Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
17. Mai 2019


Der Druck nimmt zu

Ausgabe Nummer 9 (2019)

Einen umfassenden Überblick über die aktuelle Situation beim Pflanzenschutz im Gemüsebau konnten die Teilnehmer des Pflanzenschutznachmittags Gemüse am 13. Februar in Sulgen erhalten. Die Experten der Agroscope prognostizierten eine deutlich zunehmende Tendenz des zukünftigen Schaderregerdrucks. Jedoch gibt es auch Positives zu berichten.

Dass wir weiter mit einem zunehmenden Druck durch wohlbekannte Gemüseschädlinge wie Thripse und Kohlmottenschildläuse (Weisse Fliege) rechnen müssen, zeigte Cornelia Sauer von der Agroscope in ihrem Vortrag deutlich auf. Im Extremjahr 2018 konnten wellenförmig starke Zunahmen und teilweise Massenvermehrungen bei diesen Insekten registriert werden. Die Klimaprognosen für die nächsten Jahrzehnte lassen vermuten, dass hier keine Entspannung zu erwarten ist. Zu den wichtigsten Vorbeugemassnahmen, die ergriffen werden können, zählen Feldhygiene und sauberes Wirtschaften. Es ist wichtig, den Schädlingen die Lebensgrundlage zu nehmen und Futterbrücken zwischen den Sätzen zu verhindern. Aufgrund der abnehmenden Zahl an bewilligten Pflanzenschutzmitteln gewinnen physikalische Schutzmassnahmen, wie zum Beispiel Volleinnetzungen, stark an Bedeutung.
Zu den bedeutendsten Neuankömmlingen unter den Schädlingen zählt derzeit die Marmorierte Baumwanze, die letztes Jahr teilweise massive Schäden an Paprika, Gurken und Bohnen verursachte. Sind die favorisierten Futterpflanzen der Wanzen nicht zugegen, können aber auch andere Kulturen, wie zum Beispiel Tomaten, befallen werden. Da Insektizide kaum oder gar nicht gegen diese Neozoen wirken, wird derzeit angestrengt an der Entwicklung alternativer Schutzmassnahmen gearbeitet. Dabei kommen ebenfalls wieder Kulturschutznetze infrage, aber auch Absaugtechniken oder das Anbieten von alternativen Futterpflanzen. Letzteres geschieht zum Beispiel in Form von massgeschneiderten Blühstreifen, welche für die Wanzen attraktivere Futterquellen als die Kulturpflanzen darstellen.

Vorbeugen hat oberste Priorität
Matthias Lutz führt bei der Agroscope in Wädenswil die Schaderregerdiagnostik durch. Er verweist in seinen Ausführungen auf eine ähnliche Entwicklung der Pflanzenkrankheiten wie bei den Schädlingen, insbesondere bei den bodenbürtigen Pathogenen.
Am Beispiel von Chalara elegans zeigte er anschaulich auf, wie problematisch die Bekämpfung von Schaderregern mit einem so breiten Wirtspflanzenspektrum ist. Chalara ist normalerweise in Rüebli ein Problem, hat aber 2018 auch bei Chicorée stellenweise grosse Schäden verursacht. Ist der Erreger einmal im Boden, gestaltet sich die Fruchtfolgeplanung insbesondere für Biobetriebe sehr schwer, da der Pilz auch Leguminosen wie Klee parasitiert. Auch hier hilft nur die Einhaltung eines konsequent durchgeführten Hygienemanagements, um eine Ein- und Verschleppung zu verhindern. Insbesondere Maschinen, Arbeitsgeräte, Paloxen und Transportmaterial müssen nach dem Einsatz unbedingt sauber gewaschen und allenfalls mit Benzoesäure desinfiziert werden. Das gilt auch vor allem dann, wenn solche Hilfsmittel von Nachbarbetrieben oder Abnehmern auf den Betrieb gelangen. In diesem Zusammenhang verwies Matthias Lutz auch auf die Bedeutung einer tadellosen Kompostwirtschaft, denn auch Ernterückstände können zur Verbreitung beitragen. Dennoch ist der Eintrag von gründlich verarbeitetem Kompost und somit der Aufbau von Humus im Ackerboden ein wichtiges Werkzeug, um den Bodenwasserhaushalt zu verbessern und um damit Wasserengpässen kommender Trockenjahre begegnen zu können. Bei Fragen zur ordnungsgemässen Kompostwirtschaft können Sie sich gerne an das Beraterteam des BBZ Arenenberg wenden. Weitere Infos finden Sie auch auf unserer Homepage unter arenenberg.ch/beratung/bio/umstellung.
Neben Chalara sind auch noch weitere Erreger, wie Colletrotrichon coccodes, auf dem Vormarsch. Dieser kann Totalausfälle in Zwiebeln oder Kartoffeln verursachen. Auch hier gibt es keine Möglichkeit einer chemischen Bekämpfung, sodass die Verhinderung der Einschleppung auf den Betrieb oberste Priorität haben muss.
Matthias Lutz berichtet auch über die Anstrengungen bei Agroscope, wirksame Bekämpfungsstrategien mittels Antagonisten zu entwickeln. Zwar sind bereits schon eine Reihe wirksamer Gegenspieler problematischer Erreger bekannt und entsprechende Mittel auf dem Markt, jedoch ist hier auch noch viel Potenzial vorhanden, welches für den grossflächigen Einsatz weiterentwickelt werden kann.

