Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Der Frankenstärke mit Innovationskraft begegnet

Ausgabe Nummer 36 (2015)

«Wir sind stolz und glücklich, hier arbeiten zu dürfen. Es ist wie in einer Familie.» Dies hörten die Besucher der Betriebsbesichtigung bei der Bernina wiederholt auf ihrem Rundgang durch die Montagehallen.

Man glaubte es aufs Wort. In den hellen, klimatisierten Hallen herrscht eine geradezu friedliche Atmosphäre: konzentriertes Arbeiten ohne Hektik, fröhliche Begrüssungen, wenn bekannte Gesichter in den beiden Besuchergruppen auftauchten. Der Montageprozess ist als «One Piece Flow» angelegt. Das bedeutet, dass ein Mitarbeiter eine Nähmaschine über mehrere Stationen begleitet.
Die von der BDP Thurgau organisierte Besichtigung stiess auf grosses Interesse. Die zahlreich erschienenen Besucher hörten gespannt den Ausführungen zur Geschichte des Unternehmens zu, das sich zu hundert Prozent in Familienhand befindet. In den 1960- und 70er-Jahren wurden mit dem Modell 830 Spitzenproduktionen von knapp 1000 Maschinen pro Tag erreicht. Die OLMA bescherte Traumumsätze von bis zu 100 verkauften Maschinen pro Tag. In dieser Zeit wurde die Firma von einer Frau geführt, Odette Ueltschi-Gegauf, der Mutter des heutigen Inhabers, Hanspeter Ueltschi. Ihre umsichtige, menschliche und professionelle Art ist den langjährigen Mitarbeitenden noch gut in Erinnerung. Es war der Anfang des bis heute anhaltenden Fami-lienfeelings der Belegschaft. Die stetige Weiterentwicklung und Anpassung an die Marktbedürfnisse sind weitere Erfolgsfaktoren des Unternehmens. Als Unternehmen mit dominantem Exportanteil wird Bernina seit Jahren von der Franken-Aufwertung belastet, nicht erst seit dem Entscheid der Nationalbank, den Euromindestkurs aufzugeben. Die Verantwortlichen begegnen der Herausforderung mit verschiedenen Massnahmen und Strategien: Effizienzsteigerung, Weiterentwicklung des Kerngeschäfts Näh- und Stickmaschinen, Investitionen in neue Produkte und Fertigungstechnologien und Erschliessung neuer Märkte, aktuell zum Beispiel den so genannten Prosumer- Bereich. Damit sind Personen gemeint, die professionell nähen und deshalb andere Ansprüche an die Maschinen stellen als Hobby-näherinnen. Das neueste Produkt durfte dann im Creative Center gleich ausprobiert werden: die Langarmmaschine. Sie löste grosses Erstaunen aus, bewegt man doch die Maschine und nicht den Stoff. Geführt mit beiden Händen, schwebt die Maschine geradezu mühelos über meterlange Steppdecken und näht im Gleichklang mit Bewegung und Geschwindigkeit der Näherin.
Beim anschliessenden Apéro entwickelten sich angeregte Gespräche mit den Nationalratskandidierenden Karin Peter Kis, Markus Berner, Martin Huber und Andreas Guhl. Von aktiven und ehemaligen Bernina-Mitarbeiterinnen wurde dabei betont, wie wichtig die familienergänzende Betreuung für ihre Berufstätigkeit sei. So sei man früher um die firmeneigene, professionell betriebene Kinderkrippe froh gewesen, auch wenn die Verwandtschaft einen Teil der Betreuung übernahm. Das aus der Bernina-Krippe hervorgegangene Chinderhuus in Steckborn wird seit etwa 20 Jahren als Verein betrieben und trägt wesentlich zum Standortvorteil der Gemeinde bei. Die heutigen Mütter können sich eine Berufstätigkeit ohne Kinderbetreuungsangebot gar nicht vorstellen und wünschen sich Tagesschulen. Bei Bernina gelten flexible Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle für Frauen und Männer. Rekrutiert wird nach Fähigkeitskriterien im In- und Ausland. Als Wunsch an die Politik werden eine nicht zu rigide Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative und Bemühungen für den Erhalt von Arbeitsplätzen genannt.


Karin Peter Kis




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