Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
6. Dezember 2019


Die Landwirtin als Regisseurin

Ausgabe Nummer 43 (2019)

Die Landwirtin Susann Winkler teilt Hof-News in Form von kurzen Videoclips auf Facebook und WhatsApp. So kann sie nicht nur ihren Kundenstamm aufrechterhalten.

Auf dem Berghof in Rohr SO sorgt Susann Winkler gemeinsam mit ihrem Ehemann Christof Schär für das Wohl ihrer 22 Milchkühe. Die nach Demeter- Richtlinien produzierte Milch wird in der nahen Molkerei verarbeitet. Während Schär als Lohnunternehmer in der Region Getreide, Sonnenblumen und Mais drischt, empfängt Winkler Schulklassen auf dem Hof, bietet Kindergeburtstage und zahlreiche Aktivitäten an, auch für Erwachsene.

Die Anfängerin holt sich Tipps
Um ihre Angebote zu bewerben, ist sie in den Sozialen Medien aktiv. Auf ihrem Facebook-Account postet sie Fotos von Kindern beim Mosten, Bemalen von Vogelhäusern, Pferdereiten. Oder sie zeigt einen Einblick in den Kuhstall – seit ein paar Monaten gerne auch mit kurzen Videos. «Ich war blutige Anfängerin und brauchte etwas Unterstützung», sagt Susann Winkler heute über ihre Anfänge. Im Frühling dieses Jahres meldete sie sich beim Landwirtschaftlichen Informationsdienst (LID) und fragte nach Tipps zum Videodreh. Christine Nussbaumer, die sich mit Hof- Kommunikation beschäftigt, besuchte Winkler auf ihrem Hof und gab ihr fachliche Inputs. «Viele Landwirtinnen und Landwirte haben wie Susann Winkler erkannt, dass auf den Sozialen Medien Videos authentischer rüberkommen und mehr Emotionen auslösen als Bilder», sagt Nussbaumer. «Gleichzeitig haben viele mit der täglichen Hofarbeit schon genug Dinge um die Ohren und kaum Zeit, sich dem Filmen zu widmen.»

Auch Kühe haben Ferien
Genau wie Winkler: Sie hat konkrete Vorstellungen, was sie ihren Zuschauern zeigen will, aber keine Zeit dafür. «Passend zur Schulferienzeit will ich zeigen, warum auch Kühe Ferien brauchen», sagte sie im Frühling und meinte damit die Galtphase, die die Kuh vor jeder Geburt durchmacht und vom Landwirt bis zwei Monate nicht gemolken wird. Nussbaumer empfahl, sich möglichst oft auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zu besinnen und sich ihrem Wissensstand anzupassen. Dem stimmte Susann Winkler zu: «Meine Videos sollen Freude bereiten. Ich will die Leute nicht belehren, sondern sie auf dem Laufenden halten und ihnen interessante Einblicke in den Berghofalltag geben.» Gerne arbeitet Winkler mit Vergleichen aus der Landwirtschaft zu Alltagssituationen, die die Leute gut kennen.

Kälbchen sind das Highlight
Unterdessen finden sich im Facebook-Feed von Winklers Berghof regelmässig Videos mit Anekdoten und spielerischen Aufnahmen direkt aus dem Stall. «Wenn ein Kälbchen geboren wird, ist das immer ein Highlight für die Zuschauer», sagt Winkler. «Das Kälbchenvideo hat in nicht mal 24 Stunden über 100 Klicks, zahlreiche Interaktionen und Kommentare erhalten.» Bei der Namenssuche helfen jeweils die Follower mit. Das sind vorwiegend Mütter, die ihre Kinder auf den Hof bringen, Kollegen und Geschäftspartner.
Der straffe Zeitplan auf dem Hof lässt noch immer nicht viel Zeit zum Filmeschneiden übrig. «Ich filme zwar ab und zu eine Sequenz im Stall, aber fürs Bearbeiten hatte ich in den letzten beiden Wochen nicht viel Zeit, da Schulferien und Erntesaison zusammenfielen », bedauert Winkler. Sie stellt auch vermehrt kurze, unbearbeitete Sequenzen auf Facebook oder in ihren WhatsApp-Status. Hofft aber, dass sie in einer ruhigen Minute kurze Videos schneiden und so zeigen kann, was die Kinder beispielsweise in der Herbstferienwoche alles erleben. Sie nutzt die Sozialen Medien nicht primär als Werbeplattform: «Ich erlebe auf dem Hof andauernd schöne Momente. Die teile ich gerne mit anderen Leuten. Jeder soll sehen, wie toll Landwirtschaft ist.»


Text und Bilder:
Melina Gerhard, lid.ch







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