, vor allem für uns Jäger, etwas schwierig, pflegen wir doch unter uns traditionellerweise eine eigene Sprache, die Jäger- oder Weidmannssprache, die von Laien nicht leicht zu verstehen ist. Deshalb hier zum Abschluss unserer Serie noch eine kleine Sprachschulung, so quasi eine Schnellbleiche in Jägersprache für jagdlich Interessierte.

Ein Pirschgang mit einem Bauern
Es war an einem wunderschönen Herbstsonntag. Ein Reviergang mit einem Landwirt stand auf dem Programm, um anstehende Probleme mit Wildtieren zu beäugen und darüber zu keckern. Mit dabei waren auch die beiden vierläufigen Rudelgenossen, die beiden bereits im 9. Feld stehenden Rauhaardackel Pino und Orla, die ihrer Freude über die bevorstehende Pirsch durch heftiges Bewegen ihrer Ruten und dem Stellen ihres Behanges Ausdruck verliehen. Und weil sie immer noch nicht begriffen hatten, dass sie ausserhalb eines Treibens stets Beifuss zu gehen hatten, mussten sie ihre Halsung tragen und uns am Riemen begleiten.
Der Platzhirsch trollte bei unserem Anwechseln zu seinem Einstand gerade daher, verhoffte kurz, um mich dann zu begrüssen. An der Stellung der Tabakpfeife in seinem Äser war sofort seine Stimmung abzulesen: Schaute sie aus den Winkeln seiner Lefzen heraus, festgehalten von seinen Molaren, war seine Laune optimal. War sie eingeklemmt von den Schaufeln in der Mitte seines Äsers, herrschte Alarmstimmung. Und wenn er seine Pfeife gar in den Schalen statt im Wurf hielt, konnte man sich auf ein heftiges Blasen und Wetzen gefasst machen. Womit er seinem Unmut über diese «verdammte Sieche» – gemeint sind Wildtiere und vor allem Wildschweine – Ausdruck verlieh.

Eine ganze Rotte ist da
Aus einer Nebenröhre ihres Baues wechselte bald einmal die (Haus-)Bache an und begrüsste uns mit dem Flachmann, aus dem wir ein wenig schöpften. Auf direktem Wechsel gesellte sich die Tochter des Hauses zu uns, ein zierliches Schmaltier, das aber vorher noch ein wenig an ihren Lauschern und Balzrosen herumgezupft sowie ihre Zügel und Grannen Haare gekämmt hatte, damit wir es besser ansprechen konnten. Dem Sohn des Hauses, einem kapitalen Jährling, sah man an, dass er die Nacht zuvor seinen Pansen und sein kleines Gescheide an der Dorfmetzgete etwas übermässig mit Kröpfen strapaziert hatte und reichlich Flüssigkeit über seine Lefzen und seinen Lecker geflossen war. Er schien zudem etwas zu eifrig auf dem Brunftplatz tätig gewesen zu sein, denn seine Zügel waren sehr bleich, die Lauscher hingen herab und seine Lichter waren gerötet. Wie es sich für eine intakte Rotte gehört, kamen auch noch die alte Leitbache und der knapp fünf Monate alte Frischling des Verbandes angewechselt.

Die Pirsch beginnt
Schliesslich machten sich der Bauer und ich auf die Läufe und schnürten auf dem Hauptwechsel Richtung Feld und Wald. In der nahen Obstanlage sahen wir die Spuren von Meister Lampe, junge, verbissene Triebe. In der anschliessenden Wiese hatte eine Rotte Schwarzwild zu nächtlicher Stunde gebrochen, um nach tierischen Eiweissen von Engerlingen, Würmern und Schnecken zu suchen. Erstaunlich, wie tief sie mit ihrem Gebrech, der verknöcherten Scheibe und ihren Gewehren ins Erdreich vorstossen können. Dies natürlich nicht zur Freude meines Begleiters, umso weniger, als ich ihn darüber aufklären musste, dass es sich nur um einen Bagatellschaden von unter 200 Franken handelt, der gemäss Gesetz nicht entschädigt wird.
In einer Waldlichtung eräugten wir einen Sprung Rehe: ein starker Jährling, der bereits verfärbt hatte, und ein adulter, etwa vierjähriger Bock, der noch Rot war. Sie standen sich in Forkelstimmung gegenüber. Dies obschon die Blattzeit schon vorüber war. Grund für ihr Imponiergehabe war ein Schmalreh, das in der Nähe im Lager sass. Nach kurzem Plätzen und Schmähen des älteren Rivalen überliess der Jüngling diesem das Feld, nicht ohne vorher noch kurz an einem Holderbusch zu fegen. Der Sieger wandte sich dem liegenden Fräulein zu, tupfte mit seinem Windfang kurz an die Schürze der Dame, worauf diese rasch hoch ging, mit den Läufen nach hinten ausschlug und davon trollte. Nach kurzem Bewinden ihres Lagers flehmte der Bock und sprang dann ab auf dem Wechsel Richtung Unterholz.

Alles verstanden?
Mit Jahrzehnten an jagdlicher Erfahrung kann man heute auf viele Begegnungen und zahlreiche Diskussionen mit Landwirten in deren Habitat zurückblicken. Meistens gingen diese kameradschaftlich und einvernehmlich über die Bühne, wie sich das für gute Partner auch gehört. Nur selten hat der eine oder andere nach typischer Platzhirsch Art angefangen, wie ein Brunfthirsch zu trenzen, ja sogar zu murksen, zu kullern oder zu blädern. Und je nach Stossrichtung musste man sich auch mal als Kolbenhirsch der Situation stellen, die Luser voll geöffnet und die Seher streng auf sein Gegenüber gerichtet. Oder gar die Drossel strapazieren und dabei die Grannen aufrichten. Und wenn das alles nichts nützte, musste man auch mal die Hauer, sein Gewaff oder die Grandeln zeigen.
Als langjähriger Leser oder Leserin unserer Jagdbeiträge werden Sie wohl wenig Mühe bekundet haben, um den Text zu verstehen. Damit haben Sie auch die ersten Gehversuche in der Jägersprache erfolgreich hinter sich gebracht. Sollten Sie aber beim einen oder anderen Ausdruck Verständnisprobleme haben, dann sind wir zur Übersetzung gerne bereit. Laden Sie uns in Ihren Horst ein und kredenzen Sie uns einen guten Tropfen, den wir gerne schöpfen werden. Dazu ein kleiner Aser – als Konzentratselektierer schätzen wir kleine, delikate Häppchen, denn grosse Mengen verzehrende Rauhfutterfresser sind wir nicht – und Sie werden nach zwei, drei Stunden problemlos die Jägersprache beherrschen.
Mit bestem Knören, herzlichem Grunzen und freundlichem Fiepen. Weidmannsdank!


Christian Haffter, Roman Kistler, Martin Ebner




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