Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
19. Januar 2018


Der Zug kommt ins Rollen

Ausgabe Nummer 51 (2016)

Antibiotikaresistente Bakterien müssen reduziert werden, weil sie Mensch und Tier bedrohen, sagt Roger Stephan, Direktor Institut für Lebensmittelsicherheit und -hygiene der Universität Zürich. Er spricht beim Agrarzyklus in Weinfelden.

In der Schweiz sterben jedes Jahr Menschen, weil wirksame Antibiotika fehlen. Seit einem Jahr ist die Nationale Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) des Bundes in Kraft. Was will die Strategie überhaupt?
Roger Stephan: Einfach zusammenfasst geht es um zwei Hauptstossrichtungen:
a) die Anwendung von Antibiotika zu reduzieren, bei Anwendung möglichst zielgerichtet und faktenbasiert vorzugehen und
b) die Ausbreitung von resistenten Bakterien (auch in die Umwelt) zu minimieren. Dies soll mit gemeinsamen Anstrengungen der Human- und Veterinärmedizin zur Erreichung eines Zieles führen, nämlich der Reduktion antibiotikaresistenter Bakterien, die schlussendlich Mensch und Tier bedrohen.

Wie sieht die Bilanz nach einem Jahr aus?
Roger Stephan: Aus der Strategie werden mögliche und sinnvolle Massnahmen abgeleitet. In gewissen Bereichen müssen aber zuerst weitere Datengrundlagen geschaffen werden. Dazu wurden im Rahmen eines nationalen Forschungsprogrammes Projekte bewilligt, die ab nächstem Jahr starten. Bildlich ausgedrückt: der Zug kommt nun ins Rollen.

Wie weit ist man mit der Datenerhebung? Kann eine schärfere Überwachung des Antibiotikaeinsatzes Lösungsansätze erbringen?
Roger Stephan: Alleine die Erhebung von Daten zur Situation ist noch keine Problemlösung. Aber sie ist zentral, da man nur über gute Kenntnisse der eigentlichen Situation, auch die Erfolge von Interventionsmassnahmen (und eben diese sollen ja durch die StAR Strategie erfolgen) messen und bewerten kann. Diese Überwachung wird weiter optimiert, sodass alle Daten zur Resistenzerhebung im Sinne eines «one health»-Ansatzes standardisiert und in einem Bericht zusammengefasst werden.

In der Humanmedizin nimmt der Verbrauch von Antibiotika weiter zu, in den vergangenen zehn Jahren hat er sich um einen Drittel erhöht. Weshalb ist das so?
Roger Stephan: Die Fortschritte in der Humanmedizin sind in grossen Schritten vorangegangen. Es sind heute Operationen und Behandlungen möglich, die es vor zehn Jahren nicht gegeben hat. Bei vielen dieser Behandlungen muss zwingend verhindert werden, dass es nach dem Eingriff oder der Behandlung zu einer Infektion kommen. Dafür braucht es den Einsatz von Antibiotika.

Kann es sein, dass sich mit der wachsenden Zahl der Resistenzen die Behandlungsdauer erhöht und der Patient immer länger und immer mehr Antibiotika braucht?
Roger Stephan: Ja, das ist genau so. Es sind ja nicht «nur» die Anzahl der Todesfälle, die durch antibiotikaresistente Bakterien zunehmen, sondern über alles gesehen auch die Behandlungstage, zum Beispiel in Spitälern (riesige Kostenfolgen). Es ist aber nicht so, dass dadurch grundsätzlich mehr Antibiotikum gebraucht würde, aber durch diese häufig multiresistenten Bakterien immer häufiger Reserveantibiotikas eingesetzt werden müssen. Dies stellt ein echtes Problem dar! Der häufigere Einsatz dieser Reserven führt in der Folge auch dazu, dass resistente Bakterien gegen diese letzten, wirksamen Antibiotikas selektioniert werden.

