Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
20. April 2018


Der verdrängte Rothirsch kehrt zurück

Ausgabe Nummer 18 (2015)

Jahresversammlung der Forstrevierkörperschaft Fischingen

Nachdem der Rothirsch seit Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet war, leben heute wieder 33 000 Exemplare in unseren Alpen, Voralpen und dem Jura. Im Thurgau sind es ungefähr 20, fast ausschliesslich im Hinterthurgau.

Der Kanton Thurgau sei nie ein typisches Hirschgebiet gewesen, sagte Roman Kistler, Amtsleiter Jagd- und Fischereiverwaltung anlässlich der Versammlung der Forstrevierkörperschaft Fischingen, am vergangenen Freitagabend. Auch wenn Beobachtungen in den Sechzigerjahren und Anfang der Achtzigerjahre auf dem Seerücken, im Raum Diessenhofen und im Güttingerwald auf eine kleine Population von Rothirschen hinwiesen, sei heute das aktuelle Verbreitungsgebiet südlich der A1, also des Hinterthurgaus. Dies bestätigen auch Beobachtungen der Revierförster und Waldbesitzer, die in den vergangenen Jahren zunehmend Bissschäden an Bäumen feststellen. Dies erstaune nicht, sagte Kistler. Denn ein Rothirsch sei ein Pflanzenfresser und brauche je nach Qualität zwischen 8 und 20 Kilo frische Nahrung mit einem grossen Anteil an Gräsern und Kräutern. Dabei findet Kistler es besonders wichtig, dunkle, dichte Wälder auszulichten. «In lichten, hellen Wäldern wächst auf dem Untergrund viel Futter für die Rothirsche, das ihnen behagt und sie das Verbeissen von Bäumen vergessen lässt», sagte Kistler engagiert. Zudem findet er es wichtig, dass Waldbesitzer die Hirsche, besonders im Winter, während den sieben bis neun Äsungsperioden pro Tag nicht stören und sie in Ruhe fressen lassen. In lichten Wäldern hätten die Tiere auch bessere Möglichkeiten, aus dem Wald herauszutreten und sich an Waldrändern sattzufressen. So können vermehrt Schäden vermieden werden.

Mit der Population steigt auch der Abschuss
Trotzdem kann sich Kistler vorstellen, dass Rothirsche in Zukunft intensiver bejagt werden müssen. Er vermutet, dass mehr weibliche Tiere zum Abschuss freigegeben werden, um den Hirschbestand von heute 33 000 Tieren schweizweit nicht weiter ansteigen zu lassen. Im Jahr 1970 ging man noch von 12 000 Rothirschen aus. Da diese Tiere extrem lernfähig seien und sich schnell dem Jagddruck entziehen, werde das Bejagen schwierig. Im Bündnerland habe man festgestellt, dass sich Hirsche während der Jagd rasch ins Gebiet des Nationalparks zurückgezogen hätten. Mit der zunehmenden Population der Hirsche seien auch die Abschüsse gestiegen. Von den rund 10 000 Rothirschen, die im Jahr 2012 geschossen wurden, lebten 80 Prozent in den Kantonen Graubünden, Tessin und Wallis. Im Thurgau wurden in den vergangenen Jahren ungefähr vier bis fünf Hirsche geschossen, bei einer ungefähren Population von 20. Der Bestand nehme aber klar zu. Da Hirsche in kurzer Zeit sehr grosse Distanzen bewältigen, wisse man nicht genau, wo sich beispielsweise die Hinterthurgauer Hirsche im Sommer befinden. Im Kanton St. Gallen laufe ein Projekt mit einer Besenderung der Rothirsche, dadurch erhoffe man sich mehr Informationen. Die Frage nach einer möglichen Entschädigung für die Waldbesitzer bei starkem Verbiss und Schälschäden beantwortete Kistler positiv.


Ruth Bossert










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