Ausgabe Nummer 49 (2007)
Ein Franken pro Kilo Milch gerechtfertigt
Lücken bei der Regelung zur Ausstiegsverordnung der Milchkontingentierung
Die Neue Bauernkoordination Schweiz warnt Milchproduzenten vor zu grosser Euphorie und fordert einen Milchpreis von einem Franken pro Kilogramm Milch.Vor 164 Bäuerinnen, Bauern und Konsumenten stellte Hans Stalder, Präsident Neue Bauernkoordination Schweiz (NBKS), an der Winterveranstaltung in Märstetten unmissverständlich fest, dass ein Milchpreis von einem Franken pro Kilo für die Produzenten laut der vorliegenden Vollkostenrechnung gerechtfertigt sei. Der Aufschlag von sechs Rappen, der von den meisten Verarbeitern gewährt werde, sei zu klein. In den EU-Ländern, wo der Milchpreis bisher kleiner war als in der Schweiz, werde heute mehr bezahlt als hier. So liege der Milchpreis beispielsweise in Holland bei 48 bis 50 Cent (80 bis 83 Rappen). In der Schweiz habe der SMP (Schweizer Milchproduzenten) eine marktgerechte Milchpreiserhöhung erfolgreich verhindert. Der SMP greife in die Märkte ein, ohne dazu einen Auftrag der Vertragsparteien noch die Verfügungsgewalt über die Milch zu haben. Stalder betonte, dass bei den Bauern trotz guter Marktlage keine Goldgräberstimmung aufkommen dürfe.
Kräfte europaweit bündeln
Romuald Schaber, Präsident Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM), zeigte, wie die Deutschen Milchproduzenten ihre Kräfte in kurzer Zeit bündelten und so bei den Milchverwertern einen besseren Produzentenpreis (40 Cent pro Kilogramm) erzielten. Er ist überzeugt, dass an der weltweiten Milchknappheit weder der Mehrkonsum von Milch in China oder Indien oder die Dürre in Australien schuld sei. Schaber, der auch Präsident des European Milk Board (EMB) ist, fordert die Solidarität und den Zusammenschluss aller Milchbauern in Europa. Nur so erhalten die Milchproduzenten die ihnen gebührende Macht am Milchmarkt. Schaber glaubt, dass die Milchpreise in Zukunft grösseren Schwankungen ausgesetzt sind.
Ausstiegsverordnung lückenhaft
Andreas Wasserfallen, Rechtsanwalt und diplomierter Ingenieur Agronom ETH, stellte in seinem Referat «Gesetzesschlamassel im Milchmarkt» das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes vom 5. September vor. Hier wurde ein Bauer geschützt, der aus gesundheitlichen Gründen sein Milchkontingent vermietete und dieses nach seiner Genesung wieder zurück wollte, was ihm vom Bundesamt für Landwirtschaft verwehrt wurde. Nach dem Urteil habe die Meinung des Bundesamtes wonach keine Zinszahlungs- und Rückgabepflicht bestehe, keine gesetzliche Grundlage, betonte Wasserfallen. Das Urteil zeige, dass die Regelung in der Ausstiegsverordnung lückenhaft sei, betonte Wasserfallen.
Sanfte Mehrmengenausdehnung
Nach Meinung von Andreas Galler, Leiter Sektion Milch beim BLW, löste der vorzeitige Ausstieg aus der Milchkontingentierung, wo rund 80 Prozent der Milchproduzenten mit neun Produzentenorganisationen (PO) und 25 Produzenten-Milchverwerter- Organisation (PMO) ausstiegen, eine Dynamik aus. Galler glaubt, dass sich diese Organisationen gut an die neuen Bedingungen angepasst haben. So konnte eine sanfte Mehrmengenausdehnung erzielt werden. Die PMO seien mit ihrer Nischenproduktion auf Erfolgskurs und der Exportmarkt verlange nach Spezialitäten. Ab 2009 werde lediglich eine Vertragspflicht zwischen Milchproduzent und Milchkäufer verlangt. Das Milchmanagement werde durch die Organisationen abgewickelt. Laut Galler ist es ab 2009 möglich, dass Milchproduzenten uneingeschränkt Milch produzieren können, wenn sie einen Milchkäufer finden. Die anschliessende Diskussion zeigte aber die grosse Unsicherheit und Unzufriedenheit bei den Bauern.
Mario Tosato

Unterschiedliche Meinung zum Ausstieg der Milchkontingentierung (von links): Romuald Schaber, Andreas Galler, Andreas Wasserfallen und Hans Stalder. (tos)
