Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. April 2018


Der Ostschweizer Marroni-Bauer

Ausgabe Nummer 33 (2016)

Ende Januar hat der Goldacher Gemüseproduzent Filipp Fässler auf seinem Land in Rorschacherberg 150 Marronibäume gepflanzt. Er ist damit der Einzige, der in der Ostschweiz kommerziell in diese Nische einsteigt.

Als Filipp Fässler seine Marronibäume in Rorschacherberg sieht, sagt er spontan: «Die haben sich prächtig entwickelt. Ich bin zufrieden. Das könnte herrliche Bäume geben.» Neben ihm steht Richard Hollenstein von der Fachstelle Obstbau des Landwirtschaftlichen Zentrums St. Gallen. Er bestätigt diese Beobachtung. «Der Anschnitt des Baumes ist gelungen. Die Austriebe lassen vermuten, dass sich daraus ein Baum mit einer schönen Krone entwickeln wird.»

Profitdenken fehl am Platz
Filipp Fässler ist mit seiner Plantage in ein Pilotprojekt gestartet, dessen Ausgang er nicht voraussehen kann. Er weiss vor allem, dass er viel Geduld aufbringen muss. «Geht alles gut, dürften in zwei bis drei Jahren die ersten Marroni reif sein», sagt er. «Bis aber eine richtige Ernte möglich ist, werden bis zu zehn Jahre vergehen.»
Das bedeutet gleichzeitig, dass Profitdenken fehl am Platz ist. Auch für konkrete Projekte ist es noch zu früh. Trotzdem: Sollte seine Nischenproduktion erfolgreich sein, so stehen dem Landwirt verschiedene Möglichkeiten offen.
Eine davon ist, dass er die Marroni veredelt und daraus zum Beispiel ein hochwertiges Öl pressen lässt, wie das bei anderen Feldfrüchten geschieht. Er spricht von einem regionalen Marronibier oder einem Marronifest mit einheimischen Marroni.
Möglich ist aber auch, dass er einspringen kann, wenn die Marroni aus dem Süden an Krankheiten leiden und rar werden, wie das schon der Fall war. «Egal welche Verwertung es sein wird. Wichtig ist, dass sich die Wertschöpfung für alle Beteiligten erhöhen und vor allem in der Region bleiben wird.»

Alte Bäume gefunden
Doch was führt einen Landwirt dazu, in eher kühlerem Klima Bäume anzupflanzen, die Wärme brauchen? Der Grund liegt ganz nahe. «Überall in der Ostschweiz gibt es vereinzelt Marronibäume», erzählt Fässler. «In einem nahen Wald stehen sogar uralte Exemplare, die bis heute überlebt haben. Deshalb fand ich, dass so eine Kultur erfolgreich sein könnte.»
Mit seiner Idee gelangte er für die fachliche Unterstützung ans landwirtschaftliche Zentrum St. Gallen in Flawil, konkret an den zuständigen Berater Richard Hollenstein und stiess auf offene Ohren. Denn dieser weiss und freut sich, dass sich viele Produzenten mit solchen Nischen auseinandersetzen.

Schon vieles ausprobiert
Filipp Fässler liess sich schon immer von neuen Ideen begeistern. Die einen waren erfolgreich, andere musste er wieder aufgeben. Vor 30 Jahren gehörte er zu den ersten, die Nüsslisalat und Radieschen während des ganzen Sommers sowie Stangenbohnen im grossen Stil anpflanzten und damit lange Zeit ein Auskommen erwirtschaften konnten. Zudem zog er jahrzehntelang über den Winter energiefrei junge Salatpflanzen auf, was er aus alten deutschen Büchern erfahren hatte. Melonen, Peperoni und Peperoncini musste er allerdings wieder fallen lassen.

Wärme vom Bodensee
«Die Lage der Plantage ist ideal für die Marronibäume », erklärt Hollenstein. «Die Wärme des nahen Bodensees ermöglicht das Klima, das die Bäume benötigen. Unterstützend ist auch der berühmte Rheintalfön, der mit seinen Ausläufern bis auf die Plantage gelangt.»
Klar wurde auch, dass es eine sogenannte Halbstammkultur sein sollte, die Bäume also nicht allzu gross werden. Bei der Wahl der Sorten musste er darauf achten, dass zwei angebaut werden, um die Befruchtung sicherzustellen. «Die Marroni sind Fremdbefruchter, deshalb sind zwei Sorten nötig. Wir bekamen Marigoule und Marsol.» Der nächste Schritt wird sein, die Bäume mit den geeigneten Massnahmen gegen Schädlinge zu schützen.

Öffentlichkeit informieren
Gelingt das Projekt, so will Filipp Fässler mit seinen Marroni nicht Importprodukte konkurrenzieren. Mit jenen Preisen kann er nicht mithalten. Aber er hat andere Anliegen. «Wir Landwirte müssen immer wieder neue Ideen angehen, auch wenn sie nicht auf Anhieb erfolgreich sein sollten», betont er. «Im Vordergrund steht, dass wir so viele Produkte wie möglich in der eigenen Region herstellen und konsumieren. Solche Kulturen sind eine gute Möglichkeit dazu. Mir macht es auf jeden Fall Freude, Neues auszuprobieren, dazuzulernen und ein solches Projekt hautnah mitzuerleben.”
Ebenso wichtig ist ihm die Information an die Öffentlichkeit. Denn er geht davon aus, dass gut informierte Konsumenten auch einen höheren Preis akzeptieren werden. Deshalb lädt er immer wieder zu Veranstaltungen ein. Zudem stehen die Bäume gut sichtbar an einer häufig befahrenen Strasse. Er möchte aber auch andere Landwirte ermuntern, die vielleicht irgendwo auf ihren Betrieben ein windgeschütztes Plätzchen haben und einen Marroniversuch starten könnten.


Martin Brunner
www.lid.ch







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