Ausgabe Nummer 47 (2004)

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Die Position vom Verband der Thurgauer Milchproduzenten

Stellungnahme des Vorstandes der Thurgauer Milchproduzenten
 
Die Position vom Verband der Thurgauer Milchproduzenten
 
1. Kernpunkte aus der Verordnung des Bundesrates
Der Bundesrat hat die Verordnung für den Ausstieg aus der Milchkontingentierung (VAMK) beschlossen und per 1. Januar 2005 in Kraft gesetzt. Gegenüber dem bereits im Vorsommer vorgelegten Entwurf für die Verordnung haben nur wenige Punkte geändert. Schwerpunkte in der Verordnung sind:

Der Ausstieg aus der Milchkontingentierung ist je per 1. Mai 2006, 2007 oder 2008 möglich.
Aussteigen können Milchproduzenten, die in einer Branchen-, Produzenten- (PO) oder Produzenten-Milchverwerter-Organisation (PMO) Mitglied sind.
Es können innerhalb einer bestehenden Organisation auch Teile der Produzenten aussteigen.
Die minimal vermarktete Milchmenge für PO beträgt 50 Millionen kg pro Jahr.
Für PMO beträgt die minimal vermarktete Milchmenge 20 Millionen kg pro Jahr, Ausnahmen sind in Gebieten mit regionaler Milchverwertung, welche von Bedeutung ist, möglich.
Das einem Produzenten zugeteilte Kontingent 2005/06 (inkl. gemietete Kontingente) zuzüglich der Milchmenge durch Zusatzkontingente, wird dem Produzenten entzogen und der Organisation als Basismenge zugeteilt. Diese teilt die Milchmenge gemäss Mengenreglement den Produzenten zu.
Produzenten, die ausgestiegen sind und die von ausserhalb der Organisation Kontingent zukaufen, wird die Basismenge entsprechend erhöht.
Beim Wechsel in eine andere oder Ausschluss aus einer ausgestiegenen Organisation wird dem Produzenten die Milchmenge mitgegeben. Eine Rückkehr in die Milchkontingentierung des Bundes ist nicht mehr möglich, ausser wenn sich die Organisation auflöst.
Jede aussteigende Organisation muss dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) ein Mengen- und Sanktionsreglement zur Genehmigung einreichen und den Nachweis erbringen, dass sie die Administration der Milch und das Controlling durchführen kann. Die Auslagerung der Administration ist möglich.
Gesuche zum Ausstieg müssen mindestens 6 Monate vor dem Ausstiegsdatum beim BLW eingereicht sein.
Für Mehrmengen (Projektmilch) ist der Mengenbedarf, die Verteilung der Mengen auf die Produzenten und die Durchführung des Controllings nachzuweisen. Mehrmengen bedürfen der Bewilligung durch das BLW und gelten für ein Jahr.

2. Ziele für den Ausstieg aus Sicht der Milchproduzenten
– viel Milch zu möglichst guter Wertschöpfung für den Milchproduzenten an den Markt bringen.
Strukturen schaffen, die auch nach 2009 eine Ordnung in der Milchvermarktung erhalten, wobei insbesondere der Problematik der Restmilchverwertung ab Käsereien, der Saisonalität von Milchmenge und Milchabsatz, dem Rückzug des Bundes aus der Marktstützung, dem Druck auf den Milchpreis, wenn keine Ausregulierung des Marktes/Marktabräumung erfolgt, Gewicht beizumessen ist.
Abhängigkeit von Marktschwankungen durch mehrere starke Absatzkanäle reduzieren (Risikoverteilung).

3. Handlungsachsen
Der Milchverkauf ist in Produzentenorganisationen (PO) zu bündeln.

Für die Milchproduzenten ist weniger wichtig, was ab 1. Mai 2006 passiert, sondern vielmehr, wie die Produzenten ab 1. Mai 2009 für den Markt und die Zielsetzungen gerüstet sind. Ein Zusammenschluss in Vermarktungsorganisationen bis spätestens 30. April 2008 ist deshalb wichtig!


