Ausgabe Nummer 3 (2007)
Die Aufgaben von Veterinäramt und Kantonalem Labor
Fragen an den Kantonstierarzt (Paul Witzig) und den Kantonschemiker (Christoph Spinner)
Was ist grundsätzlich Ihre Tätigkeit im Bereich Lebensmittelqualität und -sicherheit? Wo und wie betrifft dies die Primärproduktion /Landwirtschaft?Witzig: Die Haupttätigkeit des Veterinäramtes liegt im Bereich der Primärproduktion, d.h. der Gewinnung der Lebensmittel tierischer Herkunft. Beim Fleisch umfasst dies den ganzen Schlachtprozess von der Anfuhr des Tieres bis zum Beginn der Zerlegung. Anfang Jahr erhielten wir zudem neu die Aufgabe der Inspektion der Milchgewinnung vom eben aufgelösten MIBD. Zusätzlich überwachen wir auch die Produktion von Eiern und Honig.
Qualitativ hochwertige und gesundheitlich unbedenkliche Lebensmittel lassen sich nur von Tieren gewinnen, welche gut, sauber und gesund gehalten werden. Deshalb stehen auch die Kontrollen der Einhaltung der Tierschutz-, Tierseuchen- und Heilmittelgesetzgebung in einem engen Zusammenhang mit der Überwachung der Primärproduktion.
Spinner: Das Kantonale Labor ist verantwortlich für die Kontrollen der Betriebe, die Lebensmittel herstellen, verkaufen oder damit handeln. Dazu machen wir Inspektionen in den Betrieben und wir untersuchen Proben in unseren Labors. Wir beschäftigen uns mehrheitlich mit Produkten, die an die Konsumentinnen und Konsumenten abgegeben werden.
Wo liegen heute die grössten Risiken in der Lebensmittelsicherheit? Wo ist die Landwirtschaft besonders betroffen? Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Produkten?
Spinner: Die grössten Gefahren für die Konsumentinnen und Konsumenten von Lebensmitteln liegen sicher im mikrobiologischen Verderb, das heisst also bei verdorbenen Lebensmitteln. Besonders gefährlich sind dabei Lebensmittel tierischer Herkunft. Die Landwirtschaft ist meistens nicht verantwortlich ? sie liefert gute Produkte, die auf dem Weg zum Konsumenten oder beim Konsumenten selber schlecht werden.
Witzig: Ein Risiko ist auch die Übertragung von Krankheiten vom Tier auf den Menschen, zum Beispiel Salmonellose über die Eier. Für die Beherrschung dieser Gefahr sind die Produzenten verantwortlich.
Welche die Landwirtschaft betreffenden Kontrollen führen Sie durch? Welche Mittel/ Instrumente stehen Ihnen zur Verfügung?
Witzig: Die blaue Kontrolle (amtstierärztliche Kontrolle von Klauentierhaltungen) erfasst integral alle Aspekte der Produktion von Lebensmitteln tierischer Herkunft wie Tierseuchen-, Tierarzneimittel- und Tierschutzvorschriften. Daneben stehen auch die Kontrollen des Milchinspektors und der Fleischinspektorin im Dienste der Lebensmittelproduktion.
Spinner: Wir sind nicht primär an Kontrollen direkt in der Landwirtschaft beteiligt. Wir führen aber die Buch- und Kellerkontrolle bei Eigenkeltern durch und sind zuständig für die Kontrolle der Direktvermarkter.
Neben Sicherheit ist Qualität das zweite aktuelle Schlagwort. Was speziell machen Sie zur Sicherstellung der Qualität? Wie wird zum Beispiel. sichergestellt, dass die Deklaration stimmt?
Spinner: Qualität ist eine schwierig messbare Grösse. Die Produktionsmethoden werden durch die Labelorganisationen geprüft. Was wir kontrollieren: Stimmts, was drauf steht? Wenn Bio drauf steht, muss auch Bio drin sein! Sonst wird der Konsument getäuscht.Auch die Angaben über Nährwerte oder Zutaten müssen selbstverständlich den Tatsachen entsprechen. Manchmal geht einfach etwas unter, manchmal wird vorsätzlich etwas verschwiegen. Lebensmittelqualität und Lebensmittelsicherheit müssen auseinandergehalten werden. Wir sind für die Lebensmittelsicherheit und für den Täuschungsschutz zuständig.
Witzig: Auch unsere Arbeit hat eigentlich nicht die Qualitätskontrolle zum Ziel. Am ehesten haben noch die Inspektion der Milchproduktionsbetriebe oder die Fleischkontrolle mit der Überwachung der Qualität zu tun, wo auch für den Menschen ungefährliche, aber zum Beispiel ekelerregende oder haltbarkeitsmindernde Mängel beanstandet werden können.
Zur Qualität gehört ja immer mehr auch die Produktionsweise (zum Beispiel Bio, Labelanforderungen)? Sind Sie in diesem Bereich auch tätig?
