Thurgauer Bauer

Aktuelle Ausgabe vom
22. Mai 2020


Die vierte Dimension

Ausgabe Nummer 20 (2020)

Gedanken zu Himmelfahrt

Englische Wörter haben Konjunktur, manchmal sogar im «Thurgauer Bauer». Nicht immer ist das ein Gewinn. Warum spricht man von «shopping bag» statt von Einkaufstasche? (Umso auffallender, wenn diese für den Verkauf in Hofläden angeboten wird und im Edelweiss- Design daherkommt, pardon: im Edelweiss-Muster.)

Gelegentlich ist das Ausweichen auf Englisch aber auch hilfreich. Im Englischen gibt es zwei Wörter für das deutsche Wort «Himmel »: «sky» (im naturwissenschaftlichen Sinn) und «heaven» (im biblisch-religiösen Sinn). Natürlich hat man das in früheren Zeiten nicht streng unterschieden. So steht nicht nur im Deutschen das Wort «Himmel» für beides, sondern z.B. auch im Französischen («ciel»). Der astronomische Himmel galt zugleich als das Himmelszelt, in dem man sich den Thron Gottes vorstellte.
Heute tut man gut daran, zu unterscheiden. Wenn man Himmelfahrt im Sinn von «sky» versteht, kommt man beim Fest von Christi Himmelfahrt bald einmal in Erklärungsnotstand. Wo ist er denn heute? Was wäre die maximal mögliche Distanz, die er in den vergangenen 2000 Jahren zurückgelegt haben könnte? Schnell wird klar: Wenn Christus in den Himmel aufgefahren ist, will das heissen: Er ist zu Gott zurückgekehrt, in jene Sphäre, die man nicht in der dreidimensionalen Welt lokalisieren kann.
Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten «150 Jahre Landeskirchen Thurgau» wurde in der Kartause Ittingen und in Fischingen je ein Kunstwerk erstellt zum Thema «Ein Stück Himmel im Thurgau». Während in Warth der beauftragte Künstler eine Himmelsleiter gestaltet hat, setzte in Fischingen das Künstlerduo den Auftrag so um, dass es eine runde Metallplatte aufstellte, in dem sich bei einigermassen schönem Wetter der Himmel spiegelt.
Eine Wanderung zu beiden Orten lohnt sich. Beim Kunstwerk auf der Ottenegg ist es wie bei vielen modernen Kunstwerken: Inhalt und Aussage erschliessen sich nicht auf Anhieb eindeutig und vollständig. Ist es nun nur der Himmel mit seinen Wölklein, die sich spiegeln? Oder ist es doch mehr? Oder wird es in mir mehr, wenn ich mich meinen Gedanken hingebe? Wenn ich den Gedanken zulasse, dass die messbare, im Kosten-Nutzen-Verhältnis bewertbare dreidimensionale Welt vielleicht doch nicht alles ist? Wenn die vorausgegangene Wanderung zum Sinnbild wird, dass ich in meinem Leben als Wanderer unterwegs bin, im Sinn von: «Wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir?»
«Heaven is a wonderful place», so heisst es in einem Gospel, der nicht selten auch von weltlichen Chören gesungen wird. Meistens auf Englisch, und das ist richtig so. Übersetzungen nehmen den Gospelliedern meist das Ursprüngliche. Genauso wäre es, wollte man Lieder von Peter Roth ins Schriftdeutsche übertragen. Um nicht mit Englisch, sondern mit Ostschweizer Mundart zu enden, hier eine Stelle aus «Juchzed und singed»: «Dis Rich goht öber Himmel und Erde, dis Liecht erschint allne Mensche, din Fride schenksch du de ganze Welt. Amen.»


Text: Wilfried Bührer, Pfarrer, Frauenfeld
Bild: Steffen/Schöni







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