Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
13. Juli 2018


"Die Verhinderung Der Moderhinke liegt in unseren Händen"

Ausgabe Nummer 42 (2017)

Die Moderhinke ist in der Schweiz bei Schafen noch immer weit verbreitet. Trotz intensiven Bemühungen ist es bislang nicht gelungen, die schmerzhafte Klauenkrankheit auszumerzen. Mit einer neuen schweizweit koordinierten Bekämpfung soll nun der Durchbruch gelingen. Ein schwieriges, aber unbedingt notwendiges Unterfangen, wie die zwei Schafhalter David Giger und Josef Fässler im Interview mit dem BLV erzählen.

Als Schafzüchter ist Moderhinke für Sie kein Fremdwort. Wie gross ist das Moderhinke- Problem in der Schweiz Ihrer Meinung nach?
David Giger: Über die Anzahl der mit Moderhinke infizierten Schafbestände in der Schweiz kann nur spekuliert werden. Hauptsächlich zeigt sich die Situation im Tierverkehr. Beim Zukauf von Tieren steht die Frage nach dem «sauberen» Bestand stets im Vordergrund. So mancher Kauf wird nicht getätigt, weil diese Frage nicht beantwortet werden kann.
Josef Fässler: Die Probleme mit der Moderhinke sind leider in vielen Regionen noch immer zu gross. Ich sehe jedoch Fortschritte.
David Giger: Im Vergleich zur übrigen Landwirtschaft haben die Schaf- und Ziegenbestände jedoch eine kleine Bedeutung. Deshalb fehlt meiner Meinung nach das Interesse an einer Auslegeordnung bezüglich der Moderhinke. Aus der öffentlichen Perspektive betrachtet leben wir Schafhalter darum mit der sehr undankbaren Situation der Schuldzuweisung. Dieser unhaltbare Zustand sollte dringend beseitigt werden.

Wie oft kam/kommt das Problem in Ihrem Schafbestand vor?
Josef Fässler: Früher hatten wir das Problem in jedem Jahr, zumeist im Herbst. Die Moderhinke wurde aber auch nie vollständig bekämpft. Das Schneiden der Klauen war zudem viel aufwendiger als heute. In den letzten Jahren hatte ich keine Probleme mehr mit Moderhinke. Meine Herde ist seit zwölf Jahren frei von Moderhinke.
David Giger: Ich halte seit mehr als zwanzig Jahre Schafe. Das Problem Moderhinke kenne ich nicht in meinem Bestand. Vielleicht habe ich einfach Glück. Obwohl ich auf verschiedenen Alpen sömmere, konnte ich meine Schafe in all den Jahren immer gesund heimführen.

Welches sind die Haupt-Ansteckungsquellen aus Ihrer Sicht?
David Giger: Moderhinke ist hochansteckend. Überall wo Schafe verschiedener Betriebe zusammengeführt werden ist eine Ansteckung möglich. Im Heimbetrieb kann die Moderhinke auch durch Fehlverhalten des Tierhalters auf die Tiere übertragen werden. Aus diesem Grund ist für mich eine mit gesundem Menschenverstand erarbeitete Struktur und Organisation im Betrieb, im Tierverkehr, bei Ausstellungen und so weiter grundlegend, um eine Ansteckung zu verhindern. Die Verhinderung der Moderhinke liegt in unseren Händen, den Händen der Schafhalter.
Josef Fässler: Die Probleme sind vielfältig: Schafalpen mit vielen Bestössern, grosse Herden auf engem Raum, Zukauf von Schafen aus unsanierten Betrieben. Leider wird auch die mögliche Ansteckung an Ausstellungen, beim Viehtransport oder durch Klauenwerkzeuge oft unterschätzt.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie in Ihrem Bestand ein Tier mit Moderhinke oder Verdacht auf Moderhinke feststellen?
Josef Fässler: Ich gehe in solchen Fällen sehr konsequent vor. Vor zwei Jahren beispielsweise habe ich auf unserer Alp einen Steinbock mit Moderhinke beobachtet. Aus diesem Grund habe ich beim Alpabtrieb die ganze Herde kontrolliert und ins Klauenbad gestellt. Meine Schafe müssen auch nach Ausstellungen zusammen mit unsanierten Schafen ins Klauenbad.
David Giger: Das beste Mittel zur Früherkennung der Moderhinke ist die Tupferprobe. Bei einem positiven Resultat muss sofort gehandelt werden. Wir Schafhalter kennen das Vorgehen: Klauenpflege, Klauenbäder und das Trennen der infizierten von den nicht infizierten Tieren. Die Sanierung bedingt unter Umständen Investitionen an die Infrastruktur, sie beansprucht Zeit, fordert Geduld und Ausdauer. Um die Erfolgskontrolle zu bestehen, muss auch das «letzte Moderhinke-Schaf» gefunden und behandelt werden.

Wie gross ist der Aufwand, um die ganze Herde zu sanieren und welche Voraussetzungen müssen für eine Sanierung aus Ihrer Sicht gegeben sein?
David Giger: Der Aufwand einer Herdensanierung lässt sich nur punktuell beziffern. Entscheidend ist der Schweregrad der Moderhinke im Bestand. Eine wichtige Rolle spielt zudem die Grösse des Tierbestandes, die Betriebsstruktur und das professionelle Vorgehen des Tierhalters. Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass der Wille der Tierhalter die Moderhinke zu bekämpfen, vorhanden ist. Noch fehlt aber ein gemeinsames Vorgehen.
Josef Fässler: Das Wichtigste ist der Kopf: Ohne den absoluten Willen zur raschen und absoluten Sanierung geht es nicht. Die Behandlung von allen Schafen nach dem Alpabtrieb, der Klauenschnitt, das Klauenbad, trockene Stallböden, die Separierung von kranken Schafen und die zusätzlichen Kontrollen und Behandlungen, der Verzicht auf Zukäufe aus nicht sanierten Betrieben und das Vermeiden von weiteren Ansteckungsquellen: Das alles sind notwendige Massnahmen, die ein Schafhalter in jedem Fall einhalten muss. Die Behandlung von Schafen mit Moderhinke und Kontrollen über das ganze Jahr hinweg ist hingegen noch um einiges aufwendiger.

Wie sinnvoll ist aus Ihrer Sicht ein nationales Bekämpfungsprogramm?
Josef Fässler: Die nationale Bekämpfung erachte ich als sinnvoll. Es ist aber eine schwierige Aufgabe. Jeder Schafhalter muss überzeugt zur Sache gehen. Heute steht das Tierwohl immer mehr im Vordergrund. Kein Schaf sollte solche Schmerzen ertragen müssen. Ein weiterer positiver Effekt: Gelingt die schweizweite Sanierung, muss künftig weniger Antibiotika eingesetzt werden.
David Giger: Ich bin gleicher Meinung. Ein nationales Bekämpfungsprogramm ist unabdingbar für die Eindämmung der Moderhinke beim Schaf. Es braucht ein zielstrebiges, gemeinsames und praxisnahes Vorgehen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es auch Vorgaben braucht, moderhinkefreie Bestände wirkungsvoll zu schützen. Die umfangreiche Arbeit der Sanierung selber ist die Aufgabe der Tierhalter. Der administrative und finanzielle Aufwand muss aber für den Tierhalter verhältnismässig und tragbar sein.


Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV)










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