In den letzten Jahren sind infolge Kostendruck im Zuge sinkender Lebensmittelpreise die Tierzahlen in den Ställen gestiegen. Damit sind auch Krankheitsdruck und nötiger Medikamenteneinsatz gestiegen. Wie reagiert man dort auf die grosse Problematik?
Roger Stephan: Hier wird ganz klar viel mehr auf Massnahmen gesetzt, die dazu führen, dass die Tiere nicht erst krank werden. Dies ist zum Teil sehr einfach gesagt, in der Umsetzung aber deutlich schwieriger, da zum Teil ganze Produktionssysteme hinterfragt werden müssen. Mögliche Ansatzpunkte sind vielfältig: zum Beispiel vermehrtes Impfen, Tiere (z.B. Kälber) erst ab einem gewissen Alter in Mastbetrieben zusammenführen, wenn die Abwehrkräfte ausgebildet sind, und vieles mehr. Man muss sich aber bewusst sein, dass solche Massnahmen Geld kosten. Der Konsument, die Konsumentin sind damit auch in die Pflicht genommen und müssen auch bereit sein, Kosten zu übernehmen. Solche Lebensmittel werden teurer. Billigere Lebensmittel einfach im Ausland zu kaufen (wo solche Massnahmen nicht umgesetzt sind), ist keine Lösung.

Ging der Verbrauch von Antibiotika bei Tieren zurück?
Roger Stephan: Der Verkauf und damit auch der Verbrauch an Antibiotika bei Nutztieren ist in den letzten Jahren rückläufig, nicht unbedingt aber der Anteil von kritischen Antibiotikas (solche Wirkgruppen, die gerade auch in der Humanmedizin besondere Bedeutung haben).

Sie sagen, der Verbrauch sei noch immer zu hoch. Ist es denn so, dass Landwirte ihren Tieren Antibiotika verabreichen, auch wenn es aus medizinischen Gründen gar nicht notwendig ist?
Roger Stephan: Diese Aussage ist so generell sicherlich nicht haltbar. Unbestritten ist es aber so, dass es Verbesserungspotenzial hinsichtlich der Massnahmen gibt, die die Tiergesundheit stärken könnte, was schlussendlich nicht zum Einsatz von Antibiotika führen würde. Solche Massnahmen werden häufig auch unter dem Begriff Managementmassnahmen zusammengefasst. Was nicht sein darf ist, dass fehlende Managementmassnahmen durch Antibiotikagaben kompensiert werden. Hierzu laufen jetzt starke Bestrebungen, dass der Verbrauch von Antibiotika auf den Beständen erfasst und in einer zentralen Antibiotikadatenbank dokumentiert wird.
Damit besteht dann die Möglichkeit, spezifisch bei «Vielverbrauchern» zu intervenieren. Aus meiner Sicht, absolut der richtige Weg.

Heute müssen Antibiotika für Tiere vom Tierarzt verschrieben werden. Früher kauften sie die Bauern auf Vorrat. Weshalb greift die neue Regelung nicht?
Roger Stephan: Die Abgaberegeln für Antibiotika und für gewisse Antibiotikagruppen im Speziellen haben sich mit der neuen Tierarzneimittelverordnung geändert. Sie sind strikter geworden, was ich aus fachlicher Sicht absolut befürworte. Es ist auch nicht so, dass diese neuen Regelungen nicht greifen. Aber wie bei allem im Leben braucht es eine Anlaufphase, bis etwas Neues vollständig umgesetzt und implementiert ist.

Welche Bedeutung hat die Ausbreitung über die Lebensmittelkette?
Roger Stephan: Für gewisse antibiotikaresistente Bakterien (zum Beispiel ESBL-bildende Enterobacteriaceae) hat die Ausbreitung über die Lebensmittelkette (tierische aber auch pflanzliche Lebensmittel) eine besondere Bedeutung. Diese wurde in der Vergangenheit eher unterschätzt.

Was kann ich als Konsument und als Patient dagegen tun?
Roger Stephan: Im grundsätzlichen Umgang mit Lebensmitteln gelten die Massnahmen, die aktuell auch durch die Kampagne des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen verstärkt propagiert werden (sichergeniessen.ch). In Bezug auf antibiotikaresistente Bakterien sind es im Besonderen die Punkte: Rohe und erhitzte Lebensmittel trennen – Lebensmittel richtig erhitzen. Zudem muss ich als Konsument und als Konsumentin auch bereit sein, für Lebensmittel, die zum Beispiel in Systemen produziert wurden, die nachweislich den Einsatz von Antibiotika reduzieren können, etwas mehr zu bezahlen. Und als Patient: Ich muss mich an die Therapievorgaben (zum Beispiel über drei oder fünf Tage die Tabletten nehmen) des Arztes halten, darf aber auch einmal beim Arzt hinterfragen, ob es dafür nun wirklich Antibiotika braucht.


Interview: Ruth Bossert







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