Ausgabe Nummer 21 (2005)
Der Gemüse- und Beerenbau am Ausgangspunkt der Zukunft
Schwerpunkt: Spezialkulturen mit Zukunft
Der Gemüse- und Beerenbau am Ausgangspunkt der Zukunft
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1. Die Produktion beginnt am Markt
Der Gemüse- und Beerenbau war schon immer etwas «Spezielles» innerhalb der Landwirtschaft.
In den letzten 25 Jahren hat sich der Gemüsebau in der Region (TG/SH) stark gewandelt. So beim Verarbeitungsgemüse hat sich die Fläche von über 1000 ha, (25% CH-Anteil) auf heute noch 420 ha (15% CH-Anteil) reduziert. Beim Frischgemüse veränderte sich die Fläche von 250 ha, (4% Marktanteil) auf 1160 ha (12% CH-Marktanteil). In dieser Zeit wurden rund 15 ha Glas- und Hochfoliengewächshäuser erstellt.
Der Beerenbau mauserte sich in dieser Zeitspanne vom Nobody zur Nr. 1 des CH-Beerenbaues mit heute einer Hochfoliengewächshausfläche von über 11 ha und 25 ha unter «Regenschirmen».
Dass heute der Gemüse- und Beerenbau im Thurgau und im angrenzenden Kanton Schaffhausen in den Bereichen Betriebs- und Vermarktungsstrukturen, Technik und Innovation, Bildung und Beratung sowie Marktstellung innerhalb der Schweiz die heutige Stellung erreicht hat, ist ein Verdienst der Vorstände VTB, GVTS und der Produzenten in Zusammenarbeit mit der Fachstelle Gemüse- und Beerenbau am LBBZ Arenenberg.
Hohe Investitionen wurden in den letzten 25 Jahren in Gewächshäuser, Betriebsgebäude zur Ernteaufbereitung, Qualitätssicherung (Lager), Logistik, Technik und Bewässerung gemacht.
In den letzten zehn Jahren wurden rund eine halbe Million Franken in Versuche von Seiten der Produzenten investiert (Nützlingseinsatz im Gewächshaus, Förderung der Chicoreê-Wurzelproduktion und Treiberei sowie Qualitäts- und Ertragssteigerung sowie Arbeitskostensenkung bei Tomaten). Die Interreg-Projekte werden vom Kanton, dem Bund und der EU finanziert. Die Federführung aller Projekte liegen bei der FSGB am Arenenberg.
1985 wurde das mit den Vorständen GVTS, VTB und der FSGB entwickelte «Stützpunktleitbetriebskonzept» für Gemüse und Beeren eingeleitet, das bis heute ein wichtiger Eckpfeiler der Vermarktung und Produktion ist. Ziel des Konzeptes ist die Sichtbarmachung und Konzentration der Produktion und des Angebotes.
Die Marke «Thurgauer» für Beeren hat heute einen hohen Stellenwert auf dem Schweizer Markt. 1998 wurde die Marke «Bodensee» für Gemüse lanciert.
Da der Gemüse- und Beerenbau sehr arbeitsintensive Produktionssparten sind, ist die Beschaffung von Arbeitskräften ein wichtiges Thema. Der Nachwuchsförderung wird einen hohen Stellenwert eingeräumt. Die Stütze bildet das LBBZ Arenenberg mit dem Wahlfach Gemüse und Beeren in der landwirtschaftlichen Grundausbildung, der Modularen Weiterbildung auf Betriebsleiterstufe (Freilandgemüse, Glasgemüse, Verarbeitungsgemüse, Erwerbsmässiger Beerenbau), das Ausbildungskonzept Anlehre (BBZ Weinfelden) sowie das Praktikanten-Projekt (Odessa), aus dem jetzt gute Arbeiter und Führungskräfte rekrutiert werden.

2. Am Wendepunkt
A. Der Markt
Das Produktionsgebiet TG/SH ist für Beeren und Gemüse auf Export nach St. Gallen / Graubünden, Zürich-Bern-Genf, Zentralschweiz, Tessin und Basel ausgerichtet. Über 75% der Produktion verlassen den Produktionsstandort. Rund 70% der Produkte gehen zu Migros und Coop 15% zu weiteren Detaillisten und rund 15% zu Händlern.
