Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
14. September 2018


Der Weg vom Feld auf den Tisch ist weit

Ausgabe Nummer 27 (2016)

Über 120 Schul- und Kindergartenkinder der Gemeinde Wagenhausen-Kaltenbach erlebten eine Woche lang, was es alles braucht, um Lebensmittel vom Feld und Hof auf den Tisch zu bringen. Im gross angelegten Projekt arbeiteten zehn Bauernfamilien und die Lehrpersonen intensiv Hand in Hand. Sie zeigten den Kindern facettenreich auf, wie viel Arbeit und Leistung in Lebensmitteln steckt. Am Examensamstag präsentierten die Schülerinnen und Schüler ihren Angehörigen, was sie gelernt hatten und verwöhnten sie mit einem vielseitigen Buffet aus Eigenproduktion.

«Wir haben alles selber produziert», erklärte Maël am Samstag nach der Buffeteröffnung stolz, «sonst müsste man das alles kaufen!» Und nicht nur der Viertklässler war begeistert vom äusserst reichhaltigen Angebot des Zmorgeangebots – auch die Familien staunten darüber. In der Remise des Rheinklingener Landwirts Daniel Vetterli bog sich ein grosser Brückenwagen schier unter dem Gewicht der Frühstücksköstlichkeiten. Von Zopf und Brot über Butterschäfchen, Käse sowie Konfitüre bis zur Bemalung der Eier hatten die rund 120 Kinder aus Schule und Kindergarten alles eigenhändig fabriziert. Eigentlich, meinte Maël rückblickend, wäre er während der Projektwoche zunächst am liebsten beim Medienteam mit dabei gewesen. Doch dieses war älteren Schülern vorbehalten. Sein Alternativprogramm hatte ihm aber ausserordentlich Spass gemacht. Er konnte beim Imker erleben, wie Honig vom Bienenhaus über die Zentrifuge ins Glas gelangt. Und auch rund um die Kuh als Nutztier lernte Maël viel. Besonders faszinierte ihn das automatisierte Aufbereiten der Futtermischung für das Vieh. Dass die viel fettreichere Rohmilch feiner schmeckt als die aus dem Tetrapack, fand er ebenfalls spannend. Eindeutig der Hit war jedoch das Schlafen im Stroh.

Wie echte Journalisten
Sechstklässler Alessio war einer der Schülerinnen und Schüler, die alle Workshops begleiteten und für interessierte Angehörige sowie Medien dokumentierten. «Ich schreibe und fotografiere sehr gern», erklärt Alessio seine Wahl, im Medienteam mitzumachen. Die Auswertung der gemachten Fotos und Notizen hatte eine grosse Arbeit bedeutet. Doch, erklärte der junge Reporter, das Team sei gut mit der Zeit zurechtgekommen. Zu jedem Workshop stellte die Gruppe thementypische Fotos zusammen und gestaltete damit jeweils ein Poster. Diese Zeugen einer überaus reichhaltigen Zeit schmückten am Examen eine Wand der festlich dekorierten Remise. Mit Freude erklärten die Kinder ihren Familien anhand der Plakate, was auf den Bildern zu sehen war und was sie selber erlebt hatten.
Jeder Workshop wurde zudem vom Medienteam ausführlich betextet und bebildert und in einer hervorragenden Medienmappe präsentiert. Persönlich besonders beeindruckt hatten Alessio Experimente, die rund um das Ei gemacht wurden und der grosse Aufwand, den es braucht, um Butter herzustellen. Wer einmal ein Gläschen mit Rahm so lange geschüttelt hat, bis sich ein Butterklumpen bildet, hat mehr Respekt vor diesem Lebensmittel.

So viele Schritte sind nötig
Respekt vor der Nahrung, genau darum ging es in der Projektwoche «Bauernhof» der Schule Wagenhausen- Kaltenbach. Vom Kindergärtler bis zur Sechstklässlerin erlebten die Kinder eine Woche lang auf zehn Bauernhöfen der Region vieles zum Prozess «Vom Feld und Hof uf de Tisch». So schnitten die Kinder zum Beispiel mit dem Bauer Gras für die Kühe, fütterten das Vieh, waren beim Melken dabei und stellten nachher mit der Bäuerin verschiedene Milchprodukte her. Oder sie lernten Getreidesorten kennen. Auf dem Feld stellten sie dann fest, dass eine Dinkelpflanze hochgewachsen ist, gar grösser als die Lehrerin und aus einem Korn mehrere Halme spriessen. Sie zählten auch akribisch, wie viele Körner eine Ähre enthält. Später buken sie Brot und lernten «zöpfle». Erdbeeren durften natürlich nicht nur für Konfitüre gepflückt, sondern auch genascht werden. Die Wolle eines frisch geschorenen Schafs wurde gewaschen und verfilzt, andere versponnen und verstrickt.

Mehr Wertschätzung fürs Essen
Den Problembereich «Lebensmittelverschwendung» griff auch Festredner Markus Hausammann auf. Der Nationalrat und Präsident des Verbands Thurgauer Landwirtschaft prangerte an, dass ein Drittel aller Nahrung, die für die Schweizer Bevölkerung bestimmt sei, deren Teller gar nie erreiche. Die Hälfte dieser verlorenen Lebensmittel geht nicht einmal über den Ladentisch, etwa weil sie den überhöhten Ansprüchen von Händlern und Konsumenten nicht genügt. Die andere Hälfte verdirbt in den Privathaushalten. «Daran müssen wir arbeiten», erklärte Hausammann. «Bei uns sind die Lebensmittel zu billig. Die Schweizer geben nur etwa 7 bis 8 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus, weniger als die meisten Länder dieser Welt.» Die Lebensmittel hätten ihren Stellenwert verloren, monierte der Präsident der Thurgauer Bauern, man könne nicht frühzeitig genug anfangen aufzuzeigen, was es alles brauche, um Nahrung zu produzieren und auf den Teller zu bringen.

Dank und feierlicher Abschied
Anlässlich des eigentlichen Examensakts sangen die Kinder fröhliche wie auch tiefgründige Lieder, und die Sechstklässler wurden feierlich verabschiedet. Regierungsratspräsidentin Monika Knill gab ihnen persönliche Worte auf den Weg in die Oberstufe sowie eine Sonnenblume mit. Geehrt wurden auch Lehrpersonen: Die einen feierten ein Jubiläum, die anderen werden in Kürze die Schule verlassen. Schliesslich bedankten sich die Kinder mit selbstgebastelten Windspielen nochmals bei den gastgebenden Bauernfamilien.
Anlässlich der Eröffnung des Anlasses hatte Daniel Vetterli, der auch Schulpräsident und Schulleiter der Schule Wagenhausen-Kaltenbach ist, von Augenblicken gesprochen, die man am liebsten in einer kleinen Schachtel aufbewahren würde. Der harmonische, vielseitige Morgen voller Kreativität und Freude bot den rund 400 Anwesenden bestimmt manchen Moment, den sie nicht einem «Truckli», wohl aber im Herzen mit nach Hause tragen würden.


Sanna Bührer Winiger






















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