Ausgabe Nummer 25 (2006)
Der Bauernhof als «Festung der Freiheit»
Filmabend «Landwirtschaft im Thurgau»
Im Cinema Luna in Frauenfeld organisierte am Dienstag vor einer Woche das Historische Museum Frauenfeld zusammen mit dem Historischen Verein des Kantons Thurgau einen moderierten Filmabend zum Thema «Landwirtschaft im Thurgau» mit Filmmaterial von 1896 bis 2004.
Bilder aus verschiedenen Epochen flimmerten über die Leinwand des bis auf den letzten Platz besetzten Cinema Luna: Der Alpöhi aus den Dreharbeiten des Heidifilms von 1952, die Teilprüfung über das Waschen der ersten bernischen Berufsprüfung für Bäuerinnen von 1944, ein Propagandafilm über die Anbauschlacht während des Zweiten Weltkrieges, kritische Stimmen zur Einführung der Sommerzeit 1979 und viele weitere mehr. Doch auch neuere Dokumente über Themen wie Biolandbau, Brunch auf dem Bauernhof oder ein Tagesschauausschnitt über die erste Frau, die das Thurgauer Bauernsekretariat übernahm (Hermine Hascher, 2000), wurden gezeigt. Zwischen den Filmausschnitten sprach Gregor Dill, Mitarbeiter des Schweizerischen Bundesarchivs, mit Agrarhistoriker Werner Baumann 1) und der Geschäftsführerin des Thurgauer Bauernverbandes, Hermine Hascher, über das Gesehene.
1) Dr. Werner Baumann ist Rektor des Gymnasiums Oberwil (Basel). Er ist in Neukirch-Egnach im Kanton Thurgau geboren. Im Kanton Thurgau besuchte er auch die Schulen bis hin zur Maturität. Das Thema seiner Doktorarbeit waren der Bauernführer Ernst Laur und der Schweizerische Bauernverband während der Zeit von 1897 bis 1918.
Bauernproteste
Bauernproteste sind ein immer wiederkehrendes Thema. Baumann erzählte schmunzelnd, dass noch vor den Studentenausschreitungen 1961 die Bauern vor dem Bundeshaus protestiert hatten. Dieser Protest war ziemlich lautstark und heftig gewesen. Die Polizei musste damals zu Tränengas greifen, um die Demonstranten zu beruhigen. Grund für Proteste dieser Art war regelmässig der Milchpreis. «Die Milchwirtschaft ist ein Hauptproduktionszweig der Schweizer Landwirtschaft. Sie wurde lange vom Bund subventioniert. So garantierte der Bund den Bauern ein Mindesteinkommen», führte Baumann aus. Er verglich die Proteste um höhere Milchpreise mit den Lohnverhandlungen der Gewerkschaften: Ein immer wiederkehrendes Ritual. Zu diesem Ritual gehörte auch das Jammern der Bauern. «Damit konnte früher politischer Druck aufgebaut werden. Heute ist das vorbei. Das Bild der jammernden Bauern in den Köpfen der Bevölkerung ist stark. Doch muss gesagt werden, dass Bauern heute zu Taten greifen», fügte Hascher an.
Filmdokumente
Die gezeigten Filmdokumente wurden dank der Initiative von Memoriav (Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz) gerettet. Interessierte erhalten bei Memoriav Auskunft über vorhandene Filmdokumente, www.memoriav.ch, Telefon 031 380 10 80. kb
Bollwerk gegen den Sozialismus
Von der Landwirtschaft handelt der älteste Schweizer Film. 1896 drehten die Gebrüder Lumière an der Landesausstellung in Genf einen Stummfilm über das «Schweizerdörfli». Baumann beschrieb die Ursprünge des «Schweizerdörfli», das spätere Markenzeichen jeder Landesausstellung: «Am Anfang war die Kuh. Der ursprüngliche Gedanke war, 50 Kühe aus der ganzen Schweiz an der Landesausstellung vorzuführen; doch diese Kühe brauchten Ställe und Betreuer. So kam die Idee, den Kühen einen heimatlichen Stall und den Betreuern ein heimatliches Gut nachzubauen. Dadurch entstand das «Schweizerdörfli». «Im 19. Jahrhundert wurde die Schweiz als ?Bauernland? konstruiert, obwohl alle Nachbarländer auch Bauernländer waren. Damit wurde die bäuerliche Idylle sehr verklärt und idealisiert», fuhr Baumann fort. «Die Differenz des Bildes, das sich die Gesellschaft von den Bauern macht, und der Realität besteht heute noch», warf Hascher einen Blick in die Gegenwart. «Doch wurde der Bauernstand nicht nur idealisiert, sondern er war ein Grundpfeiler des Staates und wichtig im Kampf gegen die rote Gefahr», führte Baumann weiter aus. So bezeichnete Bundesrat Etter an der Olma 1948 den Bauernhof als «Festung der Freiheit». Bismarck hatte die Bauern sogar als «Bollwerk gegen den Sozialismus» beschrieben.
«L?histoire c?est moi», 555 Versionen der Schweizer Geschichte 1939 bis 1945 Der Filmabend war ein Teil der multimedialen Ausstellung «L?histoire c?est moi». Für diese Ausstellung wurden 555 Zeitzeugen unterschiedlichster Herkunft und politischer Gesinnung befragt, wie sie den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Diese lebendigen Erinnerungen und zum Teil unbekannten Einblicke in die vergangene Zeit wurden zusammen mit historischem und heutigem Filmmaterial zu 22 Dokumentarfilmen à 15 Minuten verarbeitet. Während der letzten zwei Jahre wurden diese Dokumente in verschiedenen Schweizer Städten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bis zum 15. Oktober ist die Ausstellung im Historischen Museum in Frauenfeld zu sehen (siehe www.archimob.ch und www.historisches-museum.tg.ch) uhu
Kommentar zu «Der Bauernhof als Festung der Freiheit» von Ursina Hulmann