Die gemüsebaulichen Stützpunktleitbetriebe haben es in den letzten Jahren nicht geschafft, sich auf ihre Marke «Bodensee» zu einigen und eine Verkaufsplattform gegenüber Migros und Coop zu schaffen.
Im Beerenbau ist das Kunststück der Plattformbildung für die Grossverteiler gelungen mit dem gemeinsamen Auftritt «Thurgauer».
Durch die «Mikronisierung» des CH-Marktes der Migros mit ihrem «AdR» Programm (Culinarium) müssen neue Absatz- und somit neue Anbaustrategien entwickelt und umgesetzt werden. Dasselbe gilt für Coop, welche schweizweit unter «Suisse Garantie» ihre Produkte beschaffen will. Generell ist ein verstärkter regionaler Kampf um Marktanteile festzustellen, und das bei einem gesättigten Markt. Die neue Ausgangslage auf dem Markt verlangt ein Umdenken und Umstrukturieren der Produktion.
B. Die Produktion
Ein junges, aufstrebendes Produktionsgebiet mit grossen Resourcen an gesunden Böden, gutem Wasser, idealem Klima, gut ausgebildeten Produzenten mit technisch hochstehenden Betrieben mit leistungs-fähigen Logistikstrukturen braucht Vermarktungsplattformen im Gebiet (Bündelung der Stützpunktleitbetriebe), oder es muss sich zu einem reinen Rohstofflieferanten durchmausern, ohne gross direkt den Markt beeinflussen zu können.
Was heisst das für die Organisation?
Ein Produktionsgebiet, das sich zukunfts-trächtig entwickeln will, muss folgende Ziele anstreben:
1. Regionale Anbauplanung / Marktpräsenz
2. Kostengünstige Produktion, geeignete Lagerung
3. Regionaler Warenumschlag, leistungsfähige Logistik
4. Kompatibles, leistungsfähiges Informations- und Vermarktungssystem
5. Gute Zusammenarbeit mit Forschung und Ausnützung deren Ergebnisse.
Was heisst das für den Betrieb?
1. Mehr Produktivität, mehr Professionalität über Spezialisierung auf wenige Produkte, überbetriebliche Zusammenarbeit, Senkung der Produktionskosten.
2. Mehr Markt, über kontinuierliches Angebot über eine möglichst lange Zeit, hohe Lieferbereitschaft, Transparenz im Angebot und im Preis sowie marktgerechte Aufmachung.
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Sensorgerät zur Optimierung des Haus-klimas und zur Feststellung von Krankheiten und Schädlingen |
3. Die Neuausrichtung
Im Beerenbau haben sich die Stützpunktleitbetriebe zu je einer Vermarktungsplattform gegenüber Migros und Coop zusammengeschlossen.
Die Produktion muss sich, wo sinnvoll, vermehrt auf «wettersichere Produktionsmethoden» umstellen. Die Produktionseinheiten müssen sich je nach Beerenart auf eine halbe bis eine Hektar vergrössern bei stabil bleibenden regionalen Flächen (weniger Produzenten, grössere Flächen).
Im Freilandgemüsebau muss spezialisiert werden über Technik und Arbeitsabläufe auf weniger Kulturen pro Betrieb, überbetriebliche Zusammenarbeit. Austausch von Land muss das Ziel sein. (Ein Traktor sollte mehr als 2000 Arbeitsstunden pro Jahr Leistung erbringen).
Der geschützte Anbau unter Glas und Hochfolien hat die grösste Zukunftschancen, da die Gewächshauskosten in ganz Europa in etwa gleich hoch sind (+/- 10%). Auch der Arbeitsaufwand pro Kultur ist für Produzenten etwa gleich hoch (Löhne steigen im Ausland schneller als bei uns). Im Thurgau gibt es für die nächs-ten 2 5 Jahre Gewächshausbau-Projektvorhaben von rund 15 ha (rund 23 Mio. Franken Investitionsvolumen) und zur Feststellung von Krankheiten und Schädlingen.
Um auf die Zukunft zu bauen, braucht es Mut und Unternehmergeist. Es braucht aber auch viel Mut aufzuhören.
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Die Zeiten sind immer schwierig, um Neues anzufangen und umzusetzen. Die Probleme sind da, um gelöst zu werden.
Im Beeren- wie auch im Gemüsebau gibt es immer mehr reine Haupterwerbsbetriebe. Kleinere Betriebe werden Mühe haben, erfolgreich voranzukommen.



