Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
12. Oktober 2018


Die Dynamik der Thur wird gezielt begrenzt

Ausgabe Nummer 30 (2015)

Rückhalten, wo möglich – durchleiten, wo nötig

Die Thurlandschaft ist weitgehend vom Menschen geprägt. Die ehemaligen Überschwemmungsgebiete werden landwirtschaftlich genutzt, sind relativ dicht besiedelt, Industrie und Gewerbe haben sich darin niedergelassen.

Eine Sommermedienfahrt von Mitte Juli, organisiert vom Informationsdienst des Kantons Thurgau und dem Amt für Umwelt, Thurgau, ging der Frage nach, wie weit der Dynamik der Thur freien Lauf gelassen werden kann. Mit der zweiten Thurkorrektion wurde der Thur streckenweise ein Teil ihrer ursprünglichen Dynamik wiedergegeben. Im «Schaffäuli» wurden bestehende Uferverbauungen entfernt, und so ist der Flusslauf ökologisch aufgewertet. Durch eine Kiesbank, die den Flusslauf auf das rechtsliegende Ufer beim «Schaffäuli» lenkte, entstand beim Auenwald Niederneunforn eine Seitenerosion, deren Weiterausbreitung inzwischen gestoppt wurde. Beat Baumgartner, Amtschef, Amt für Umwelt; Heinz Rutishauser, Abteilung Unterhalt/Wasserbau Flüsse sowie Marcel Tanner, stellvertretender Abteilungsleiter der Abteilung Wasserbau und Hydrometrie erläuterten unter anderem das System von Beobachtungs- und Interventionslinie und zeigten dies am Beispiel auf. Ebenso stellten sie das ausgeführte Projekt zur Begrenzung der Dynamik vor. In den Jahren 2001/2002 wurde das damals «hart» verbaute Ufer vor dem Auenwald «Schaffäuli» entfernt. Das Gerinne wurde aufgeweitet, um der Thur einen grösseren Raum vor dem Auenwald zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig befestigte der Kanton Zürich das gegenüberliegende Ufer vor dem Hochwasserdamm mit Leitwerken und Buhnen. Im Thurgauer Abschnitt des Flussbetts wurde weitgehend auf Ufersicherungen verzichtet. Es entstand ein dynamischer Gewässerraum, in dem Auflandungen und Erosion erwünscht sind.

Privatland vor der Dynamik verschonen
Im Hinblick auf die Lebensräume wurde dadurch eine bedeutende Aufwertung für die standorttypische Flora und Fauna erreicht. Zudem entsteht eine Vielzahl auentypischer Habitate (Weich- und Hartholzauen), womit selten gewordene Pflanzen- und Tierarten gefördert werden. Das «Schaffäuli» ist ein Auenwaldgebiet von nationaler Bedeutung und war früher Eigentum der Bürgergemeinde Niederneunforn. Ein Auenwald lebt davon, immer wieder überschwemmt zu werden. Dieses Auenwaldgebiet bestand vor allem aus der Hartholzaue mit den hohen Bäumen, die dem Fluss nicht mehr direkt ausgesetzt waren. Die Experten vom Amt für Umwelt erklärten die Beobachtungs- und Interventionslinie: Nachdem im Dezember 2004 der Kanton Thurgau das Grundstück mit dem Auenwald von der Gemeinde Niederneunforn erworben hatte, wurde aufgrund der Erfahrungen mit dem «Halten» der Uferlinie die Interventionslinie auf die hintere Seite des Auenwaldes verlegt. Der Auenwald sollte in Zukunft nicht vor der Dynamik der Thur geschützt, sondern den natürlichen Kräften des Wassers ausgesetzt sein. Hingegen sollte das Privatland hinter dem Wald vor der Dynamik der Thur verschont werden. Vor der eigentlichen Interventionslinie wurde im Abstand von 40 Metern die «Beobachtungslinie» festgelegt. Bis zu dieser Linie wird die Dynamik der Thur zugelassen.

Sicherung landwirtschaftlicher Nutzflächen
Wenn diese Linie erreicht wird, entscheiden die zuständigen Stellen über die Weiterentwicklung der Dynamik. Aufgrund der im Juni 2010 vorhandenen Kiesbänke hat die Thur angefangen, das Ufer auf der Thurgauer Seite zu erodieren. Die Folge war, dass Bäume des Auenwalds umgefallen sind. Zu Beginn haben die kantonalen Wasserbaufachstellen der Kantone Zürich und Thurgau versucht, die umgefallenen Bäume zu entfernen. Sie haben jedoch rasch erkannt, dass dies einerseits mit hohen Kosten verbunden ist, andererseits diese Dynamik mit umgestürzten, im Wasser liegenden Bäumen, zum Merkmal eines aktiven Auenwalds gehört. Alle betroffenen Fachstellen, auch das Forstamt des Kantons Thurgau, haben die neue Dynamik der Thur mit der schrittweisen «Zerstörung» des alten Baumbestandes und der Schaffung neuer Kiesinseln akzeptiert. 2011 erreichte die Thur erstmals die festgelegte Beobachtungslinie. 2012 und 2013 wurde sie auf einer Länge von über 100 Metern überschritten. Bereits 2012 hatte das Amt für Umwelt ein Projekt zur baulichen Sicherung der Interventionslinie, das heisst der bestehenden Flurstrasse und der landwirtschaftlichen Nutzflächen, in Auftrag gegeben. Es entstand in enger Kooperation mit der Gemeinde Niederneunforn und den Fachstellen des Kantons.

Nutzland vor Bodenverlust sichern
Vorgestellt wurde das ausgeführte Projekt: Ende 2012 gab der Kanton Thurgau ein zweiteiliges Projekt in Auftrag, um die Interventionslinie zu halten. Das Projekt umfasste zwei Bereiche: je einen Perimeterbereich «Vorprojekt» und «Ausführung» (Sofortmassnahmen). Die Sofortmassnahmen waren auf der Höhe der Aufweitung nicht mehr hinausschiebbar. Sie sollten ab Ende 2014 ausgeführt werden. Das Ziel lautete, die Uferverbauungen, die gefährdete Flurstrasse und das dahinter liegende landwirtschaftliche Nutzland vor Bodenverlust zu sichern. Sie sollten möglichst dauerhaft sein und keinen höheren Unterhalt zur Folge haben. Die baulichen Eingriffe waren aufgrund des sensiblen Auenschutzgebietes auf ein Minimum zu beschränken. Das der zweiten Thurkorrektion zugrunde liegende Prinzip des dynamischen Flusses wird beibehalten, bestehende Fixpunkte werden nicht aufgehoben. Buhnen, Längsverbauungen oder Leitwerke sind unterschiedliche Verbauungsarten mit Hilfe von Blocksteinen. Sie sind dauerhaft und unterhaltsarm. Gewählt wurden aus Kostengründen und als ökologischer Kompromiss Leitwerke, die in einem Abstand von 20 Metern angeordnet sind. Die Leitwerke sind 5 bis 6 Meter tief im Boden fundiert und mindestens 5 Meter von der Flurstrasse Richtung Fluss entfernt. Die Blocksteine wurden so eingebaut, dass eine versteckte Böschung mit einer Neigung von 2 : 3 entstand. Ein Blockstein ist zirka 1,5 bis 2 Tonnen schwer.


Isabelle Schwander













« zurück zur Übersicht