Spinner: Die Labelanforderungen werden von den Zertifizierungsorganisationen überprüft. Unsere Aufgabe ist zu kontrollieren, ob die Angaben, die zu den Lebensmitteln gemacht werden, auch den Tatsachen entsprechen.
Witzig: Auch wir überprüfen keine Labelanforderungen.
Was unternehmen Sie, wenn Sie etwas feststellen? Welche Massnahmen können/müssen getroffen werden? Welche Sanktionen sind möglich?
Spinner: Falls etwas nicht in Ordnung ist, beanstanden wir das und machen die Produzenten so auf den Mangel aufmerksam. Sie werden aufgefordert, Abhilfe zu schaffen. Falls die Produkte gesundheitsgefährdend sind, werden sie selbstverständlich sofort durch uns gestoppt. Wirkliche Sanktionen oder Strafen können wir hingegen nicht verhängen, dafür sind die Gerichte zuständig.
Witzig: Wir beanstanden ebenfalls und können, wie übrigens das Kantonale Labor auch, die Kosten für unseren Aufwand in Rechnung stellen. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Busse, sondern um eine Gebühr für unsere Aufwendungen.
Wo sehen Sie aktuell die grössten gesundheitlichen Risiken? Was trifft am ehesten ein? Stimmt die Wahrnehmung der Bevölkerung betreffend Risiken?
Spinner: Die grössten gesundheitlichen Risiken liegen eindeutig im Ernährungsverhalten der Bevölkerung. Wir essen zu viel, zu süss und zu fett. Am ehesten werden wir ganz einfach zu dick! Dagegen sind die sogenannten «Lebensmittelskandale » vielfach Themen, die von den Medien dankbar aufgegriffen werden, aber nicht die wirklichen Probleme in der Lebensmittelsicherheit darstellen.
Witzig: Erstaunlich ist, dass sich diese «Skandale» trotzdem so stark auf das Konsumverhalten auswirken.
Die Anpassungen an das EU-Recht sind ein wichtiges Thema. Können Sie etwas sagen zu den konkreten Auswirkungen in Ihrem Tätigkeitsbereich?
Witzig: Das EU-Recht wirkt sich auf sämtliche Bereiche des amtlichen Veterinärdienstes aus. Unzählige Anpassungen haben in der Regel zu einem höheren Aufwand, teilweise aber auch zur Reduktion von Aufgaben geführt.
Spinner: Diese Anpassungen haben auch für uns zu einigen neuen Aufgaben geführt.
Wie beurteilen Sie die Qualität von Importgütern?
Spinner: Man kann sicher nicht sagen, dass die Qualität von europäischen Produkten generell schlechter ist als die von Schweizer Produkten.
Witzig: Es gibt Unterschiede in den Produktionsweisen, zum Beispiel ist in Deutschland die Batteriehaltung von Legehennen immer noch möglich. Dies wirkt sich zwar nicht direkt auf die Qualität der Eier aus, aber Schweizer Produkte haben hier trotzdem einen Mehrwert.
Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht die Qualitätssicherung in der Landwirtschaft? Was ist aus Ihrer Sicht besonders wichtig? Wie beurteilen Sie die Situation im Vergleich zum Ausland?
Spinner: In der ganzen Lebensmittelkette «Vom Stall auf den Teller» ist die Qualitätssicherung und Selbstkontrolle ein wichtiger Bestandteil der Lebensmittelsicherheit. Nur so kann gewährleistet werden, dass einwandfreie Lebensmittel auf den Tisch der Konsumentinnen und Konsumenten gelangen. Allerdings funktioniert das nur, wenn alle Beteiligten die Selbstkontrolle und die Qualitätssicherung ernst nehmen. Dank vergleichbarer gesetzlicher Grundlagen in der Schweiz wie in Europa können da auch ausländische Produkte mithalten.
Witzig: Die Selbstkontrolle beginnt tatsächlich bereits im Stall, z.B. beim Führen des Behandlungsjournals, der monatlichen Aufzeichnung des Milchzellgehalts und bei der Deklaration des Gesundheitszustandes eines Tieres auf dem Begleitdokument. Solche Aufzeichnungen sind eine wichtige Grundlage für die Risikobeurteilung eines Betriebes.
Zum Schluss: Welche Empfehlung zur Sicherstellung der Lebensmittelsicherheit und der Qualität können /möchten Sie an unsere Bauern weitergeben?
Witzig: Wenn die Vorschriften befolgt werden, werden Schweizer Produkte immer konkurrenzfähig bleiben.
Spinner: Stimmt! Die Produkte der Schweizer Landwirtschaft sind erstklassig. Hier haben wir gemeinsam sehr viel erreicht. Darauf dürfen die Schweizer Bauern stolz sein!
BBZ Arenenberg

Sauberes Trinkwasser ist eine wichtige Voraussetzung für gesunde Tiere und qualitativ einwandfreie Milch.(zVg)
