Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
21. September 2018


Der Weg zurück zur Natur

Ausgabe Nummer 47 (2015)

Der Auswanderer Ernst Götsch als Wegbereiter einer neuen Landwirtschaft in Brasilien

Er propagiert ein neues Verhältnis zur Natur und wird diesen Monat von der brasilianischen Zeitschrift «Trip» als Wegbereiter einer neuen Landwirtschaft gefeiert: Der Thurgauer Ernst Götsch hat auf seinem Land bewiesen, dass ohne Monokulturen mehr – und gesündere – Lebensmittel produziert werden können.

«Regnen», spötteln die Nachbarn, «regnen tut es hier nur auf die Fazenda des Schweizers ...»
1997 ergab sich für Ernst Götsch (Jg. 1948), aufgewachsen auf einem Bauernhof in Raperswilen TG, die Möglichkeit, mit seiner Familie eine abgewirtschaftete Farm im südlichen Bahia in Piraí do Norte in Brasilien zu übernehmen. Der Hofname war sozusagen schon die tragische Chronik des Hofes: «Fugidos da Terra Seca hiess er» – also «Flucht-vor-dem- Trockenboden.» Und er beschrieb damit gleich das Schicksal früherer Bauern auf dieser Fazenda. 480 Hektaren Land verbrannten Bodens fand Ernst Götsch vor, ruiniert durch Abholzung und ausgelaugt, einesteils durch permanenten Maniokanbau auf den Hügeln, andernteils durch eine Schweinezucht in den Niederungen, bei der das Weideland auf beiden Seiten der Strasse, die über den Hof führt, regelmäßig durch Flächenbrände abgefackelt wurde. Es wurde nach dem biblischen Prinzip «Macht euch die Erde untertan» gewirtschaftet. Die Kakao-Krise, bei der die sogenannte «Hexenbesen»- Pilzerkrankung die Früchte der Kakaobäume befiel und die ganzen Ernten zunichte machte, gab der Farm den Rest.
Nach seiner Ausbildung zum Agrartechniker hatte Götsch verschiedene Projekte zur Bodenverbesserung in der Nordschweiz und im süddeutschen Raum begleitet. Ab 1978 arbeitete er als Agrartechniker in Costa Rica und 1982 kam er nach Brasilien, um ebenfalls an Bodenverbesserungsprojekten auf Landwirtschaftsbetrieben zu arbeiten.
Götsch packte im Süden Bahias die Chance, sein Pionierprojekt, eine Landwirtschaft mit Schaffung eines natürlichen Klimas – und ohne Kunstdünger – zu praktizieren. Vor der Entdeckung Amerikas stand auf diesem Land der Küstenregenwald Mata Atlantica, welcher den Indianern einst alle Früchte und Pflanzen bescherte, die ihr Herz begehrte. Für Ernst Götsch, der seit frühester Jugend Freude am Wald hatte, gab es nur einen Weg: Den Weg zurück zur Natur.
Die bisherige Landwirtschaft durch Abholzung, Abbrennen und mit dem Versuch, alles aus dem Boden herauszuholen und diesem nichts zurückzugeben endete – nicht nur auf dieser Fazenda hier – in der Sackgasse und im Ruin.
Götsch als Waldgarten-Bauer sieht sich als Partner der Erde, im ewigen Kreislauf von Keimen, Reifen, Absterben, Vermodern – und zu neuem Leben werden. Er pflanzte als erstes wieder Bäume auf dem Ödland, liess auf und im Boden organisches Material zu natürlichem Dünger werden. Das System, das er propagiert, nennt er Syntropische Landwirtschaft oder Waldgartenlandwirtschaft; dieses arbeitet mit der Fermentierung von organischen Abfällen. Fermentation – ein mikrobiologischer Prozess – passiert überall auf unserem Planeten, bei passenden Bedingungen ohne menschliches Zutun.
Dabei werden Abfallstoffe aufgeschlossen und zu meist nützliche Stoffen ab- und umgebaut. Im Reifeprozess bauen bestimmte Mikroorganismen komplexe organische Moleküle in einfache organische und anorganische Substanzen ab. Diese können von wachsenden Pflanzen direkt aufgenommen werden. Der Erfolg gibt Agropionier Götsch recht: Innert der letzten gut dreissig Jahre ist auf dem ehemaligen Trockenboden ein Paradies entstanden. Ein Stück des ehemaligen atlantischen Regenwaldes ist wieder auferstanden. Selbst die einstmaligen tierischen Bewohner und die Pflanzen sind zurückgekehrt. Wasser aus 14 versiegten Quellen fliesst wieder. Die Pflanzung hat ihr eigenes Mikroklima, vielfach bis zu 5 Grad kühler als das Umland. Wohl darum haben die Nachbarn den Eindruck, es regne hier mehr als rundum. In den Tunnelbeeten zwischen den Bäumen gedeihen Kakao, Bananen, Maniok, Bohnen, Tomaten, Salate, Ananas, Papayas und Maracujas (Passionsfrucht).
Heute sind auf dem Hof in Piratí do Norte 410 Hektar aufgeforstet, 350 davon wurden in ein Biosphären Naturreservat ausgeschieden, auf 60 Hektaren werden Lebensmittel produziert. Ein ganz neues Kapitel in der Chronik dieses Hofes ist aufgeschlagen; er wird nun wieder Olho d’Agua (Wasserau) – wie einst im ganz alten Grundbuch – genannt.
Götsch zeigt heute seine erfolgreiche Technik zur Bodenrückgewinnung gerne anlässlich Kursen und Seminaren mit praktischen Demonstrationen in ganz Südamerika und in Europa. Auf seiner Website «Agenda Götsch» ist in Film-Dokumenten die wundersame Rückverwandlung von Brachland in einen artenreichen, blühenden Waldgarten mitzuerleben. Die verheerenden Folgen von Monokulturen können in Brasilien sozusagen «am toten Beispiel» beobachtet werden. Die Naturlandschaft des Cerrado wurde zu einer Sojaplantage soweit das Auge reicht. Und diese Monokulturen verlagern sich momentan immer mehr in den Norden und in den tropischen Regenwald. Bis 2020, rechnen Experten, wird noch das Fünffache der Fläche der Schweiz an Tropenwald und Savanne zur Schaffung von Sojafeldern verlorengehen. Die Grossgrundbesitzer planieren den von Natur aus nährstoffarmen Boden nach der Brandrodung maschinell und säen an. In den folgenden Jahren lassen sie die riesigen Flächen nicht pflügen, sondern verwenden Chemikalien, um das Unkraut zu vertilgen. Und gleich nach der Ernte kommen die großen Düngemaschinen zum Einsatz, um die ausgelaugten Böden für eine weitere Ernte aufzuputschen.
Die Entwaldung dieser Landstriche führt zu Erosionen und beeinträchtigt die natürlichen Feuchtgebiete. Die Kunstdünger und Pestizide vergiften die drei großen Flusssysteme Brasiliens: Amazonas, São Francisco und Rio Paraná.
Der damalige amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt mahnte schon 1937: «Eine Nation, die ihre Böden zerstört, zerstört sich selber.» Dem kann gewärtig nicht viel hinzugefügt werden. Ausser vielleicht was Ernst Götsch sagt: «Wir denken wir seien intelligent; aber wir sind wohl die einzige Spezies, die daran ist, sich das eigene Grab zu schaufeln.»


Karl Horat, Brasilien










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