Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
6. Juli 2018


"Die Hornkuhprämie ist mir egal"

Ausgabe Nummer 5 (2017)

Die Kühe und Kälber in Daniel Zellwegers Stall tragen keine Hörner, obwohl sie nicht enthornt wurden. Denn Zellweger züchtet auf Hornlosigkeit. Das ist für ihn die Zukunft.

Am Anfang stand ein Inserat. «Ich erinnere mich noch genau, wie mein Vater in einer deutschen Tierzuchtzeitung ein munzig kleines Inserat entdeckte», erzählt Daniel Zellweger. «Darin wurde Sperma von Hornlos-Exoten angeboten.» Sein Vater schnitt das Inserat nicht einfach aus, sondern bestellte zehn Dosen Sperma vom Stier «Expert». Der Grundstein für eine hornlose Herde war gelegt. Das war vor 15 Jahren. Aus tierzüchterischer Sicht ist das ein kurzer Zeitraum. Trotzdem ist heute schon ein stattlicher Teil von Zellwegers Milchkuhherde genetisch hornlos. Der erste heterozygot hornlose Brown Swiss Zuchtstier der Schweiz stammt aus Zellwegers Stall: Er heisst «VW P» und stammt noch aus einer Zeit, in der die genetische Hornlosigkeit in Züchterkreisen ein Randthema war. Letztes Jahr konnten Zellwegers mit Willi PP eine weitere Premiere feiern: Es handelt sich um einen reinerbigen, also homozygot hornlosen Zuchtstier.

Langlebige Kühe
«Wir haben schon immer nicht mit der Masse gezüchtet », erklärt Zellweger die ungewöhnliche Strategie. Der Erfolg gab ihnen Recht. In Zellwegers Stall im thurgauischen Weiningen stehen zahlreiche Kühe, die nicht nur viel Milch geben, sondern diese Milchleistung auch über einen langen Zeitraum hoch halten. Mehrere Kühe glänzen mit einer Lebensleistung von über 100 000 Kilo Milch, sie wurden zehn, zwölf und mehr Jahre alt. Wenn Kühe viel leisten und auch noch alt werden, ist das nicht nur der Genetik zuzuschreiben, sondern auch ein Verdienst des Tierhalters. Denn dazu müssen ganz viele Faktoren stimmen: Fütterung, Haltung, Tierbeobachtung und vieles mehr.

Arbeitsersparnis steht nicht im Vordergrund
Daniel Zellweger hat den Hof in «Hinterzelg» im Jahr 2011 vom Vater übernommen. Zum Betrieb gehören 22 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche, auf drei Hektaren wird Weizen, auf einer Hektare Gerste und auf zwei Hektaren Mais angebaut. Dazu kommen knapp sechs Hektaren Wald und – wie es sich für einen Thurgauer gehört – 180 Hochstammbäume in Produktion. Weitere 80 Hochstämmer sind noch nicht soweit, sie wurden erst vor kurzem gepflanzt. Zellwegers 16 Bienenvölker sichern die Bestäubung. Und alles zusammen sorgt dafür, dass dem jungen Landwirt die Arbeit nicht ausgeht. Er bewirtschaftet den Betrieb mehr oder weniger allein. Der Vater hilft zwar aus und seine Frau geht ihm ab und zu beim Melken zur Hand, wenn die Betreuung der kleinen Kinder das überhaupt zulässt. Doch die Hauptarbeit bleibt am Betriebsleiter hängen. Züchtet er nur deshalb auf Hornlosigkeit, um sich den Aufwand des Enthornens zu sparen? Zellweger schüttelt den Kopf. Wichtiger als die Viertelstunde, die das Enthornen eines einzelnen Kalbs in Anspruch nimmt ist für ihn ein anderer Faktor: «Wenn man die Kälber gerade frisch enthornt hat und sie den Kopf aus dem Fressgitter zurückziehen, stossen sie manchmal an. Das tut ihnen weh und danach saufen sie eine Zeitlang fast nichts.» Mit der Folge, dass das Wachstum stoppt.

Hornlos gleich mehr Sicherheit
Die 24 Kühe in Zellwegers Stall haben keine Hörner, auch das Jungvieh ist durchwegs ohne Horn unterwegs. Ob genetisch bedingt oder künstlich enthornt sieht man den Tieren nicht an. Nur wer genau hinsieht, entdeckt da und dort ein Kalb, bei dem das Fell den Kopf ganz gleichmässig überzieht; ohne die üblichen Dellen an den Stellen, an denen sich der Hornansatz befand. «Beim neugeborenen Kalb muss man nur mit der Hand über den Kopf streifen. Dann merkt man sofort, ob es hornlos ist oder nicht.» Wenn sich später doch einmal so etwas wie ein Hörnli entwickelt, handelt es sich um ein Wackelhorn (siehe Kasten). Selbst wenn es dereinst einmal eine Hornkuhprämie vom Staat geben sollte, wird Zellweger das Ziel einer genetisch hornlosen Herde weiterverfolgen. Auch weil die Sicherheit bei ihm vorgeht: «Mein Grossvater musste einmal eine Kuh in die Metzg geben, weil ihr eine andere Kuh mit dem Horn den Bauch aufgeschlitzt hat.» Und er selbst sei froh gewesen, dass die Kuh, die ihn als Kind gegen die Wand gedrückt hat, keine Hörner hatte. «Die Hornkuhprämie ist mir egal.»

Die Zukunft gehört der Hornlosigkeit
Zellweger zieht alle weiblichen Kälber nach, bei den Stierkälbern nur die vielversprechendsten. Im Zweifelsfall lässt er auch mal für dreissig Franken einen Genomtest machen, um festzustellen, ob die Hornlosigkeit reinerbig oder mischerbig ist. Zellweger ist überzeugt, dass den hornlosen Stieren die Zukunft gehört. «Das wird sich langfristig auch im Preis niederschlagen. » Da Hornlosigkeit dominant vererbt wird, ist das Merkmal relativ einfach zu züchten. Trotzdem dauert es lange, bis eine ganze Herde genetisch hornlos ist. Hornlosigkeit ist schliesslich nicht das einzige Zuchtmerkmal, dass es zu berücksichtigen gilt. Daneben legt Zellweger auch viel Wert auf Persistenz, also die Fähigkeit, die Milchleistung über lange Zeit hoch zu halten. Ein gebärfreudiges Becken und die Zucht auf Langlebigkeit gehören ebenfalls zu den Faktoren, die ihm wichtig sind. Und dass die Tiere zutraulich sind, sowieso. Wer in seinem Stall steht, merkt rasch, dass er dieses Zuchtziel bereits erreicht hat: Die Kühe und Kälber bemühen sich regelrecht darum, von ihrem Besitzer gestreichelt zu werden.


Text und Bilder: Eveline Dudda
LID Landwirtschaftlicher Informationsdienst
















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