Frühzeitige Information und Planung
Reto Neuweiler, Forschungsgruppenleiter Extension Gemüsebau der Agroscope, gab den anwesenden Gemüseproduzenten einen Überblick über die wichtigsten Neuzulassungen und Bewilligungsrückzüge von Pflanzenschutzmitteln. Die komplette Liste wird auch in der Gemüsebau-Info der Agroscope veröffentlicht, wir leiten diese selbstverständlich wie gewohnt an Sie weiter.
Aufgrund der Angleichung der Zulassungsverfahren an die Vorgaben der EU sowie der Beschlüsse im Rahmen des Aktionsplans Pflanzenschutzmittel wird es vermehrt zu Anwendungseinschränkungen und Bewilligungsrückzügen kommen. Weiterhin werden die Auflagen auch bezüglich der Anwendungshäufigkeiten strenger und müssen gezielt beachtet werden. Der Gemüseproduzent muss sich aktiv darum bemühen, immer auf dem neuesten Wissensstand zu sein. Reto Neuweiler mahnt an, auch in Anbetracht der abnehmenden Zahl verfügbarer Mittel, sich schon frühzeitig Gedanken bezüglich einer sinnvollen Pflanzenschutzstrategie zu machen. Die Plattform dataphyto.agroscope.info bietet die Möglichkeit, sich eingehend über einzelne Pflanzenschutzmittel für den Gemüsebau zu informieren.

Betriebswirtschaftliche Planung mit ProfiCost
In der zweiten Hälfte des Nachmittags vermittelte Rolf Matter, Geschäftsführer der Schweizerischen Zentralstelle für Gemüsebau und Spezialkulturen (SZG), einen Überblick über die Struktur und die Aufgaben der Institution. Hierzu gehört im Besonderen die Koordination des Meldewesens respektive der Erhebung der Marktdaten Gemüse und der Arbeiten des Forums Forschung Gemüse. Die SZG hat in Zusammenarbeit mit den Fachberatern der Fachstellen auch das betriebswirtschaftliche Berechnungstool ProfiCost entwickelt. Mit diesem Programm lassen sich auf einfachem Weg Vollkostenberechnungen für die verschiedenen Produktionsverfahren im Gemüsebau berechnen und vergleichen. www.szg.ch/proficost
Rolf Matter rief die Anwesenden dazu auf, berechtigte Anliegen aus der Praxis für Forschungsaufträge im Forum Forschung Gemüse einzugeben. Hierzu können die Fachstelle angefragt oder aber auch die Anträge direkt über die Seite www.ffg.szg.ch eingegeben werden.
Abschliessend informierte Rolf Matter über das geplante Nationale Kompetenzzentrum Gemüse. Ziel ist es, unter der Nutzung vorhandener Strukturen neues Wissen zu generieren, zu bündeln und zu vermitteln sowie die Aus- und Weiterbildung zu fördern. Zusätzliche Mittel für die Realisierung sollen mobilisiert werden, das Forum Forschung der SZG soll integriert werden. Standort des neuen Kompetenzzentrums wird Ins im Berner Seenland werden.

Pflanzenschutz und Anwenderschutz
Dass der Anwenderschutz bei Pflanzenschutzanwendungen ein oft unterschätztes, aber umso wichtigeres Thema ist, stellte Philipp Trautzl im nächsten Vortrag heraus. Die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) ist dabei ebenso ein wichtiger Punkt, wie auch die Beachtung des Produktdatenblatts und der koordinierte, richtige Ablauf aller Handgriffe. Denn am Ende wollen wir nicht nur ein gesundes Produkt erzeugen, sondern auch selbst gesund bleiben. Mit der Einhaltung einiger weniger Grundregeln kann hier bereits viel erreicht werden. Ausführliche Informationen zum Anwenderschutz können unter www.bul.ch eingesehen werden.

Vorsprung durch Precision Farming
Die letzte halbe Stunde des Pflanzenschutznachmittags nutzten Michael Mannale und Philipp Trautzl, um über die im Kanton angelaufenen regionalen Bewässerungsprojekte sowie die Ressourcenprojekte zu informieren. Eine Teilnahme bei Letzteren bietet den Betrieben die Chance zukunftsweisende Technologien finanziell und fachlich gefördert einzusetzen und in den Betriebsablauf zu integrieren. Ziel ist es, Lösungen für die zukünftigen Herausforderungen im Pflanzenschutz und zur Ressourceneffizienz im Pflanzenschutz zu testen und weiterzuentwickeln. Teilnahmeinteressierte können sich an der Fachstelle informieren und anmelden. Das ebenfalls vorgestellte Jahresprogramm Gemüse 2019 kann auch über die Arenenberger Internetseite https://arenenberg.ch/ beratung/gemuese heruntergeladen werden.
Weiterhin können Interessierte am Gemüse-Schädlingsmonitoring für 2019 ihren Bedarf ab sofort an der Fachstelle anmelden. Den Produzenten werden die Fänge wöchentlich unter Angabe der Bekämpfungsschwelle für eine möglichst punktgenaue Behandlung gemeldet. Es kann die Überwachung von Drehherzgallmücke, Tomatenminiermotte, Thrips, Lauchmotte und Möhrenfliege in Auftrag gegeben werden.


Philipp Trautzl
Fachstelle Gemüsebau TG / SH
BBZ Arenenberg













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