Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Januar 2018


"Die Bilderbuch-Bauernfamilie gibt es nicht mehr"

Ausgabe Nummer 22 (2016)

Maja Grunder (44) wohnt mit ihrer Familie in der Mühle Entenschiess in Oberneunforn. Die ehemalige Gemeinderätin ist seit 2015 im Vorstand VTL und gibt den Frauen in der Landwirtschaft eine Stimme. Sie setzt sich dafür ein, dass Bauernfamilien auch künftig von ihrem Beruf leben können.

Grunders Hof liegt ausserhalb des Dorfes. Sie haben einen Milchwirtschaftsbetrieb mit über 20 Milchkühen und bauen auf den rund 23 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche zur Hälfte Zuckerrüben, Mais und Weizen an, der Rest sind Kunst- und Naturwiesen. «Da wir in einer Mühle wohnen (1⁄3 Wohnhaus, 2⁄3 Mühle), produzieren wir auch Backmehlsorten» erklärt Maja Grunder. «Wir bieten zurzeit etwa 25 verschiedene Mehlsorten an, darunter Weizen-, Dinkel- oder Roggenmehl, sowie verschiedene Mischungen. Jedes Jahr verarbeiten wir 140 Tonnen Getreide, ausschliesslich unser eigenes und solches aus der Region». Auch Lohnvermahlungen werden angenommen, so beispielsweise für die Kartause Ittingen, welche ihr Getreide bei Grunders verarbeiten lässt. Verkauft wird das Mehl im eigenen «Mühlilädeli », aber auch in Hofläden, Landigeschäften oder Volgläden in der Region.

Unterstützung durch Familie
Aufgewachsen ist Maja Grunder in einer Bauernfamilie in Ossingen. Bereits in der Schule hat sie ihren Mann Bruno (44) kennen und später auch lieben gelernt. Nach der Ausbildung zur Bäuerin stand bald einmal die Hochzeit an, heute zählt die Familie mit den Töchtern Sabrina (1997, in der Zweitausbildung zur Müllerin) und Daria (1999, im 2. KV-Lehrjahr) vier Personen. Damit die Arbeit etwas leichter von der Hand geht, helfen die Schwiegereltern tatkräftig mit, und zwei halbe Tage in der Woche auch die Schwägerin bei allen anfallenden Arbeiten. Politisch engagiert sich Maja Grunder als Mitglied der SVP, so ist sie kantonale Delegierte der SVP Iselisberg. «Mich hat die Politik schon immer sehr interessiert. Ich finde es wichtig, dass wir die Rechte wie Abstimmen und Wählen wahrnehmen». Seit jeher war es in ihrer Familie so, dass man am Sonntag zur Abstimmung ging. Das macht sie heute noch so. Wenn immer möglich, besucht sie auch Gemeinde-, Schul– oder Kirchversammlungen. «Andere beneiden uns um unser politisches System, und wir nehmen es viel zu wenig wahr», bedauert sie die Stimmfaulheit in der Schweiz.

Stimme für die Frauen
Acht Jahre war sie im Gemeinderat der politischen Gemeinde Neunforn. Dann wurde sie vom Vorstand des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft angefragt, ob sie nicht Interesse habe, Einsitz zu nehmen. «Das war für mich natürlich sehr spannend. Ich war vorher noch nie für einen Kantonalverband tätig. Mit dem Vorsitz bei den Frauen in der Landwirtschaft hatte ich aber bereits Kontakt zum VTL und war gerne bereit, mich dieser Herausforderung zu stellen». Nun betreut sie das gesamte Ressort Frauen in der Landwirtschaft und empfindet diese Aufgabe als sehr spannend. «Wir haben ein sehr gutes und vielschichtiges Team im Vorstand des Verbandes, welches sich den verschiedensten Aufgaben annimmt», so Grunder. «Natürlich freue ich mich, dass ich im Vorstand und gegen aussen die Stimmen der Frauen in unserer Landwirtschaft vertrete».

Auf die Kinder ist Verlass
Abschalten kann sie am besten beim Lesen oder bei einem spannenden Krimi. Aber auch Gespräche und Diskussionen mit ihrem Mann Bruno, den Töchtern oder ihren Nachbarn, sind für Maja Grunder wichtig. «Danach sieht die Welt wieder ganz anders aus». Wenn es die Zeit zulässt, nimmt sie sich mit ihrem Mann gerne mal ein paar Tage Auszeit. «Unsere Kinder sind nun in einem Alter, wo sie gerne mehr Verantwortung übernehmen. Sind wir zwei, drei Tage weg, brauchen wir uns um nichts Sorgen zu machen », freut sie sich nicht ohne Stolz.

Landwirtschaft als Herausforderung
Ihr grosses Anliegen ist, dass es auch in Zukunft möglich sein wird, als Familie einen Betrieb zu führen und davon leben zu können. «Die Bilderbuchlandwirtschaft mit Familie, Kindern, ein paar Tieren und einem schönen beschaulichen Leben, so wie sie vielen Aussenstehenden vorschwebt, gibt es nicht. Die physische und psychische Last, welche viele Familien tragen müssen, ist enorm» zeigt sich Grunder realistisch. «Umso mehr bewundere ich unsere jungen Berufsleute, die trotz allem Landwirtschaft betreiben wollen».

Verantwortung abgeben
Auf die obligatorische Frage, wo sie sich in zehn Jahren sieht, überlegt sie nicht lange und antwortet, dass sie noch immer in der Mühle Entenschiess wohnen werde. «Wo sollte ich denn sonst sein», fragt sie verwundert, um schmunzelnd hinzuzufügen: «Vielleicht haben wir etwas Verantwortung abgegeben und wer weiss, ob ich mich dann nicht bereits als Grosi um die Enkel kümmere».


Daniel Thür










« zurück zur Übersicht