Ausgabe Nummer 38 (2010)
Der Verband Thurgauer Landwirtschaft feiert seinen 175. Geburtstag
Das Jubiläum 175 Jahre Verband Thurgauer Landwirtschaft wird ohne grosse Feiern erfolgen. In der Landwirtschaft herrsche seit jeher zu viel Panik. Doch konnten die Probleme immer wieder gelöst werden, erinnert sich Ehrenpräsident Paul Rutishauser, Götighofen.
Seit 1970 gehörte der heutige Ehrenpräsident Paul Rutishauser, alt Nationalrat und Meisterlandwirt aus Götighofen, dem Vorstand des Verbands Thurgauer Landwirtschaft (VTL) an. Von 1977 bis 1993 leitete er den Verband als Präsident. Im Kanton Thurgau hielt er im Bauernverband alle leitenden Ämter inne. Aber auch im Schweizerischen Obstverband, dem leitenden Ausschuss des Schweizerischen Bauernverbandes, fanden seine Worte Gehör. Von 1977 bis 1985 war er Präsident der «SVP-Thurgau»/Bauern und Mittelstandpartei». Rutishauser gehörte seit 1979 bis 1995 dem Nationalrat an. Als aktiver Meisterlandwirt und Pflanzenschutzberater im Thurgau konnte er auf eine langjährige Erfahrung zurückgreifen.
Es herrschte zuviel Panikstimmung
«So lange ich im Bauernverband mitarbeitete, stellte ich immer wieder fest, dass von Zeit zu Zeit eine Panikstimmung herrschte. Dabei fehlte fast immer eine gewisse Gelassenheit», sagt Rutishauser. Im Nachhinein habe man immer wieder festgestellt, dass die Probleme gar nicht so gravierend waren, wie sie eingeschätzt wurden. Im Jahre 1947 herrschte eine Katastrophenstimmung wegen der Maienkäferplage und Engerlingsschäden. 1965 war Gelbrost das Thema, man glaubte, der Weizenanbau werde in der Schweiz verunmöglicht. Im Jahr 1990 folgte die Angst vor dem Gatt, 1992 die Angst vor dem EWR. 2000 und 2005 stand der Feuerbrand im Fokus, und 2009 die Krise in der Milchwirtschaft und das «Gspängst» um das Agrarfreihandelsabkommen mit der EU.
Probleme lassen sich lösen
Im Nachhinein stelle man immer wieder fest, dass man die Probleme mit Sachverstand und einer gesunden Solidarität lösen könne. So habe er an einer Neujahrsansprache im Jahr 1995 gesagt, dass ein Rückblick und ein Ausblick bestätige, dass die Bauern in einer bewegten Zeit des Umbruchs leben. Die Landwirtschaft, stosse mit ihren produzierten Gütern an die Absatzgrenzen. Gejammert wurde, dass sich die Produktionspreise nach unten bewegen und das Kostenumfeld zu hoch sei. Verlangt wurde auch eine umweltfreundliche, tierschonende Produktion. «Die gesetzlichen Grundlagen für unsere Agrarwirtschaft müssen den veränderten Verhältnissen angepasst werden, » sagte Rutishauser bereits im Jahr 1995. Er fordert seine Berufskollegen auf, die Entwicklung in der Landwirtschaft genau zu beobachten und entsprechende Massnahmen zu ergreifen.
Das Land braucht mehr Spezialisten
Rutishauser bekräftigt, dass es heute weniger Generalisten als vielmehr Spezialisten und Unternehmer brauche, die weitsichtig planen können. Der wirtschaftliche Druck zwang zu dieser Spezialisierung. «Zur Zeit, als ich die Meisterprüfung absolvierte, wurde ich als Obst- und Rebbauer auch im Acker- und Waldbau sowie in der Vieh- und Schweinehaltung geprüft. Das breite Fachwissen ist den Bauern abhanden gekommen», so Rutishauser.
Verband Thurgauer Landwirtschaft auf gutem Weg
Die Bauernverbände müssen noch vermehrt die einzelnen Spezialinteressen ihrer Mitglieder unter einen Hut bringen. Der Verband Thurgauer Landwirtschaft hat mit der Reorganisation dieser Forderung Rechnung getragen. Sorgen bereiten Paul Rutishauser die Direktzahlungen: «Vor 20 Jahren habe ich gesagt, dass es nicht soweit kommen darf, dass der Berater vorausläuft, der Bauer die Kosten für die drei Personen hat und diese auch übernehmen muss», so Rutishauser. Eine Überarbeitung des Systems ist in Vorbereitung und notwendig. Richtig findet der Ehrenpräsident, dass die Produktion Mit der Wanderausstellung wird die 175-jährige Geschichte des Thurgauer Bauernverbandes vorgestellt. (tos) 13 von Nahrungsmitteln, respektive die Aufrechterhaltung der Produktionskapazität, besser belohnt werden. Dringend sei aber auch eine Vereinfachung der Kontrolle und die Senkung des administrativen Aufwandes der Branche. Wie der Ehrenpräsident erklärt, wird bewusst auf grosse Feierlichkeiten zum 175-Jahr-Jubiläum verzichtet. Er bekräftig auch, dass er die Landwirtschaftspolitik genau verfolge, sich aber nicht mehr einmische. Mit einer Wanderausstellung, die im ganzen Kanton gezeigt wird, will man die Konsumentinnen und Konsumenten über die heutige Landwirtschaft und deren Probleme informieren. «Durch die immer kleinere Zahl von Bauern haben wir am politischen Einfluss verloren, darum sind wir auf einen gewissen Goodwill der übrigen Bevölkerung angewiesen.»
Mario Tosato