Im Interesse der Milchproduzenten müssen die PO Milch direkt von Produzenten kaufen, abrechnen und verkaufen (nicht nur das Mengenmanagement durchführen).
Die PO muss mehrere starke Absatzkanäle haben (Molkereien, Käsereien, Industrie).
Eine PO kann durchaus mit Milchverarbeitern PMOs gründen und auf dieser Basis die Milch verkaufen. Wichtig ist aber, dass die Produzenten für die strategische Ausrichtung und die Steuerung der PO Verantwortung übernehmen.
Für die Milchverarbeitungsbetriebe soll Stabilität und Flexibilität in der Milchmenge ermöglicht werden, um dadurch für alle Stufen Mehrwerte zu schaffen.
Die Logistik der Milch und die Qualitätskontrolle/-sicherung müssen die Ansprüche der Milchverarbeiter befriedig
en.

Milch Pool AG ist ein Projekt der drei Ostschweizer Milchverbände mit Einbezug der grossen Milchringe in den Milchverbänden Winterthur und St.Gallen-Appenzell.




5. Beurteilung der verschiedenen Modelle
Als langfristig ausgerichtete, produzentenseitig geleitete Lösungen, wenn die Produzenten am Markt und die zukünftige Strategie ihrer Organisation über 2009 hinaus mitbestimmen wollen, eignen sich nur Modelle analog der PO Milch Pool AG und Thur Milch Ring AG.
Die Modelle PMO AG (Milchkäufer/Käser 50 Prozent, Milchproduzenten 50 Prozent) und Arnold Produkte AG zielen darauf ab, eine Organisation als Übergangslösung anzubieten, mit der wahrscheinlichen Absicht, den Milchkaufvertrag, die Milchzahlung und damit den Marktzugang für die Milchmenge nach 2009 nicht aus den Händen zu geben.
Aus Sicht der Milchproduzenten ist eine Lösung anzustreben, mit der Mengenmanagement, Milchgeldabrechnung und Milchverkauf in einer Hand vereinigt sind (PO). Solche PO bieten grösstmögliche Transparenz in der Milchgeldabrechnung und in der Handelsmarge sowie direkte Einflussnahme der direkt betroffenen Milchproduzenten auf strategische Entscheide der PO.
Das Modell Thur Milch Ring beschränkt die direkte Übertragung von Mengen von Produzent zu Produzent, es wird aber konsequent auf Mengenwachstum gesetzt (Projektmilch). Die anderen Modelle sehen die freie Übertragbarkeit der Vertragsmengen auch organisationsintern bis 2009 vor.
Dem Modell Milch Pool AG wird die Möglichkeit zugetraut, möglichst viele Produzenten unter einem Dach zu vereinen, weil auch die Vertragsmengen frei übertragen werden können.
Für alle Modelle gilt: Es müssen mindestens zwei starke Absatzkanäle vorhanden sein (Molkereien, Käsereien, Industrie), damit das Marktrisiko besser verteilt ist, die Qualitätssicherung und die Rückverfolgbarkeit können gelöst werden.
Ab 2009 gibt es keine Garantien mehr, sondern nur noch Vertrauen, Vertragsmenge und kündbare Verträge. Zusagen, dass Vertragsmengen dann noch einen Wert hätten, hängen allein vom Verarbeiter ab.
Der Ausstieg muss nicht zwingend erfolgen. Jeder Milchproduzent/jede Genossenschaft entscheidet frei, ob, wann, wie und mit wem aus der Kontingentierung ausgestiegen werden soll.
Thur Milch Ring AG ist eine 1999 gegründete Produzentenorganisation, welche im Thurgau tätig ist.
PMO AG ist der Projektname für das Modell der Ostschweizer Milchkäuferverbände (Käser).

6. Fragen, die beantwortet werden müssen
Folgende Fragen müssen durch Milchproduzenten/Genossenschaften beantwortet werden, wenn sie aus der Kontingentierung aussteigen wollen:

1 Will ich den Produktionszweig Milch aufgeben oder länger als bis 2009 Milch produzieren?
2. Wie gross ist das Risiko, wenn ich oder meine Genossenschaft/ Milchring nur einen oder zwei Abnehmer habe (zum Beispiel Kleinmolkerei oder eine Käserei)?
3. Hat mein Milchkäufer (Organisation, Milchring, Firma) mehrere starke Absatzkanäle in verschiedene Produktesektoren (Molkerei, Käserei, Industrie)?
4. Ist die Organisation, mit der ich aussteigen will, langfristig ausgerichtet, d.h. über 2009 hinaus?
5. Sind in der Organisation, mit der ich aussteigen will, das Mengenmanagement, die Milchgeldabrechnung und der Milchverkauf in einer Hand, oder ist es gesplittet, das heisst auf mehr als eine Firma/Stufe verteilt?
6. Bietet die Organisation Transparenz in Milchgeld und Handelsmarge?
7. Kann ich meinen Einfluss in der strategischen Ausrichtung direkt geltend machen?
8. Hat meine PO direkten Kontakt mit den Milchverarbeitern oder macht das eine andere Firma?
9. Haben die Produzenten in der Organisation die Stimmenmehrheit und die Führung inne?
10. Ist der Milchabsatz gesichert, wenn der heutige Milchkäufer (Käserei) seinen Betrieb aufgibt?
11. Will ich meine Milchproduktion ausbauen (wachsen) und für den Kauf von Milchmenge Geld ausgeben?
12. Will ich wachsen und bin ich allenfalls bereit, Mehrmenge zu einem tieferen Milchpreis (Projektmilch) zu produzieren?
13. Kann ich wachsen ohne bauliche Investitionen, wo liegt die Grenze für den Ausbau des Produktionszweiges Milch, wo liegen die Grenzkosten in der Milchproduktion?
14. Wie sieht die Betriebsnachfolge aus?
Je nach individueller Beantwortung dieser Fragen ergibt sich Handlungsbedarf und sind Entscheidungen nötig, was auf dem Betrieb ansteht, ob ich aussteigen will oder nicht und mit welcher Organisationsform.

7. Schlussfolgerungen
Der Ausstieg aus der Milchkontingentierung muss nicht zwingend erfolgen.
Der Ausstieg kann per 1. Mai 2006, 2007 oder 2008 erfolgen.

– Je mehr starke Absatzkanäle eine Organisation oder Firma hat, umso geringer ist das Marktrisiko.
– In einer Produzentenorganisation, die eigenständig am Markt auftritt, wird die Wertschöpfung zugunsten der Milchproduzenten optimiert.
– Je besser die Milchproduzenten über 2009 hinaus organisiert sind, umso stärker können sie am Markt auftreten.
– Ab 2009 ist der Milchmarkt weitgehend frei! Was freier Markt bewirken kann, können wir am Beispiel des Emmentalers lernen. Schaffen wir deshalb Strukturen, die eine solche Entwicklung verhindern helfen!


Für die Durchführung von regionalen Informationsveranstaltungen (5 bis 8 Genossenschaften, 40 bis 50 Teilnehmer) und Beratungen wenden Sie sich an die Geschäftsstelle der Thurgauer Milchproduzenten. Im Verlaufe des Winters 2004/05 werden öffentliche Informationsveranstaltungen für alle Milchlieferanten durchgeführt.


Innerhalb einer Organisation (Milchring, Genossenschaft, PO) können Produzenten mitmachen, die aussteigen und auch solche, die nicht aussteigen.
Mit einer PO nehmen die Milchproduzenten den besten Einfluss auf das Marktgeschehen, mit einer PMO reduziert sich die Einflussnahme.
Wer aussteigen will, soll sich gut überlegen, mit wem er aussteigt. Die Zeiten für die Milchproduzenten werden angesichts der vorgesehenen politischen Entwicklungen noch härter (Abbau Bundesmittel für die Marktstützung, Öffnung der Grenzen). Falsche Entscheide in den nächsten Monaten können über 2009 hinaus fatale Auswirkungen haben.
Der Vorstand der Thurgauer Milchproduzenten steht dafür ein, dass Milchproduktion und Milchverkauf mit starker Einflussnahme der Produzenten und mit partnerschaftlichen Lösungen gegenüber den Milchverarbeitern in die Zukunft geführt wird.

Weitere Informationen auf folgenden Internetseiten:
www.blw.amin.ch
www.swissmilk.ch
www.milchthurgau.ch
www.walter-arnold.ch
www.thurmilch.ch

Alfred Ernst, Thurgauer Milchproduzenten
 
 
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